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Aktuelles aus und über Wladimir

Kein kalter Freund



Blog Erlangen-Wladimir:

Wenn die deutsche Öffentlichkeit einmal wieder nicht versteht, was in Rußland vor sich geht, rufen die Journalisten gern bei Alexander Rahr an, um seine Expertenmeinung zu hören. Man kann auch zum jüngsten Buch des Leiters des Berthold-Beitz-Zentrums zur Erforschung der Nachfolgestaaten der UdSSR greifen, das Rußland im Titel mit einer Contradictio in adjecto als “kalten Freund“ bezeichnet. Sein in kühler Zuneigung zum Gegenstand seiner Studien kalkuliert mehrdeutig gewähltes Bild, am 29. Dezember in einem Interview mit dem Sender n-tv erneut bemüht, mag für das Verhältnis der Staaten gelten, aber mit der Realität einer Städtepartnerschaft, wie sie Erlangen und Wladimir pflegen hat sie wenig zu tun. Das ist gut so.

Das liegt an den Menschen, die auch angesichts von metaphorischen Eiszeiten und trotz handgreiflicher Visabeschränkungen miteinander Freundschaft schließen und halten. Das liegt an Kommunalpolitikern, denen hier wie dort der Austausch auf allen Ebenen am Herzen liegt. Das liegt in Wladimir an zwei Frauen, an Irina Chasowa und Anna Makarowa, die sich die Städtefreundschaft zur Herzenssache gemacht haben. Das liegt aber auch an dem immer regeren Interesse, den der Blog bei seinen Lesern findet.

Wladimir - Birgitt Asmuß und Irina Chasowa

Beginnen wir den kleinen Jahresrückblick mit sprechenden Zahlen: 161.102 Aufrufe gab es seit September 2008 und das mit einer erstaunlichen Steigerung. Zwischen 250 und 280 Nutzer klickten im vergangenen Monat wladimirpeter an, insgesamt deutlich über 8.000 und damit 2.000 mehr als im Dezember 2010, der sich im Vergleich zum Dezember 2009 auch schon um gut 2.000 Zugriffe gesteigert hatte. Nun kann man natürlich einwenden, da werde dem Götzen Quote gehuldigt. Aber hinter den virtuellen Zahlen verbergen sich reale Menschen, die aktiven Anteil am Geschehen nehmen.

Deshalb hier vor allem Dank an all die vielen Autoren, die durch die Schilderung ihrer Erlebnisse mit der Partnerschaft den Blog bunt und lebendig machen. Dank an die vielen Kommentatoren, die durch Lob und Kritik, Fragen und Anregungen zeigen, daß sie das Medium nutzen. Dank an die - vorsichtig geschätzt - mehr als 1.200 unmittelbar Aktiven bei 110 Austauschmaßnahmen von Sport über Kultur bis hin zu Bürgerreisen, Sprachferien, Studienaufenthalten und Schüleraustausch. Dank nicht zuletzt auch an die vielen Spender, die insgesamt fast 30.000 Euro für unterschiedliche soziale Projekte in Wladimir gespendet haben – vom Blauen Himmel über das Altenheim und Kinderkrankenhaus bis hin zu der Elterninitiative „Swet – Licht“, der Aktion für alleinerziehende Mütter oder der Rosenkranzgemeinde. Und das ohne jeden Aufruf in der Zeitung, ohne von oben gesteuerte Kampagne, ganz aus der Bürgerschaft heraus, ganz in Eigenverantwortung von Privatinitiativen und Vereinen im bewährten Vertrauen darauf, daß auch alles bei den Adressaten der Hilfe ankommt.

Es ist schwer, ein ganzes Jahr zusammenzufassen. Dennoch hier der Versuch - unvollständig und nur in Schlagworten – Wegmarken durch zwölf Monate intensivster Zusammenarbeit anzubringen:

BM Preuß und OBM Sergej Sacharow

Elisabeth Preuß übergibt Defibrillator an Pawel Litwow und Sergej Sacharow

Der Wladimirer Frühling hat einen neuen Oberbürgermeister, Sergej Sacharow, hervorgebracht, einen liberal denkenden Mann, der die Zivilgesellschaft stärken will und die Partnerschaft als Erbe seiner Vorgänger versteht, das es zu mehren gilt. Da ist es nachgerade programmatisch, wenn er als erste Gäste aus Erlangen Lehrer, Ärzte und Wissenschaftler empfängt, wenn er sich mit einem Studenten aus Erlangen trifft und sich viel Zeit für seine Kollegin Elisabeth Preuß nimmt. Und da trifft es sich gut, wenn das Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen auch unter der neuen Leitung von Albert Heuberger die Kooperation mit der Universität Wladimir fortsetzt, ebenso wie das Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde nach dem Ausscheiden von Frank Gillard. Da darf man sich auch freuen über die neuen Kontakte zwischen den Waldorfschulen beider Städte und den Lehreraustausch der Heinrich-Kirchner-Schule mit Wladimir.

Wladimir Kunstverein Erlangen

Siegfried Balleis mit Wladimirer Künstlern bei Ausstellungseröffnung "Schnee"

Kultur ist das Rückgrat der Partnerschaft. Was wäre die inzwischen ohne den Austausch von Rockbands, ohne den Auftritt von RUS, ohne die Kunstausstellungen, ohne die Zusammenarbeit der Museen beider Städte, ohne den musikalischen Austausch des Christian-Ernst-Gymnasiums mit Wladimir, ohne das Konzert von David Theodor Schmidt in der Wladimirer Philharmonie, um nur einige Höhepunkte zu nennen? Was wäre die Partnerschaft aber auch ohne den Sport und den treuen Austausch der jungen Schwimmer und Altherrenmannschaft von Torpedo Wladimir? Was ohne die unverzichtbare Unterstützung der VHS, des Freundeskreises und der Fördervereine? A propos: Es gibt davon zwei, Nadjeschda für den ökumenischen Jugendaustausch und den zur Förderung der Arbeit des Roten Kreuzes in Wladimir. Beide haben Anlaß zur Hoffnung, daß im nächsten Jahr wieder größere gemeinsame Projekte gestartet werden können. Aber das ist Stoff für später. Ebenso all das, was mittlerweile so vielfältig im Rahmen des Dreiecks Erlangen – Jena – Wladimir möglich wird und wovon der Blog gar nicht mehr immer im Detail berichten kann.

Wladimir BDKJ Aktion

Rolf Bernard und Jutta Schnabel bei Nikolausaktion für Wladimir

Ebenfalls viel Zukunftsmusik spielt im Jugendparlament, das nach einem ersten Besuch in Wladimir im nächsten Jahr Besuch von dort erwartet, und Erlanger Pfadfinder bereiten sich auf ein Sommerlager mit Gleichgesinnten aus der Partnerstadt vor. Unklar ist nur – und das ist der einzige Schatten über der Partnerschaft -, ob der ökumenische Austausch mit dem Bund der Deutschen Katholischen Jugend fortgesetzt werden kann, nachdem er wegen Visaproblemen heuer hatte abgesagt werden müssen. In der Sache wird hoffentlich in den nächsten Wochen eine frohe Botschaft aus Wladimir zu hören sein.

W. Gurinowitsch und W. Morell

Witalij Gurinowitsch und Wolfgang Morell

Kein Jahresrückblick ohne die Kriegsveteranen. Erst gestern hat Willi Götz Einblick in seine Zeit als Soldat und Gefangener gegeben. Neu zu dem Kreis der Wladimir-Veteranen sind Ludwig Reusch, Paul Hütter, Rolf Oehler, Franz Sieve sowie Heinz Bartl gestoßen. Bewegend der Besuch von Wolfgang Morell in der Partnerstadt zum 70. Jahrestag des Überfalls der Hitler-Truppen auf die Sowjetunion. Bewegend seine Rede vor der Ewigen Flamme, bewegend der Moment der gemeinsamen Pflanzung einer Friedenseiche am Platz des Sieges. Sieger und Besiegte im Frieden vereint, in Freundschaft versöhnt. In einer herzlichen Freundschaft, keiner kalten, keiner berechnenden. In einer Freundschaft, die das erreicht hat, die das lebt, wovon Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg vor nunmehr fast 30 Jahren wohl gar nicht zu träumen wagte, als er sein Versöhnungswerk begann. Daß dieses gelungen ist und fortgeführt wird, ist vielleicht das schönste Geschenk zu seinem heutigen Geburtstag, zu dem der Blog stellvertretend für all die vielen gratuliert, die seinen beherzten Anstoß zur Völkerverständigung und Aussöhnung aufgenommen haben.

Was immer die Zukunft – gerade auch angesichts der politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in Rußland vor und nach den Wahlen – bringen mag, Erlangen und Wladimir tun gut daran, auf dem eingeschlagenen Weg fortzufahren, den wir nun ohne den Patriarchen der Verständigung, Percy Gurwitz, weitergehen, der uns in diesem Jahr verlassen hat. Auf einem Weg ohne Einmischung in die inneren Angelegenheiten, aber mit Anteilnahme am Schicksal der anderen; ohne Belehrungen, aber mit dem Willen, Lehren aus der gemeinsamen Geschichte und Verantwortung zu ziehen; ohne jedes Besserwissen, aber in der Gewißheit, daß es nur gemeinsam besser wird. Prosit Neujahr! Prosit Partnerschaft! 

Peter Steger, 31.12.11

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