Private Bürgerreise San Carlos 2010 - Eindrücke aus San Carlos
Bericht einer privaten Bürgerreise nach San Carlos im Februar 2010
Eine Reise in Erlangens Partnerstadt San Carlos und den Süden Nicaraguas
"Während Anfang Februar der Festakt für die zwanzigjährige Partnerschaft zwischen Erlangen und San Carlos vorbereitet wird, macht sich unsere kleine Reisegruppe aus Erlangen und Umgebung auf den Weg nach San Carlos. Wir sind neugierig. Jeder hat sich auf seine Weise viel mit San Carlos und Nicaragua beschäftigt und engagiert sich in der Städtepartnerschaft. Wir möchten dem Land, dem Leben und den Menschen in San Carlos näher kommen, verstehen, was ihnen wichtig ist und gleichzeitig einen praktischen Beitrag leisten, die Partnerschaft zwischen beiden Städten zu vertiefen.
Von Costa Rica aus erreichen wir nach einer mehrstündigen Busfahrt die Grenze Nicaraguas. Von nun an werden wir überwiegend Wasserwege für unseren Transport nutzen. Auf einer spannenden Bootsfahrt auf dem Río Frío begleitet von weißen und grauen Reihern auf dem Wasser und vom Gebrüll der Affen in den Baumwipfeln erreichen wir San Carlos am südlichen Ende des Nicaragua Sees. Er ist der größte See Mittelamerikas, in der Indianersprache auch süßes Meer genannt. Wie einladend liegt San Carlos dort mit seinen bunten Häusern und der neu angelegten Uferpromenade direkt am Zufluss zum Río San Juan! Freudig werden wir am Hafen von wartenden Sancarleños begrüßt. Bei einem Spaziergang blicken wir von der Festung hinunter auf die wunderbare Lage der Stadt. Ein Student informiert uns engagiert über die Geschichte seiner Stadt und ihre schmerzlichen Erfahrungen in der sandinistischen Revolution. Am Abend nehmen uns Vertreter des Bürgermeisters Jhonny Gutiérrez in Empfang. Wir hören von neu initiierten Infrastruktur-Projekten, wie dem wichtigen Ausbau der Straße nach Managua, Förderung des Tourismus, dem Bau einer Abwasserkanalisation und Kläranlage. Die Stadt San Carlos zählt 12.000 Einwohner, mit ca. 70 Landgemeinden kommen weitere 37.000 Einwohner hinzu. Mit großer Herzlichkeit und Offenheit nehmen uns die Menschen dort auf. Sie leben teilweise unter sehr einfachen Bedingungen. Ihr Reichtum aber ist ihr Lebensmut und eine großartige Natur mit einer faszinierenden Pflanzen- und Tierwelt. Schnell werden wir eingenommen von der Vielfalt des Landes und seinen Gegensätzen.
Für unsere Zeit in San Carlos wurde ein vielfältiges Programm vorbereitet mit dem Besuch von Jugend- und Frauenprojekten, von Schulen und Kindergärten. Auch ein Rundgang durch das einzige Hospital der Region wird ermöglicht. Wir bekommen einen Einblick in die medizinische Versorgung aber auch in die Probleme der Stromversorgung.
Mit der Policia Nacional fahren wir in zwei Landgemeinden, um dort ein gemeinsames präventives Projekt verschiedener Organisationen für Jugendliche mit hohem sozialem Risiko zu besuchen. Auf der Ladefläche eines Pickup Trucks erreichen wir auf einer unbefestigten Straße gut durchgeschüttelt Las Azucenas. Eine Vertretung des Bürgerrates und Beauftragte für Kinder- und Jugendarbeit erwartet uns. Sie berichten uns, dass in beiden Gemeinden über 50% der Bewohner Kinder und Jugendliche sind. Zusätzlich besteht eine hohe Arbeitslosigkeit. Keiner der Jugendlichen hat einen Schulabschluss. Die nicht verpflichtende 5-jährige Secundaria wird von allen vorzeitig abgebrochen. Schon früh müssen die Kinder den Eltern in der Eigenversorgung zur Hand gehen, im Haus, auf dem Feld oder im Verkauf helfen. Da es auch keine praktisch technische Ausbildung gibt, haben die Jugendlichen kaum eine andere Perspektive als nach Costa Rica zu gehen und dort Feldarbeiten zu machen. Um die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen zu unterstützen, soll ein Ausbildungszentrum errichtet werden, in dem handwerkliche Fähigkeiten, wie Schreinern, Tischlern, Nähen erworben werden können.
Bei einigen Jugendlichen zeigen sich soziale Probleme. Hier wird mit Elterngesprächen und psychologischer Beratung durch ARETE (eine Organisation, die sich gegen innerfamiliäre Gewalt und Verwahrlosung engagiert) geholfen. Gemeinsame sportliche Aktivitäten, wie Fußballturniere und Folkloretanz sollen die Jugendlichen unterstützen. Aber wer zahlt den Strom für das Fußballfeld in Laurel Galán, wenn es um 18:00 dunkel wird in Nicaragua? Wer den aufgerissenen Hartplatz, wer unterstützt mit Handwerkszeugen? Es gibt sonst keine Freizeit-Beschäftigungen für Jugendliche und die Gemeinden haben kein Geld. Wenigstens können wir für das Kinderzentrum der 0-6 Jährigeneinen kleinen Beitrag leisten, indem wir in einer spontanen Spendenaktion nicht vorhandenes Spielzeug, Mal- und Bastelsachen, Kuscheltiere und Puppen mit den Betreuern einkaufen gehen.
Im Jugendclub Tertulia in San Carlos sind wir eingeladen zu Tanzvorführungen der kleinen Folkloregruppe und einem Schaukampf der Taekwon-Do-Gruppe. Zusammen mit den Familien und Zaungästen genießen wir diese hübsche Vorstellung, die von den Kindern und Jugendlichen mit Freude, Anmut und Kampfgeist vorgetragen wird. Aber auch hier fehlt es an Ausstattung. Wie gut, dass wir über BanDeNa (Schulplattform für Erlangen und San Carlos) die Geburtstagsspende von Susanne G. als Zusage für zusätzliche Tanzkleider überbringen können. So wird weiteren Mädchen die Teilnahme an öffentlichen Auftritten ermöglicht. Die Fertigung der Kleider unterstützt zudem die Frauen der Nähkooperative in San Miguelito.
In den nächsten Tagen erleben wir im Reservat Los Guatuzos auf dem schmalen, gewundenen Río Papaturro die Pracht der Tropen. Wir sind umgeben von Bäumen mit blühenden Schmarotzern, handtellergroßen Schmetterlingen, exotischen Vögeln, stolzen Exemplaren von Leguanen in den Bäumen oder kleinen Basilisken, einem großer Kaiman, der gelassen am Ufer ruht, und überall Wasserschildkröten, die ihren langen Hals in die Sonne strecken. Im Ökologischen Zentrum erfahren wir vom Leben der Ureinwohner des Reservates und vom wieder neu aufgenommenen Kakaoanbau. Im Bioreservat Indio Maíz am Río San Juan, einem der bedeutendsten Naturreservate in Zentralamerika, erkunden wir den Regenwald mit seinen Riesenbäumen, seinem ungeheueren Wurzelwerk und verschiedenen Heilpflanzen. Wir lauschen den Geräuschen nach, entdecken Affenleiter-Lianen, winzige rote Frösche im Blattwerk und unscheinbare Orchideen. Die spanische Festung El Castillo am Río San Juan bietet eine herrliche Sicht auf diesen breiten Fluss mit seinen Stromschnellen und seiner grandiosen Landschaft.
Beim Besuch des Gesundheitspostens in El Castillo werden wir wieder in das Leben der Menschen einbezogen. Von der Krankenschwester, die uns von ihren Aufgaben erzählt, wird mir als Ärztin anvertraut, dass sich seit gestern Abend ein Notfall im Gesundheitsposten befindet. Ein Junge, Franklin Alexis, wurde mit Verbrühungen von Schulter und Brust von seinem Vater auf dem Pferd gebracht. Es geht ihm nicht gut. Er hat Durst und Schmerzen. Außer einer Salbe und einem Schmerzmittel stehen keine Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Er braucht Hilfe. Für einen Transport in das nächste Gesundheitszentrum in Boca de Sabalos haben die Eltern kein Geld. Das letzte Boot hat bereits am Nachmittag abgelegt. So entscheiden wir schnell, das Kind selbst dort hinzubringen. Unser Bootsführer erklärt sich bereit zu fahren, die Benzinkosten tragen wir. Große fragende Kinderaugen nehmen mit Interesse die Aktion und die Ungeheuerlichkeit eines eigenen Transport-Bootes wahr. Noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen wir mit Franklin Alexis und seiner Mutter Boca de Sabalos und finden auch bald das Gesundheitszentrum. Der Junge wird sofort ärztlich betreut und soll am nächsten Tag ins Krankenhaus nach San Carlos transportiert werden.
Das nächste Ziel unserer Reise führt uns in den paradiesischen Archipel der Solentiname - Inseln. Auf einer dieser Inseln gründete Ernesto Cardenal seine weltberühmte christliche Kommune und initiierte mit einem befreundeten Künstler unter den Bewohnern die naive Malerei und das Kunsthandwerk mit Balsaholz. Beides wird auch heute noch auf den Inseln betrieben und man kann den Künstlern bei ihrer Arbeit zuschauen. Weiter geht es auf dem großen Nicaragua See zur Insel Ometepe mit den beiden Vulkanen Concepción und Maderas. Diese ursprüngliche Insel lädt ein zum Verweilen und Entspannen aber auch zum Wandern und Kajakfahren. In der Kolonialstadt Granada erleben wir auf dem Poetenfest mit den berühmten nicaraguanischen Autoren Gioconda Belli und Ernesto Cardenal die letzten Höhepunkte unserer so eindrucksvollen Reise.
Sollten auch Sie Interesse haben, die Partnerschaft zu den Menschen in San Carlos zu unterstützen und zu vertiefen, so können Sie sich gern unter SanCarlos-Erlangen@web.de an den Runden Tisch San Carlos wenden und Informationen einholen."
Marlies Schulze-Halberg
Erlangen, im März 2010
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