HNO Erlangen / Malmö: Win-Win-Situation für alle Beteiligten
Professor Bo Tiedeholm und sein Team haben etwas auch für Schweden Revolutionäres getan: Um Perspektiven zu erarbeiten und ihre Klinik „evolutionär und organisch“ weiter zu entwickeln, kamen die 25 wichtigsten Mitarbeiter aller Funktionsbereiche der HNO-Uniklinik Malmö aus Schweden für zwei Tage nach Erlangen.
Ein Team aus allen Schlüsselbereichen der dortigen Universität hatte genau recherchiert, wo man „für wirklich alle Bereiche eine durchgängig sehr hohe Qualität“ findet und wo man davon am meisten profitieren kann. Man hatte sich sehr schnell für Deutschland und nach einem „zweiten Durchgang“ für Erlangen entschieden, weil „man sich auch bei uns heute sehr genau überlegen muss, wohin man geht, um sich und seine Klinik voran zu bringen, denn die Ressourcen sind auch bei uns begrenzt."
Wir haben Professor Tiedeholm gefragt: Warum sind Sie mit Ihren Spezialisten gerade nach Erlangen gekommen?
Für uns bedeutet das eine „Win-Win-Situation“ - jeder profitiert vom Wissen des anderen. Da ist es gut, sich zusammen mit seinen Spezialisten alle Bereiche vor Ort genau anzusehen. Denn oft ist es nicht der eine große – in Spitzenkliniken sind es oft viele kleine Punkte, die man anders als die anderen macht – Details, die für die Patienten aber in ihrer Summe dann die entscheidenden Vorteile bringen.“
Fakt ist: Sie in Malmö stehen absolut auf Augenhöhe mit jeder deutschen Universitäts-Klinik. Was hat Sie in Erlangen besonders interessiert und haben Sie das hier gefunden?
Wir waren in den Spezialambulanzen und natürlich in den OP´s und haben hier sehr gute und auch für uns Fachleute beeindruckende Verfahren gesehen - ein anderes Beispiel ist die Versorgung der Patienten auf der Intensivstation.
Insgesamt haben wir in Erlangen in vielen Bereichen sehr viele interessante Dinge gesehen: Was uns aber am meisten beeindruckt hat, war nicht nur der große Leistungsumfang, sondern auch der sehr hohe Standard und die Sorgfalt, mit der hier alles gemacht wird.
Was bedeutet das konkret?
Ein Punkt für die Entscheidung, nach Erlangen zu kommen, war dass wir jetzt ein Programm zur Entdeckung von Hörschäden bei Neugeborenen haben. Dazu konnten wir unsere Erfahrungen mit den Screening-Programmen austauschen, die bei uns noch relativ neu sind, in Erlangen aber bereits seit etwa 10 Jahren laufen.
Das Problem: Sie in Erlangen und wir entdecken jetzt schon sehr früh Hörprobleme bei Neugeborenen und sehr kleinen Kindern. Das ist wichtig. Doch die Frage ist, wie geht man damit um, was macht man: Wo das möglich ist, unterstützt man sie zeitnah, z.B. mit Hörhilfen.
Wo das nicht möglich ist, weil die Weiterleitung und Verarbeitung der Schallimpulse im Innenohr nicht funktioniert oder wenn dieses gar nicht angelegt ist, gibt es heute sog. Cochlear Implants. Das zu implantieren, ist für uns kein Problem - wir haben heute auch hier so eine Operation gesehen - das operative Vorgehen in Erlangen und Malmö ist weitgehend identisch.
Und das Problem?
Das Problem sind die finanziellen Ressourcen. Die ganze Diagnostik, die Technik – auch die zur Nachsorge – ist aufwändig. Hier liegen für uns sowohl das Problem als auch die Herausforderung: So ein lückenloses, patientenzentriertes System wie hier in Erlangen aufzubauen, wird selbst uns noch viel Zeit, Geld und Arbeit kosten.
Sehr gut finde ich auch das exzellente Umfeld. Dass man zum Beispiel für diese Kinder, wenn es indiziert ist, jederzeit auch kurzfristig einen MR-Termin zur Diagnosestellung bekommt, dass die Anästhesisten hier mitziehen und das für ihren Bereich möglich machen und dass das ganze HighTech-Umfeld gerade für diese kleinen Patienten hier so kindgerecht wie möglich gestaltet wird, war für uns schon sehr beeindruckend.
Sind die medizinischen Probleme bei Ihnen denn vergleichbar zu denen in Deutschland?
Das medizinische Spektrum ist so ziemlich das gleiche. Unser größtes Problem ist, dass wir Wartelisten haben - für Operations- wie für Ambulanztermine. Es gibt zu viele Leute, die zu uns kommen wollen - doch wir können durch das System nicht genug Geld "verdienen", um dem Bedarf nachzukommen. Daher müssen wir ständig Prioritäten setzen und der mit der letzten Priorität steht leider oft an letzter Stelle. Und das darf gerade bei Kindern nicht sein!
Das ausführliche (englische) Interview mit Prof. Bo Tiedeholm, Malmö und Prof. Heinrich Iro, Erlangen als MP3-Datei im Anhang.