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Text vorlesen Frühlingsgefühle einer Partnerschaft

Frühlingsgefühle einer Partnerschaft



Man glaubt sie ja zu kennen, jene zauberhafte Hügellandschaft, die vorbei am Gottesgarten und durch das imaginierte Tor zieht, das die Himmelskräfte zwischen Vierzehnheiligen und Kloster Banz schlagen; man glaubt sie ja zu kennen, jene auf- und absteigenden Baumkaskaden, wo der Wald die Franken und die Thüringer vereint, nur noch geschieden durch den springenden Lauf klarer Bäche; man glaubt sie ja zu kennen, jene sanfte Ebene der Saale, die sich ausbreitet wie die Arme vieler Freunde, bis der Gast aus Erlangen in Jena-Paradies die Umarmung erwidern kann und sich empfangen läßt vom Aufbruch der Sinnlichkeit einer überbordenden Natur, die, endlich vom vorösterlichen Eise befreit, in Farben und Gerüche ausbricht, daß noch dem nüchternsten Jahreszeitgenossen die Lebenslust in die Glieder fährt. All das und noch viel mehr glaubt man zu kennen, und doch ist es jedes Mal wie beim ersten Mal, ist man immer wieder aufs neue überrascht, wie schnell sich das Gefühl einstellt: Du gehörst auch hierher.

Der Schatten des ICE-Halts Paradies fällt auf den Busbahnhof für die Überlandlinien, ein graues Baurelikt, das wie auf einer versunken geglaubten Insel inmitten einer Architektur dahintreibt, die den Regeln einer ansprechenden Moderne folgt und das Auge mit dem behutsamen Erfolg der Stadtsanierer erfreut. Schon wünscht man sich, der Busbahnhof möge in seiner damalig-jetzigen Gestalt erhalten bleiben, wo doch allüberall in den zwanzig Jahren nach der Wende fast alles geschleift wurde, was die Menschen einst auch ästhetisch trennte Wie sonst sollte man bereits heute und erst recht später den neuen Generationen anschaulich machen, wie das war, als es noch zwei Staaten ungleich gleicher Nation in einem geteilten Deutschland gab? Doch wie das war und wie man die Erbstücke heute nutzen kann, zeigt einen Steinwurf entfernt das Volkshaus, ein Paradebeispiel für Sanierungstalent und Ideenvielfalt für zeitgemäße kulturelle Nutzung eines einstigen Hallenbades.

Jena ist längst in Deutschland angekommen. Dafür stehen Prädikate wie „Leuchtturm“ oder „München des Ostens“. Vielleicht stehen dafür aber auch die vielen feinen Unterschiede, die man in unserem germanisch-allemannisch-fränkisch-thüringisch-vielstämmigen Heimatland allerorten antrifft. Ist es hier die studentische Jugend, die den Unterschied macht, oder das jugendliche Alter der Mütter? Ist es hier das unaufdringliche Selbstbewußtsein von Menschen, die früh den aufrechten Gang erlernt haben, noch in einer Zeit, wo man buckelnderweise leichter durchs Leben kam und es schneller zu etwas brachte?

Vom Südwesten Lobedas bis in den hohen Norden zieht sich die Straßenbahn der Verkehrsbetriebe JeNah - ein ausgesprochen gelungenes Wortspiel! - und bildet, die Innenstadt querend, eine regelrechte Magistrale durch Jena. An der Haltestelle „An der Eule“ steigt aus, wer den Jugendtreff Nordkap mit seiner Leiterin Cornelia Bartlau besuchen will. Niemand hat im Jugendaustausch zwischen Erlangen und Jena mehr geleistet als die alterslos wirkende Mittfünfzigerin, die ein Arbeitstempo vorlegen kann, das auch ihre Zivis und Praktikanten in anerkennungsvolle Atemlosigkeiten geraten läßt. Eine ihrer besonderen Stärken ist die Arbeit mit Stiftungen und Sponsoren, auch in Zeiten, wo alle die Taschen zunähen. Sie kann überzeugen, anleiten und den notwendigen Stoß in die Selbständigkeit geben, eben all das, was Jugendliche brauchen. Und sie geht weit über die Ländergrenzen hinaus, öffnet ihren Jugendlichen den Zugang zu europäischen Netzwerken wie www.move-together.de oder inspiriert ein Portal mit dem sprechenden Titel www.meine-partnerstadt.de, eine Plattform für den Austausch, die in der Art bundesweit einzigartig sein dürfte. Wenn Jena jetzt offizielle Kontakte zu Wladimir aufbaut, hat Cornelia Bartlau dafür schon ein Fundament geschaffen, das für lange tragen wird: Schüleraustausch (Angergymnasium), Jugendkontakte (Mix-Tour), Verbindungen im Bereich Umweltschutz und Kunst und viel an partnerschaftlicher Grundlagenarbeit. Spricht man in Wladimir von Jena, hat man Cornelia Bartlau vor Augen, ob das im Erlangen-Haus, in der Stadtverwaltung oder im Jugendpalast ist. Kompliment!

               Cornelia Bartlau

Aber so ein Nachmittag in Jena gibt noch viel mehr her: Überlegungen, wie man den Filmemacher Torsten Eckold für ein Projekt mit Erlangen gewinnen könnte; Gespräche darüber, ob nicht einmal im Schillerjahr der Rapper Christian Weirich, alias Doppel-U, den stürmischen Klassiker im E-Werk präsentieren sollte; eine Auswahl möglicher literarischer Werke aus der Wende-Zeit, vorgetragen vom Rezitator Martin Stiebert an unserer VHS. Und das alles noch im 20. Jahr des Mauerfalls, der am 3. Oktober im ehemaligen Grenzort Probstzella mit mindestens je 200 Gästen aus den Partnerstädten, die mit Sonderzügen anreisen, begangen wird. Ein Ereignis, von dem auf der Homepage bald ausführlicher zu lesen sein wird.

Matthias Bettenhäuser ist auch so einer, der das Geschirr nie ablegt. Lang nach Feierabend trifft er den Besucher noch auf dem Marktplatz, der guten Stube Jenas, auf eine Tasse Kakao und einen Gewaltmarsch durch alle aktuellen Themen der Partnerschaft. Bald wird er zumindest diesen gut geölten Karren von jemandem ziehen lassen können, die dieser Tage auserwählt wird, ab 1. Mai die Kontakte zu den Freunden in aller Welt zu koordinieren. Dazu darf man Jena gratulieren, denn längst schon hätte diese Stadt mit ihrem ausgezeichneten Ruf in aller Herren Länder einen hauptamtlichen Kümmerer für die Internationalen Beziehungen und natürlich die besondere Freundschaft zu Erlangen gebraucht. Olaf Schroth, Eberhard Hertzsch, Claudia Zienert und eben auch Matthias Bettenhäuser haben zwar immer mehr getan, als verlangt, und meist auch mehr, als physisch möglich, aber nie konnten sie sich exklusiv dem Geschäft der Völkerverständigung zuwenden, sondern waren immer noch in vielen anderen Bereichen gebunden. An der Stelle deshalb schon einmal ein herzliches Dankeschön für ihren großartigen Einsatz und für die treue Freundschaft.

Die neue Kollegin – daß nur noch sechs Frauen im Auswahlverfahren sind, ist durchgesickert, mehr aber auch nicht! – wird sich dann schon am 2. Mai bewähren können, wenn sie ihre Jungferngruppe empfangen darf. Und woher die wohl kommt? Natürlich aus Erlangen, organisiert vom rührigen Vorsitzenden des Stadtverbands der Erlanger Kulturvereine, Karl Heinz Lindner, der von der ersten Stunde der Partnerschaft an seine unverkennbare Handschrift in Jena hinterlassen hat. Ein ganzer 50er Bus ist angekündigt, um sich zunächst über Fragen der Kultur zu informieren und dann in den Ortsteil Ziegenhain weiterzurollen, wo die 750-Jahr-Feier auf die Gäste wartet und die Männer des Kosbacher Stadlchors mit den Freunden vom Chorverein Ziegenhain ein Ständchen geben. Muß noch eigens erwähnt werden, daß sich die Chöre seit der Wende regelmäßig treffen? Aber ist dies andererseits so selbstverständlich? Ist dies nicht ein geglücktes Zeichen für den gelebten Sinn einer solchen deutsch-deutschen Partnerschaft? Viel zu tun für die neue Kollegin! Aber was könnte ihr auch besseres passieren, als gleich eintauchen zu können in das einladende Ambiente einer so wohlwollenden Begegnung unter Freunden?!

Jena WiFö

Doch ohne offiziellen Anlaß keine Dienstreise, auch nicht nach Jena! Hochtechnologie ist ein Markenzeichen von Jena. WWW könnte man hier an der Saale auch einmal ganz anders buchstabieren. Es muß nicht immer das World Wide Web sein, die Abkürzung kann auch für Wirtschaft, Wissenschaft und Wohlstand stehen. Und gleich drängt sich im Stil des Wagnerianischen Stabreims auf: Jena, die Stadt, wo Wirtschaft, Wissenschaft und Wohlstand wachsen. Dieses WWW hat nun eine würdige Heimstatt gefunden. Die Wirtschaftsförderung unter Wilfried Röpke zieht in ein einzigartiges Haus am Markt 16 ein, dessen Erdgeschoß schon von Jena Tourismus belebt ist. Eine gute Mischung in einem Gebäude, das zu den ältesten der Stadt zählt und gleichzeitig von der wohl futuristischsten Fassade geschmückt wird. Besonders reizvoll: Das Haus ist ebenso zum Markt hin offen wie begehbar von Seiten der Oberlauengasse, in der die Gaststätte Zur Noll liegt, Ziel all derer, die sich nicht nur rasch mal den Magen vollschlagen wollen. Doch zurück zu Jenas WWW. Wo liegt das Geheimnis für den Erfolg Jenas? Sicherlich in der klugen Wirtschaftspolitik, die gleich nach der Wende auch mit gutem Rat aus Erlangen vom damaligen Oberbürgermeister Peter Röhlinger gemacht wurde. Lothar Späth hat sich hier seine unvergessenen Meriten erworben und viele andere, die es verstanden, die Potentiale der Stadt umsichtig zu nutzen und sie nicht abwandern zu lassen. Heute sichert den Erfolg der Umstand, daß Wirtschaftspolitik Chefsache ist. Stadtoberhaupt Albrecht Schröter gibt nicht nur die Richtlinien vor, sondern prägt mit seiner sachkundigen Kompetenz wohlmoderierend auch das Klima in der Unternehmerschaft. Geschafft hat er aber auch etwas, das man in anderen Städten – auch in Erlangen – in der Art vergeblich sucht. Es ist gelungen, die Wissenschaft, also das zweite W für eine Kooperation zu begeistern. Die Friedrich-Schiller-Universität sieht die vielen Verbindungen und Verstrebungen und sieht sich selbst als Mitspieler und nimmt gern Platz im Aufsichtsrat der GmbH der Wirtschaftsförderung. So muß es nicht verwundern, wenn nach Albrecht Schröter Rektor Klaus Dicke zu den gut einhundert Ehrengästen, unter ihnen auch die beiden Bundestagsabgeordneten Volker Blumentritt und Reyk Seela, seine guten Wünsche übermittelt und nur einmal kritisch anmerkt, in Jena könne man noch etwas mehr private DSL-Anschlüsse für das andere WWW verlegen. Aber da sollte man den Wissenschaftler einmal in den Erlanger Ortsteil Kriegenbrunn einladen. Damit Wirtschaft und Wohlstand weiter wachsen können, hat Jena sogar die Gewerbesteuer gesenkt – ungeachtet der damit kurzfristig zurückgehenden Einnahmen für den Stadtsäckel. Man denkt und plant halt in Jena auf lange Sicht.

Bevor es mit dem Sausezug wieder zurück ins Land der Franken geht, wartet noch eine wirklich angenehme Bekanntschaft. Doris Voll, die Vorsitzende der Bürgerstiftung Jena, weiß von Kontakten zu Erlangen, die freilich Jahre zurückliegen und abgebrochen sind. Aber da lassen sich ja wieder Fäden aufnehmen. In Jena, so die Freiberuflerin, habe man schon eine ganze Armee von Ehrenamtlichen aufgestellt, die ihre Zeit und Fähigkeiten in den Dienst der Allgemeinheit stellen. Diese Erfahrungen könnten doch auch die Gäste aus Erlangen am 2. Mai interessieren, und so kommt es kurzerhand schon zu einer ersten Vereinbarung. Der Kalender zeigt, daß an diesem Samstag vormittag noch Luft ist, und – schwups - läßt sich Doris Voll für einen Kurzvortrag zum Thema Bürgerstiftung anwerben. Wer weiß, was daraus noch für gemeinschaftliche Projekte im Bereich Ehrenamt werden… Eine Reise nach Jena heißt eben, viele neue Ideen und Anregungen mit nach Hause bringen und das Versprechen dort lassen, bald und gern wiederzukommen.

PS, 15.04.09

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