Erlangen - Etliche dieser dörflichen Bierkeller boten bei Luftangriffen Schutz, in einem horteten die Nazis gegen Kriegsende Wein- und Schnapsbestände, und eines der unterirdischen Felsengewölbe diente sogar zur Rüstungsproduktion. In Folge der militärischen Zweckentfremdung dieses Bierkellers kam es dort auch zu einem Tötungsdelikt.
Verwaiste Keller im Umkreis von Erlangen berichten aber auch von erfreulichen Dingen wie feucht-fröhlichen Festen, dokumentieren Kulturgeschichte wie den Weinbau von Mönchen und den einstigen Brauerei-Boom oder belegen die Experimentierfreudigkeit von Mitbürgern. Einzelne Keller wurden nämlich, nachdem die Fässer herausgerollt waren, auch zur Spielzeugproduktion, zur Züchtung von Pilzen und sogar zur Wässerung von Fischen genutzt.
Magnetische Kraft
Seit der ersten Bergkirchweih im Jahr 1755 haben die Bierkeller am Erlanger Burgberg nichts von ihrer Magnetkraft eingebüßt. Im wahrsten Sinn des Wortes in der Versenkung verschwunden sind hingegen viele Kellergewölbe auf dem Land. Auch dort hatte man einst rauschende Kellerfeste gefeiert, und später spielten sich in den Gewölben auch vereinzelt menschliche Tragödien ab. Dieser Bericht beschreibt einige der verwaisten Felsenkeller.
Der belegbar betagteste Felsenkeller in der Nachbarschaft von Erlangen verbirgt sich zwischen Gestrüpp auf dem Gugelhügel in Neunkirchen an der Straße nach Großenbuch. Der letzte Propst des ehemaligen Augustiner-Chorherrenstifts habe ihn 1542 zusammen mit weiteren (längst verschwundenen) Weinbergen anlegen lassen, heißt es in einem heimatgeschichtlichen Aufsatz von Altbürgermeister Alfred Derfuß.
Neunkirchen, das heute noch über zwei Brauereien verfügt, war aber auch schon vor Jahrhunderten ein Produktionsort von Gerstensaft. Als sich gegen 1680 ein gesteigertes Qualitätsbewusstsein durchsetzte, begann man das Bier im Winter einzubrauen und in Felsenkellern für den Sommer einzulagern.
Die Keller zweckentfremdet
Die Neunkirchener Bierbrauer legten aber nicht nur Keller in ihrem Heimatort an , sondern auch im benachbarten Kleinsendelbach. Dort wurde (oberhalb des Kellerwegs) ein Gemeinschafts-Bierkeller in den Felsen gehauen. Er liegt unterhalb eines schon damals bewaldeten Hügels, und das Blätterdach der Bäume sorgte zusätzlich für Kühlung.
Dieses Kleinsendelbacher Felsengewölbe, dessen Entstehung der Heimatforscher Wilhelm Held beschrieb, wurde im Zweiten Weltkrieg erheblich erweitert und zweckentfremdet.
Bei einer Führung vor etlichen Jahren berichtete der damalige Bürgermeister der Gemeinde, Alfred Schramm, dass das unterirdische Gewölbe zur Rüstungsproduktion genutzt wurde.
Die zwei vormaligen Bierkeller wurden in mühsamer Arbeit zu einer Halle von 100 Meter Länge und 30 Breite vergrößert. Fremdarbeiter mussten dort Elektrotechnikteile für Kampfflugzeuge produzieren Nach dem Krieg deckten sich dann Radiobastler im verlassenen Keller mit Geräteteilen ein. Einige Zeit hatte dort auch ein Hersteller von elektrischen Eisenbahnen eine Lagerhalle.
Grausamer Fund
Nach dem Einmarsch der Amerikaner und der Befreiung der Fremdarbeiter machte man auf dem Gelände einen Leichenfund. Ein Toter, wahrscheinlich ein früherer Aufseher, steckte kopfüber in einem Schacht, wie ein Zeitzeuge erzählte.
Angst, wenn auch in weniger grausamen Ausmaß wie in dem Kleinsendelbacher Behelfs-Rüstungsbetrieb, ging auch in anderen Felsenkellern um. In Uttenreuth, Bubenreuth (Keller oberhalb der Waldstraße), Heroldsberg und Möhrendorf-Kleinseebach flüchteten sich Ortsbewohner bei Luftangriffen in die unterirdischen Gewölbe.
Im Wein gebadet
In Uttenreuth kam es untertage noch zu einer feuchtfröhlichen Feier bei Kriegsende. Wie Erich und Regina Paulus in ihrer Ortschronik berichten, wurden in einem der Stollen riesige Mengen an Wein und Spirituosen entdeckt — eingelagert von der Partei oder der Wehrmacht. Amerikaner schossen Löcher in die Fässer, und in rotem Wermutwein watende Sieger und Verlierer bedienten sich.
Heute versperren Eisenstangen die Kellereingänge auf dem Uttenreuther „Weinberg“. Nach Forschungen des Ehepaares Paulus wurden die sieben bis zu 200 Meter in den Berg reichenden Keller nach und nach von örtlichen Brauern und keinesfalls von „Winzern“ angelegt. An einem Kellerhäuschen fanden — wie auch eine alte Ansichtskarte belegt — Bierausschank, Feste und Theateraufführungen statt, auch die Studenten der Uttenruthia feierten mit.
Später züchtete ein Erlanger Unternehmer noch drei Jahrzehnte lang Champignons in den Stollen.
Ein Jubiläum fällig
Während die Uttenreuther Keller (an einem befindet sich die Jahreszahl 1848) verwaist und teils verschüttet sind, befinden sich die Möhrendorfer in relativ gutem Zustand. Sie wurden in Kleinseebach „Am Hohl“ angelegt, an einem bewaldeten Hügel, an dessen Fuß eine künstliche Plattform und ein Weiher liegen.
Früher fanden auf diesem Gelände Feste der örtlichen Vereine statt, und Chöre und Musikkapellen sorgten für Stimmung.
In diesem Sommer könnte man 150-jähriges Jubiläum feiern, denn in einer Ausgabe des „Intelligenzblatts der Stadt Erlangen von Mai 1854 ist nachzulesen: „.Heute, Donnerstag, den 25. Mai (1854), wird in Kleinseebach der Felsenkeller eröffnet, wobei Harmoniemusik (reine Bläsermusik) stattfindet. Indem ich hiermit die verehrlichen Bewohner Erlangens und der Umgegend dazu höflich einlade, bemerke ich zugleich, dass während der Sommerzeit alle Mittwoch, Samstag und Sonntag der Keller geöffnet bleibt. Zahlreichem Besuch sieht entgegen Gastwirt Thiem.“
In die Unterwelt abgetaucht
In Kleinseebach gibt es einen „oberen“ sowie untere Keller. An letzterem spielten sich die Feste ab. Mit angeregt durch die EN, zeigte schon der frühere Bürgermeister Helmut Reck Interesse an einer Wiederbelebung des Areals. Unter seinem Nachfolger Konrad Rudert wurde im Vorjahr ein Sommerfest mit Kellerbegehung abgehalten, bei der man mit Schutzhelmen und Taschenlampen ausgerüstet in das 250 Meter lange Höhlenlabyrinth eintauchen konnte. Teils geht dies nur in gebückter Haltung. Der tiefste Punkt liegt 14 Meter unterhalb der Erdoberfläche.
Die Keller waren früher im Besitz einer Baiersdorfer Brauerei, die dort ihr Bier lagerte, später nutzte eine Nürnberger Großbrauerei die Felsengänge und - gewölbe. Auch eine der Baiersdorfer Meerrettichfirmen nutzte ein Kellerabteil als Lagerstätte. Im Eingangsbereich einer der unteren Keller befinden sich eine Quelle und ein kleines Bassin. Dort „wässerte“ ein Möhrendorfer Ausflugslokal seine Fische. Das unterirdischen Gewölbe, überdeckt von Felsen und einem Hügel, wurde von Kleinseebachern auch als Luftschutzbunker genutzt.
Während diese Keller eine Renaissance erleben könnten (seit 1990 befinden sie sich in Gemeindebesitz), sieht es andernorts trüber aus. In Heroldsberg liegen an einem Weg zwischen dem Roten und dem Grünen Schloss mehrere Keller, die streckenweise als erheblich einsturzgefährdet gelten. Ihr Alter wird von Ortsbewohnern auf bis zu 400 Jahren geschätzt.
Problem erkannt
Schon seit mehr als zehn Jahren trage man sich mit dem Gedanken, einige dieser Gewölbe wieder herzurichten, sagt Eberhard Brunel-Geuder, Vorsitzender der „Kulturfreunde“, die schon manches Baudenkmal erhalten und restauriert haben. Die Kellersanierung werde aber sicher nicht billig, und sei ohne Gemeindehilfe kaum möglich. Da die Kommune ein Bürgerzentrum baut, könne sie momentan kaum Finanzmittel in die Sanierung der Keller und das dazwischen liegende Gässchen stecken. Was heute nicht ist, könne aber morgen noch werden.
VON HEINZ GÖPFERT