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Ostanowka 

UdSSR - CCCP, Westerwaldweg

Dieses Symbol der nun schon vor zwei Jahrzehnten im Strudel der eigenen Geschichte untergegangenen Sowjetunion, Hammer und Sichel, würde man nun gewiß nicht im gutbürgerlichen Neubaugebiet von Büchenbach erwarten. Und doch, da prangen sie, die kyrillischen Initialen der UdSSR – CCCP – auf der Rückseite des Wartehäuschens an der Bushaltestelle Westerwaldweg, gegenüber der Heinrich-Kirchner-Schule. Ob mit Bedacht aus Nostalgie, ob als Provokation, ob als Schibboleth einer ideologisch-landsmännischen Verbundenheit, wir wissen es nicht. Und doch läßt sich mühelos eine Verbindung zum heutigen Thema des Blogs herstellen.

Die Heinrich-Kirchner-Schule, den Lesern bisher eher bekannt durch die ebenso liebevoll wie fortwährend gestalteten Spendenaktionen der 3. Klasse von Christine Delfs für das Kinderkrankenhaus Wladimir, veranstaltet nämlich in diesen Tagen eine Lesewoche mit besonderen Gästen und einer Besucherin aus dem größten Nachfolgestaat der SU, der Russischen Föderation, und die vertritt in Erlangen natürlich Wladimir. Doch zunächst zu zwei anderen Besuchern der Schule. Noch vor Unterrichtsbeginn findet man da am Morgen Antje Wiese-Käppner, Buchhändlerin ihres Zeichens und Betreiberin des Büchermobils. Wie eine Agentin der Leseförderung zieht sie von Schule zu Schule, schafft Übersicht in der Überfülle der Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt, gibt Lehrern, Eltern und Schülern Empfehlungen und Anregungen, hilft beim Aufbau von Schulbüchereien wie etwa am Albert-Schweitzer-Gymnasium – und hat viel Freude daran.

HKS C

 

Gerd Lohwasser, Susanne Schmid, Marina Trubizyna und die Schüler

Eine Freude machen wollte eine Schülergruppe dem nächsten Gast an der Schule, Bürgermeister Gerd Lohwasser, selbst gelernter Lehrer, der auch als Politiker im Herzen immer Pädagoge geblieben ist. Nun geht seine Zeit als zweiter Mann im Rathaus Erlangen auf eigenen Wunsch dem Ende entgegen, nur noch gute vier Wochen bleibt er im Amt. Ein ebenso guter wie trauriger Anlaß, Abschied zu nehmen von jemandem, der die Schullandschaft Erlangens wie kaum ein anderer geprägt hat. Jedes Kind hat ein Fähnchen für Gerd Lohwasser mit einem guten Wunsch für die Zukunft und einem herzlichen Lachen. Wie könnte Abschiednehmen schöner sein?!

Lohwasser und Trubizina 

Marina Trubizyna, Gerd Lohwasser

Gekommen ist Gerd Lohwasser aber eigentlich, um Marina Trubizyna bei ihrer Hospitation an der Heinrich-Kirchner-Schule zu begrüßen. Die Gastlehrerin von der Schule Nr. 23 in Wladimir ist bereits seit Samstag in Erlangen und will sehen, wie hier Grundschüler an Fremdsprachen herangeführt werden. An ihrer Schule nämlich unterrichtet man bereits ab der ersten Klasse Englisch und will jetzt ab der zweiten Klasse auch Deutsch einführen. Anders als in Bayern besuchen die Kinder  in Rußland eine Gesamtschule, die im Fall der Schule Nr. 23 ein neusprachliches Gymnasium angeschlossen hat, das in der Partnerstadt als führend gilt. Doch davon wird der Blog noch gesondert berichten.

Bei der Vorbereitung der Lesewoche hatte Schulleiterin, Susanne Schmid, die Idee, auch die Wladimirer Kollegin aktiv einzubeziehen und startete eine Umfrage unter den Schülern, wer denn alles Russisch spreche. Zu ihrer großen Überraschung waren das viel mehr als gedacht. In den ersten beiden Klassen meldete sich mehr als ein Dutzend, bei den älteren sind es auch fast zehn. Bei der Vorlesestunde mit russischen Märchen dann die erfreuliche Bestätigung. Gleich welche Geschichte Marina Trubizyna zur Lektüre vorschlägt, die Kinder kennen jede von ihnen – und würden am liebsten jede hören. In den Familien der Spätaussiedler und Zuwanderer aus den Nachfolgestaaten der UdSSR wird die Muttersprache ganz offensichtlich gepflegt, und die Eltern greifen durchaus zum Buch, wenn es darum geht, die Kleinen zu unterhalten.

HKS G

Eine Riesengaudi war das, und die meisten hatten mehr Spaß mit den russischen als mit den deutschen Märchen. Nicht nur wegen der inneren Verbindung zur Muttersprache, sondern weil Marina Trubizyna die Märchen von den Kindern mitspielen ließ. Da durfte auch der liebste Junge einmal den Wolf spielen, auch das schüchternste Mädchen einmal helfen, die Märchen-Rübe aus dem Beet zu ziehen. Eine Unterrichtsstunde mit Witz und Herz. Aber auch eine Lehre für die Zaungäste dieser Lektion: Da schlummert ein zweisprachiger Schatz in den Kindern, ein Reichtum, den man nicht drangeben sollte in einem Schulsystem, das schon bald nach der Grundschule unter großem Zeitdruck auf Spezialisierung und Optimierung setzt. Wenn die Eltern nicht hinterher sind, werden diese Kinder als Erwachsene ihr Russisch oft nur noch auf umgangssprachlichem Niveau beherrschen. Dabei haben sie doch alle Anlagen, um einmal zu perfekten Mittlern zwischen den Sprachen und Kulturen zu werden, wenn, ja wenn die Schulen die Möglichkeit hätten, diesen Schülern das Fach Russisch für Muttersprachler – und sei es nur eine Stunde die Woche – anzubieten. Und das gilt für andere Sprachen nicht minder: Türkisch, Italienisch &. Es muß ja nicht auf dem Niveau der Franconian International School sein, aber tun sollten die Schulpolitiker da etwas. Denn gerade diese Kinder sind das Kapital unserer Zukunft.

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