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Europäische Freiwillige in der Partnerschaft



Schon bei der Sitzordnung während des ersten Treffens achtet Cornelia Bartlau, Koordinatorin des Projekts „Europäischer Freiwilligendienst“ in Jena, darauf, die drei türkischen Männer nicht in Versuchung zu führen, in ihre Muttersprache zu wechseln. Mit einer fünfköpfigen Gruppe ist sie aus der thüringischen Partnerstadt nach Erlangen gekommen, um eine Straßenumfragen zum Thema „Deutsche Einheit“ zu veranstalten und weiter an der Homepage www.meine-partnerstadt.de zu arbeiten.

Ein ganzes Wochenende haben die jungen Leute, alle Anfang bis Mitte Zwanzig, um Erlangen und die deutschen Befindlichkeiten zu erkunden. Gar nicht so leicht, wenn, wie Oliver aus Lugoj, Jenas rumänischer Partnerstadt, bemerkt, die Erlanger nie Zeit haben und den Interviews eher ausweichen. Dennoch ist wohl einiges an Material zusammengekommen, das für einen Videofilm, eine Radiosendung und eine Zeitungsreportage ausreichen dürfte.

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Alle haben sie vor ihrer Bewerbung für den Europäischen Freiwilligendienst fleißig Deutsch gelernt; nur Silvia aus Portugal hat da noch ein wenig Anlaufschwierigkeiten. Aber niemand wußte vorher, in welchen Bereichen genau der Einsatz stattfinden würde. Und so finden sich die Gäste in Kindergärten, Jugendeinrichtungen, bei den Pfadfindern und im Eine-Welt-Laden auf Arbeitsfeldern wieder, die eigentlich gar nicht ihrer Qualifikation entsprechen. Oliver hat Journalistik studiert, Silvia ist in der Erwachsenenbildung tätig, Emre, Ahmed und Mehmet haben Erfahrung im Maschinenbau oder Fremdenverkehr. Emre hat sogar eine besondere Bindung an Jena: Seine Freundin wohnt in der Saalestadt. Entscheidend ist freilich nicht die berufliche Ausbildung, sondern das ehrenamtliche Engagement, die Bereitschaft, sich auf neue Spielregeln einzulassen, sich mit der deutschen Kultur in all ihren Ausprägungen im Alltag auseinanderzusetzen. Und dafür bietet das Programm beste Voraussetzungen. Selbst Oliver, der schon 1999 einmal dank dem Schüleraustausch in Jena war und Deutschland von vielen Besuchen kennt, räumt ein, mit Stereotypen hergekommen zu sein. Jetzt sagt er stellvertretend für alle in der Gruppe: „Werdet mobil und schaut über den eigenen Tellerrand.“

Der Abstecher nach Erlangen bietet den Gästen auch unerwartete Begegnungen. Im 35. Jahr seines Bestehens feierte der Ausländer- und Integrationsbeirat just am 25. Oktober 2009 erneut das im zweijährigen Turnus veranstaltete Fest „Miteinander leben“. Während in der Stadthalle unter dem Motto Asien bereits auf allen Bühnen getanzt, musiziert und gesungen wurde, im Foyer und auf der Beletage die Informations- und Spezialitätenstände zum Verweilen einluden, empfing die Stadtspitze im Rathaus hochrangige Vertreter Asiens darunter Ece Öztürk Cil, die Generalkonsulin der Türkei in Nürnberg. Im Beisein von Oberbürgermeister Siegfried Balleis und seiner beiden Stellvertreter, Elisabeth Preuß und Gerd Lohwasser, trugen sie sich in das Gästebuch der Stadt ein. Die Diplomaten lobten übereinstimmend Erlangens Engagement für die Integration von Zuwanderern und wurden selbst Zeugen eines gelungenen Beispiels für die Zivilcourage eines türkischstämmigen Erlangers. Oberbürgermeister Siegfried Balleis überreichte nämlich während des Empfangs Mehmet Ceylan eine Dankesurkunde für sein mutiges Bürgerengagement. Der Pizzabäcker hatte im April einen jungen Mann zur Rede gestellt, der Außenspiegel an Autos demolierte und wurde daraufhin von dem Vandalen tätlich angegriffen. Auch wenn wohl ein gesundheitlicher Schaden zurückbleiben wird, sagt Mehmet Ceylan: „Ich würde mich wieder einmischen. Wenn jeder seinen Kopf wegdreht, wird es nur noch schlimmer.“ Respekt vor einer solchen Haltung. Hochachtung auch vor der Bürgerstiftung Erlangen, die dem Geschädigten eine materielle Unterstützung zukommen ließ.

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Zaungäste der Zeremonie werden nun die Gäste aus Jena und nutzen die Gelegenheit, auch die Integrationspolitik Erlangens kennenzulernen. Und da gibt es tatsächlich viel zu lernen. Silvia aus Lisabon wünscht sich auch für Jena ein Fest wie „Miteinander leben“, wo ein derart lebendiger Austausch der Kulturen stattfinde. Stadtrat Mehmet Sapmaz steht den Gästen denn auch gern Rede und Antwort. Nirgendwo anders als in Erlangen möchte er leben, in kaum einer anderen bayerischen Kommune sei es möglich, als eingebürgerter Türke in der CSU einen so guten Listenplatz wie in der Stadt mit dem Motto „offen aus Tradition“ zu bekommen, das Miteinander sei wirklich von großer Toleranz geprägt, und gerade die Unterschiede der Kulturen, nicht die Assimilation, seien das große Plus in Erlangen. Von den Journalisten Oliver gefragt, was er sich für die Zukunft wünsche, antwortet der Sprecher für Ausländer- und Integrationsfragen seiner Fraktion: „Die innere Einheit Deutschlands, nach der Wiedervereinigung auch das Zusammenwachsen mit den Zuwanderern, eine Gesellschaft, in der alle einander respektieren, ungeachtet ihrer Herkunft, Religion oder Rasse.“ Leider gebe es gerade in den Neuen Bundesländern noch viele Ressentiments gegen Ausländer. Es bleibe also viel zu tun. Deshalb auch sein Appell: „Beide Seiten müssen aufeinander zugehen. Integration ist eine Bringschuld für die Immigranten und eine Holschuld für die aufnehmende Gesellschaft. Zur Bedeutung der Sprache ließe sich wie immer viel sagen. Doch was sagt mehr als der Umstand, daß Mehmet Sapmaz mit Emre, Ahmed und Mehmet aus der Türkei und mit Oliver aus Rumänien das Interview auf Deutsch führt? Nur Silvia an der Kamera wechselt gern ins Englische, in die Universalsprache. Und schon fühlt sich niemand ausgegrenzt. Alle verstehen einander, so funktioniert der Dialog der Kulturen.

CSU-Interview

Damit dieser Dialog noch besser in Gang kommt, soll endlich auch in Erlangen eine Organisation gefunden werden, die sich um den Europäischen Freiwilligendienst kümmert. Harald Rosteck von den Erlanger Pfadfindern mit Verbindungen zu Jena, die bis ins Jahr 1989 zurückreichen, zeigt im Gespräch mit Cornelia Bartlau schon erstes Interesse. Mehmet Sapmaz zeigt sich angetan von der Idee. Und schon entsteht der Plan, im Januar 2010 mit einer kleinen Gruppe von möglichen Partnern nach Jena zu reisen, um die dortigen Erfahrungen zu nutzen. So nutzten die deutsche Einheit und die innerdeutsche Städtepartnerschaft auch dem europäischen Einigungsprozeß. So soll es sein!

25.10.2009, Peter Steger

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Datum: Sonntag, 27. Mai 2012
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