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60 Jahre Patenschaft



„60 Jahre sind ein ganzes Leben, zwei Generationen“, so leitet Bürgermeister Gerd Lohwasser am Samstag, den 15. August, sein Grußwort beim Festabend der Heimatgemeinden des Bezirkes Brüx im vollbesetzten Großen Saal des Frankenhofs ein. So lange währt die Patenschaft der Stadt Erlangen über die Heimatvertriebenen aus Brüx nun schon.

Gerlinde Stowasser und Peter Wesselowsky

Was Heimatvertreibung bedeutet, erspürte man als Nachgeborener und in friedlichen Zeiten aufgewachsener Mensch schon am Vormittag bei der Kranzniederlegung mit Zeitzeugen am Mahnmal für die Brüxer auf dem Ehrenfriedhof steht. Peter Wesselowsky, Obmann der Heimatgemeinden, erinnert an die Opfer von Gewalt und Rache, nachdenklich, eindringlich, ohne falsches Pathos, und P. Rainer Gaipl ergänzt, verzeihen könne man die Untaten, aber nicht vergessen. Daß man weder hier noch dort es beim Blick zurück bewenden lassen will, beweisen dann schon erste Gespräche der mitgereisten Vertreter der Caritas Most mit Stadträtin Gerlinde Stowasser, die der Zeremonie beiwohnte.

Bei der Eröffnung der Ausstellung

Welch blühender Ort deutsch-tschechischer Kultur Brüx vor dem Krieg und bis in unsere Zeit hinein war, zeigt die liebevoll zusammengefügte Ausstellung im Foyer des Rathauses, das eigens für das halbe Hundert Gäste seine Pforten öffnet. Darunter nun auch Primator Vlastimil Vozka, Oberbürgermeister von Most, der mit seiner Teilnahme nicht nur die Hand zur Versöhnung reicht, sondern auch den Willen zu einer engeren Zusammenarbeit mit Erlangen zum Ausdruck bringt. Lange dauern die Gespräche vor den Photographien und Graphiken, denn das Stadtoberhaupt kennt aus seiner Jugend selbst noch all die Gebäude, die in den 80er Jahren mitsamt der kompletten Statd dem Braunkohletagebau zum Opfer gefallen sind. Diese Wunde in den Herzen der Menschen, auch der heutigen Bewohner Mosts, ist noch längst nicht geheilt, was da verlorenging, läßt sich nicht renaturieren. Aber man kann – und man tut es gottlob! – neue Brücken zu den Menschen in beiden Städten aufbauen, und dafür steht ja symbolisch der Name Brüx (Brücke) mit seiner Übersetzung ins tschechische Most.

Während der Nachmittag für die Brüxer einer Dichterlesung im Frankenhof vorbehalten ist, nutzen die Gäste aus Most, Vlastimil Vozka mit seiner Frau und den drei Vertretern der Caritas, die Zeit bis zum Festabend, um sich einen Eindruck von Erlangen zu verschaffen. Da der Primator vor allem Interesse am Städtebau zeigt, ergänzt er seine Impressionen sogar noch am Sonntag vor dem Maria-Schnee-Fest in St. Bonifaz zu einer Rundfahrt vor allem durch die Neubaugebiete und den Röthelheimpark. Fragen von der Müllverbrennung bis hin zur Plakatierung von Werbung und Niedrigenergiehäusern interessieren ihn so, daß die Gruppe es gerade noch rechtzeitig zum Festgottesdienst schafft, den P. Rainer Gaipl, der letzte überlebende Priester aus Brüx, zelebriert. Aber wir greifen voraus.

Der Festabend schlägt einen weiten Bogen der Erinnerungen an eine verlorene Heimat bis hin zum Dank an die Patenstadt. Eindrucksvoll gelingt es Peter Wesselowsky und seinem Vorgänger im Amt, Ernst Wollrab, sowie den vielen Mitakteuren, in szenischen Lesungen und Darstellungen die Geschichte lebendig werden zu lassen. Die Geschichte eines einzigartigen Verlusts. Denn die einstigen Brüxer wurden nicht nur vertrieben, sie können nicht einmal in ihre Heimat von damals zurück, weil diese mit Dutzenden von umliegenden Dörfern von der Landkarte verschwunden ist. Immerhin ist ja aber die Kirche gerettet, und dankbar deshalb immer wieder der Hinweis an Vlastimil Vozka, daß man nun schon einige Male dort auch wieder das traditionelle Maria-Schnee-Fest gefeiert habe. In diesem Tenor denn auch die Rede des hohen Gastes, der den Blick nach vorne richtet und sich freut über die ersten Ansätze einer Zusammenarbeit nicht nur mit den Heimatgemeinden, sondern auch mit deren Patenstadt Erlangen. Man sollte vorsichtig sein mit dem Adjektiv „historisch“, aber einen in die Zukunft gerichteten Einschnitt bedeutet es schon, wenn erstmals ein Oberbürgermeister von Most die Einladung zu einem derartigen Jubiläum annimmt und von Schüleraustausch und Kulturkontakten spricht, die schon bald Wirklichkeit werden sollten.

Ernst Wollrab

Da steht Bürgermeister Gerd Lohwasser nicht an, die gelungene Integration Tschechiens in die EU zu loben. Noch vor Jahren unvorstellbar, aber soeben erst ging die erste EU-Ratspräsidentschaft der Tschechischen Republik zu Ende. Die ausgestreckte Hand seines Kollegen ergreift er gern. Doch im Mittelpunkt steht natürlich das Bekenntnis der Stadt Erlangen, auch weiterhin die Patenschaft für Brüx aufrechtzuerhalten. Wie auch nicht, weist der Gastredner, selbst in Karlsbad geboren, doch auch gerne auf die gelungene Integration der Heimatvertriebenen hin. „Was wären schon die Bamberger Symphoniker oder Bubenreuth ohne den vierten Stamm Bayerns, die Sudeten?“ Als Dreh- und Angelpunkt seiner Rede dient aber die Charta der Vertriebenen, die sich die Flüchtlinge 1950, ein Jahr nach der Verfassung der Bundesrepublik, selbst gegeben haben. Es lohnt, sich diese Manifestation des guten Willens, des europäischen Gedankens, der Versöhnung noch einmal genau durchzulesen. Hier spricht ein Geist, der nichts gemein hat mit dem Klischee der Ewiggestrigen und Revanchisten, das gerade den Sudeten immer wieder in Teilen der Öffentlichkeit angehängt wurde.

Christa Matschl

Und dann noch eine angenehme Überraschung, so von der umsichtigen Regie gar nicht eingeplant. Christa Matschl MdL, aus Katharinaberg, unweit von Brüx gelegen, stammend, richtet das Wort an die Festgäste. Sie vertritt die völkerverbindenden Anliegen der Heimatvertriebenen auf Landesebene innerhalb der „Arbeitsgruppe Vertriebenenpolitik“ der CSU-Fraktion und hat erstmals in einem bayerischen Haushalt für die kommenden zwei Jahre einen Titel für die politische Arbeit der Vertriebenen durchgesetzt. Da kann sie doch gar nicht anders, als sich einverstanden erklären, wenn Peter Wesselowsky keck vorschlägt, mit ihr zusammen eines der nächsten Maria-Schnee-Feste in ihrem Geburtsort im Erzgebirge zu feiern. Da hat es Vlastimil Vozka auch nicht so weit…

Die Veranstaltungen wären nicht gelungen gewesen, wenn es nicht auch zu einem Treffen der Caritas-Vertreter mit ihrem Erlangen Kollegen, Johann Brandt, gekommen wäre, der schon über langjährige Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit tschechischen Partnern verfügt. Und so konnten die Gäste nach dem Mittagessen am Sonntag zufrieden wieder abreisen, die einen nach Most, die anderen in ihre deutsche Diaspora, in dem Wissen, nicht nur alte Freunde wiedergesehen, sondern auch neue gefunden zu haben. Erlangen hat wieder einmal bewiesen, daß es zu seinem Motto steht: Offen aus Tradition. Hier wurde ein kleiner Absatz deutsch-tschechischer Geschichte geschrieben, der eines Tages vielleicht ein ganzes Kapitel werden kann. Hier bleiben die Heimatstuben, das Mahnmal, die Brüxer Straße, der Brunnen und das Relief am Frankenhof, die sichtbaren Zeugnisse für die enge Verbundenheit mit den Heimatvertriebenen. Und hier bleibt das Versprechen, die Zukunft in einem geeinten Europa gemeinsam zu gestalten. Auf Wiedersehen und na shledanou!

Link zur Charta der Heimatvertriebenen: www.bund-der-vertriebenen.de/derbdv/charta-dt.php3

P.S.: In zwei Jahren wird der Heimatkreis Komotau sein 60jähriges Patenschaftsjubiläum in Erlangen feiern. Hedwig Gemmrig, die Vorsitzende, hat sich als willkommener Zaungast schon mal die eine oder andere Anregung geholt.

Peter Steger, 17.08.2009



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