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Der Überraschungsgast des BRK



Der Überraschungsgast beim heutigen Empfang zum 60. Geburtstag von Jürgen Üblacker, Direktor des BRK Erlangen-Höchstadt, war sein Kollege aus der Partnerstadt Jena, Peter Schreiber, Geschäftsführer des DRK Kreisverbandes Jena – Eisenberg – Stadtroda. Und der wußte wirklich zu überraschen – nicht nur mit seinem vom Jubilar unerwarteten Erscheinen, sondern vor allem dank einer mitreißenden Rede, die das Festpublikum mit freudigem Applaus belohnte.

Er hatte ja auch wirklich von außergewöhnlichen Dingen zu berichten, die es – noch dazu mit Herzblut vorgetragen – verdienten, die für Gastredner vorgegebene knappe Redezeit ein wenig zu überziehen. Dinge, die nach fast zwanzig Jahren deutscher Einheit zu Unrecht schon vielfach vergessen sind, die man aber lebendig halten sollte, um nie wieder „politischen Wirrköpfen die Chance zu geben, uns auseinanderzubringen“, wie es Peter Schreiber treffend formulierte.

Peter Schreiber und Jürgen Üblacker

Treffsicher auszusprechen, was ihm auf dem Herzen liegt, ist ihm jedenfalls gegeben. Um nichts Geringeres als die deutsche Einheit geht es ihm. Und die hat er in der Städtepartnerschaft dankbar erleben dürfen. Schon eine Woche nach dem Mauerfall war er mit der Familie nach Erlangen gekommen und wie alle anderen überwältigt von der unerwarteten Gastfreundschaft, die alle Ankömmlinge schon im Rathaus erwartete. Allein die Geste, die vielen Menschen kostenlos mit Getränken und einer Suppe zu bewirten, bewirkte, daß man sich aufgenommen fühlte. Doch Peter Schreiber wollte mehr als nur diesen Willkommensgruß vom BRK Erlangen-Höchstadt annehmen, das von Mitte November bis Ende Dezember 1989 für die Verköstigung der gut 30.000 Gäste aus der DDR sorgte. Er suchte von sich aus gezielt nach Kontakten zum Rettungsdienst. Schließlich war er selbst vom Fach. Also überließ er den Stadtbummel der Familie und tauchte unangemeldet beim Rettungsdienst des BRK auf. Für eine angenehme Überraschung war er also schon damals gut. „Es war großartig, wie völlig unkompliziert man mich da aufgenommen hat. Bereitwillig wurde mir alles gezeigt“, erinnert er sich. Nach dem Rundgang und einem ersten Gespräch mit den Kollegen dann die Frage, ob er einen Ausweis bei sich habe. „Au weh, dachte ich mir, habe ich da vielleicht doch zu viele Details wissen wollen“, so der erste Reflex. Doch die Frage hatte einen Hintergrund, den der Besucher beim besten Willen nicht erahnen konnte. Noch am gleichen Tag war eine gemeinsame Übung mit den amerikanischen Rettungskräften der damals noch in Erlangen stationierten US-Truppen geplant, und der Rot-Kreuz-Mann aus Jena war dabei. Noch Wochen, noch Tage vorher schlichtweg unvorstellbar! Erinnerungen die fürs Leben prägen.

Schon im Dezember dann kam die massive Aufbauhilfe des BRK Erlangen-Höchstadt unter Leitung von Jürgen Üblacker in Jena an. Von der Unterstützung für Rollstuhlfahrer bis hin zum Aufbau des Dienstes „Essen auf Rädern“ wurden in Jena Strukturen installiert, die sich in Erlangen bereits bewährt hatten. „Nie von oben herab“, wie Peter Schreiber betont. Jürgen Üblacker habe einfach nur immer erklärt, wie man das in Erlangen mache und mit den Partnern diskutiert, ob eine derartige Lösung auch für Jena sinnvoll und praktikabel sein könnte. Vieles konnte tatsächlich eins zu eins umgesetzt werden, manches mußte man variieren und den Verhältnissen anpassen. Behutsam wurde das alles ins Werk gesetzt, immer im Miteinander. Ein wunderschönes Bild findet Peter Schreiber dafür: „Es ist wie mit einer Strickjacke. Sie kann noch so gut passen, wenn man aber den ersten Knopf ins falsche Loch bringt und dann weiter knöpft, sieht man aus wie der Depp.“ Jürgen Üblacker und sein Kreisverband haben erfolgreich geholfen, die Jacke richtig zu knöpfen, von Beginn an. Und das sieht man an vielen Beispielen.

Bleiben wir bei dem bereits genannten „Essen auf Rädern“. Im April 1990 kam man auf die Idee, das auch in Jena anzubieten. Anfang Mai – es gab noch immer zwei Staaten mit unterschiedlicher Währung, Gesetzgebung, Zollbestimmung – stand man schon in den Startlöchern. Die Firma „apetito“ aus Rheine, von der auch die Erlanger beliefert wurden, war bereit, mit Jena als dem ersten Kreisverband der DDR einen Vertrag zu schließen - und das zum Kurs von 1 Ost-Mark = 1 DM. „Eine Wucht für uns“, begeistert sich Peter Schreiber noch immer. Am 28. Mai 1990 erging dann der Bescheid des Rats der Stadt Jena zur „Unbedenklichkeit von Tiefkühlmenüs“ mit folgendem Wortlaut an das Sekretariat des Kreiskomitees des DRK Jena-Stadt: „Da es sich beim Hersteller „apetito“ um eine bekannte, namhafte Firma handelt, bestehen aus der Sicht der Lebensmittelüberwachung der Stadt Jena in Abstimmung mit dem Lebensmitteluntersuchungsamt des Bezirks Gera (Bezirkshygieneinstitut) keine Bedenken für den Vertrieb in der Stadt Jena. Die Produkte werden im Rahmen der planmäßigen Lebensmittelkontrolle überprüft. Unberührt von dieser Zustimmung sind zollrechtliche Bestimmungen.“ Doch auch die konnten die gute Sache nicht mehr aufhalten. So titelte denn auch die Jenaer Presse im Mai 1990: „Tiefkühlkost kommt groß an“. Was der „Krankentransportchef Peter Schreiber“ mit sehr verhaltenem Optimismus und mit gerade einmal fünf Bestellungen auf den Weg brachte, nahm ungeahnte Ausmaße an. Bereits in den ersten zwei Wochen waren es mehr als 80 Wochenportionen, die angeliefert wurden, eine Warteliste mußte angelegt werden, es fehlte sogar an Tiefkühlboxen zu mieten: „So schnell klappt es selbst mit Erlanger Hilfe nicht, diese Menge Kühlgeräte zu beschaffen“, schreibt die Zeitung weiter. Fünf Jahre später zieht der DRK Kreisverband eine stolze Bilanz: Über 80 Personen bekommen täglich ihr warmes Essen frisch nach Hause geliefert; 120 Personen erhalten regelmäßig einen Wochenkarton mit tiefgekühlten Menüs. Die Bilanz ließe sich mühelos auf andere Bereiche – von den Erste-Hilfe-Kursen über die Seniorenarbeit bis hin zum Rettungsdienst - ausweiten. Ähnlich wie in Erlangen hat das Rote Kreuz in Jena heute einen Marktanteil von 80%. Eine Zahl die für sich und die Partner, Jürgen Üblacker und Peter Schreiber und ihre haupt- und ehrenamtlichen Teams, spricht.

      Jürgen Üblacker - Ehrenmitglied des DRK Jena

Die Überraschung wird perfekt, als Peter Schreiber seinem Kollegen und Freund, ein Dank- und Gratulationsschreiben von Oberbürgermeister Albrecht Schröter überreicht, in dem das Stadtoberhaupt von Jena auch eine engere Kooperation im Dreieck mit der Erlanger russischen Partnerstadt Wladimir anbietet. Jürgen Üblackers diesbezügliche Verdienste sollte man im Blog unter http://erlangenwladimir.wordpress.com nachlesen, um zu verstehen, was dieses Angebot für den Jubilar bedeutet. Und dann macht der Besucher aus Jena noch das schönste Geschenk des Tages: die Ehrenmitgliedschaft des DRK Kreisverbandes Jena – Eisenberg – Stadtroda. Ein verdienter Höhepunkt, gekonnt gesetzt vom Überraschungsgast. Doch aller guten Dinge sind drei: Und so hat Peter Schneider auch noch einen Reisegutschein für das Ehepaar Jürgen und Josefa Üblacker im Gepäck, gültig unbegrenzt für eine Fahrt mit Übernachtung und - Überraschungsprogramm in Jena!

Schon am 3. Oktober aber gibt es in Probstzella, wohin zur Feier des Tags der Deutschen Einheit aus Erlangen und Jena ein Sonderzug fährt, ein Wiedersehen, um nicht zu sagen ein Gipfeltreffen der Rot-Kreuz-Partner, an dem neben den beiden Kollegen auch der Vorsitzende des BRK Erlangen-Höchstadt, Stefan Müller MdB, und sein Vorgänger, Brüne Soltau, teilnehmen wollen. Da muß einem um die Zukunft der Städtepartnerschaft nicht bange sein.

Noch eine Nachbemerkung: Während Jürgen Üblacker am Ende der Reden geduldig die Honneurs und Glückwünsche entgegennimmt, verschwindet Peter Schreiber nach einer kleinen Stärkung mit Thomas Heideloff rasch noch mal im Rettungsdienst. Alte Liebe rostet eben nicht. Was er da mit dem stellvertretenden Leiter des Rettungsdienstes besprochen hat, mag für heute ihr Geheimnis bleiben. Aber wir können sicher sein: Da wurden wieder neue Pläne für die Zusammenarbeit geschmiedet.

Peter Steger, 11.08.09

Kontakt

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Bayerisches Rotes Kreuz Erlangen-Höchstadt
http://www.brk-erlangen.de/
Deutsches Rotes Kreuz Jena
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Stadt Jena - Partnerstadt
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Datum: Sonntag, 27. Mai 2012
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