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Umhausen - gemeinsame Projekte

Text vorlesen Umhausen auf dem Fernwehfestival

Umhausen auf dem Fernwehfestival



Man weiß ja nie so recht, ob es sich gelohnt hat, an einer Publikumsmesse teilgenommen zu haben. Hier gibt es keine Vertragsabschlüsse, keine verkauften Kontingente, hier gilt es allein, Präsenz zu zeigen und ein Gespür für die Besucher zu entwickeln. Das ist der vierköpfigen Abordnung aus Tirol beim 8. Fernwehfestival, das gestern seine Pforten schloß, gewiß gelungen. Und gelohnt hat es sich in jedem Fall für die Besucher der Veranstaltung. Denn die Freunde aus der Partnergemeinde Umhausen waren die einzigen, die mit zwei Ständen in der Heinrich-Lades-Halle vertreten waren, zum einen mit dem Alpenverein, der natürlich die Erlanger Hütte präsentierte, und dann mit den eigenen Schautafeln, die farbenprächtig für einen Besuch des Ötztals warben. Höhepunkt der Gesamtschau aus Umhausen war aber unstrittig der Vortrag von Walter Leitner, Professor an der Universität Innsbruck, der über die vergangenen 20 Jahre der Forschung am Mann aus dem Eis, Ötzi genannt, ebenso fachkundig wie anregend referierte.

BM Preuß Umhausen

Doch der Reihe nach: Am Samstag trafen die Gäste aus Österreich am frühen Nachmittag in Erlangen ein, brachten ihren Stand, Seit an Seit mit den Partnern aus Wladimir, auf Vordermann und fanden sich wenig später schon zu einem Gespräch mit Oberbürgermeister Siegfried Balleis ein. Das Stadtoberhaupt Erlangens, in Personalunion Schirmherr der Erlanger Hütte, ließ sich denn auch gern von Leonhard Falkner, dem Partnerschaftsbeauftragten, auf den neuesten Stand der Beziehungen bringen, während ihn die beiden Gemeinderatsmitglieder, Lukas Schmid und Michael Scheiber, über die Entwicklung der Lokalpolitik und Wirtschaft in Umhausen informierten.

Treffen mit OB Balleis Umhausen

Der Sonntag dann gehörte ganz dem Fernwehfestival, der Betreuung des Standes und der Vorbereitung auf den abendlichen Vortrag von Walter Leitner, geschickt angekündigt durch ein von Leonhard Falkner moderiertes Gespräch auf der Aktionsbühne mit allen drei Gästen aus Umhausen. Mit dabei die Nürnbergerin Erika Simon, die zusammen mit ihrem Mann, Helmut Simon, vor 20 Jahren die Mumie im Eis gefunden hatte.

Treffen mit OB Balleis - Falkner Umhausen

Man muß es erlebt haben, wie es der Frühgeschichtler Walter Leitner versteht, die Ergebnisse von 60 Forscherteams zusammenzufassen, die seit 1991 mit der Untersuchung von Ötzi beschäftigt waren. Erst wenn man ihm zuhört, versteht man, warum das von Leonhard Falkner geleitete und von dem Innsbrucker Archäologen wissenschaftlich betreute Ötzi-Dorf sich so erfolgreich entwickelt. Erst dann begreift man, wie es gelingen kann, die Jungsteinzeit so erlebbar zu machen: Begeisterung für die Sache, gepaart mit profunder Kenntnis der Materie sind da zusammen mit einem großartigen Talent für anschauliche Schilderung komplexer Zusammenhänge am Werk. Eine ideale Mischung zur Vermittlung von wissenschaftlichen Erkenntnissen, Hypothesen und Theorien. Ein Professor, wie er dem Wortsinn entspricht als jemand, der sich nicht im stillen Kämmerlein um sein Fach kümmert, sondern mit seiner Lehre an die Öffentlichkeit geht.

Präsentation Fernwehfestival Umhausen

In einer knappen Stunde schüttete Walter Leitner das reiche Füllhorn seines Wissens über den gut besuchten Kleinen Saal der Heinrich-Lades-Halle aus und stellte vor allem selbst Fragen: „Was wissen wir?“ „Was glauben wir zu wissen?“ „Was wissen wir noch nicht?“ „Was werden wir nie wissen?“

Vortrag Leitner 4 Umhausen Ötzi

Nun ist hier nicht der Platz, das lehrreiche Referat zu rekapitulieren, deshalb nur einige Anmerkungen zum Vortrag. Wir wissen heute, wie der älteste Tiroler ums Leben gekommen ist und können davon ausgehen, daß ihn nach einer wohl dramatischen Flucht Rivalen aus dem Weg räumen wollten. Mit großer Wahrscheinlichkeit sollte der Mord sogar wie ein Unglück aussehen, denn der Schaft des tödlichen Pfeils wurde entfernt. Es spricht viel dafür, daß der Mann zwischen 45 und 50 Jahren eine hohe Stellung innerhalb seiner Gemeinschaft eingenommen hatte und heimtückisch ermordet wurde. Er, den mehr als 5.000 Jahre nach seinem gewaltsamen Tod ein Wiener Journalist „Ötzi“ taufen sollte, muß medizinische Kenntnisse gehabt haben, wie man etwa an den antibakteriellen Schwämmen ablesen kann, die er mit sich führte. Aber es wird in seinem Stamm auch kundige Menschen gegeben haben, die eine Art von Akupunktur und Akupressur anwandten, wie man sie erst Jahrtausende später wieder in China findet, abzulesen an mehr als 60 auf dem ganzen Körper tätowierten Stellen. Man weiß von seinen Leiden: Peitschenwurmbefall, Laktoseunverträglichkeit, Karies, drei Gallensteine, Rippenbrüche… „Eigentlich“, wie der Leiter des Instituts für Frühgeschichte in Innsbruck scherzhaft anmerkt, „war der Mann reif für das Kurzentrum in Umhausen.“

Vortrag Leitner 3 Umhausen Ötzi

Doch so vieles ist noch ungeklärt, obwohl 91% des Genoms der Mumie dechiffriert sind. Zum Beispiel die Frage, wo die DNA geblieben ist. Die nämlich läßt sich im gesamten Alpenraum nicht mehr nachweisen. Eine Spur führt bis nach Sardinien… War Ötzi vielleicht der letzte seiner Art? Und was ist mit dem rätselhaften Stein, den man unweit von der Fundstätte des Mannes im Eis entdeckte. Darauf abgebildet eine Zeichnung mit einer Figur, die von hinten mit dem Pfeil auf einen anderen Mann zielt. Die Abbildung einer Mordszene? Oder nur ein steinzeitliches Jagdidyll? Das prähistorische Graffiti entstand etwa 500 Jahre nach der Bluttat und könnte, wie Walter Leitner mutmaßt, Ausdruck eines Mythos sein, der an das Verbrechen erinnert, eines Mythos, der älter als die Ilias oder das Gilgamesh-Epos wäre. Unbeantwortet aber auch die ethische Frage, wann denn Ötzi, das Subjekt von unausgesetzter Forschung, zu seiner letzten Ruhe gebettet wird. Hat er nicht auch ein Recht auf ein Requiescat in pacem? Doch bei so vielen noch offenen Fragen, wird er den ewigen Frieden wohl noch lange nicht finden. „Ungeheuer“, meinte denn auch Bürgermeisterin Elisabeth Preuß noch ganz unter dem Eindruck des Vortrags, „was ich da heute in so kurzer Zeit alles gelernt habe!“ Sie sprach da wohl für das ganze Publikum.

Vortrag Leitner Umhausen Ötzi

Wer Walter Leitner bereits vor fünf Jahren am gleichen Ort anläßlich der Festveranstaltungen zur Unterzeichnung der partnerschaftlichen Vereinbarungen gehört hat, begreift, welche Fortschritte die Forschung seither gemacht hat, staunt aber auch darüber, wie viele neue Fragen sich dadurch erst neu stellen. Wer an dem Thema dranbleiben will, halte sich deshalb an den stets fröhlichen Wissenschaftler, besuche im nächsten Jahr wieder das Ötzi-Dorf in Umhausen und bleibe überhaupt der Partnerschaft verbunden. Und vielleicht ja wird sich die sympathische Gemeinde aus Tirol 2012 wieder auf dem Fernwehfestival präsentieren. Pfiad’s enk und auf Wiedersehen!

Peter Steger, 21.11.11

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