Es ist eher ungewöhnlich, ein Buch nach seiner Präsentation vor einem Jahr noch einmal der Öffentlichkeit vorzustellen. Doch der Sinn der gestrigen Soirée erschließt sich aus mindestens drei Gründen: dem Ort der Lesung – der Franconian International School -, der Einbettung in eine Veranstaltungsreihe – den Interkulturellen Monat – und der Zusammensetzung – drei pointiert gewählte Portraitierte aus dem Band „Wir sind Erlangen“, drei von dreißig. Erlangens Kapital und Reichtum sind die Menschen aus aller Herren Länder: Flüchtlinge, Vertriebene, Gastarbeiter, Spätaussiedler, Immigranten, „Wanderer“ wie sie die Herausgeberinnen bezeichnen: Bürgermeisterin Elisabeth Preuß und Silvia Klein, die bei der Stadt Erlangen für Internationale Kontakte und Integration zuständig ist.

Im deutsch-englischen Wechselgesang trugen der Student Lucas Fassnacht und die FIS-Schülerin Cloé Böhm die im Sammelband von Journalisten der Erlanger Nachrichten und von Bernd Böhner bebilderten Lebensgeschichten von Fred Runkel, Moira Drexler und Rachel Gillio vor.

War dies schon eindrucksvoll genug, so gelang es besonders der sich anschließenden Gesprächsrunde, moderiert von Elisabeth Preuß, Einblicke in die Mechanik der Integration geben. Wie wird man als Fremder in Erlangen heimisch? Welche Rahmenbedingungen findet man hier vor? Wie sehen die Zahnräder aus, die ineinandergreifen müssen, damit Migranten sich in der Hugenottenstadt wohlfühlen? Dabei gab die Bürgermeisterin selbst schon das Stichwort vor: „Erlangen ist vielleicht die französischste Stadt Deutschlands.“ Das offizielle Motto „offen aus Tradition“ brauchte dabei gar nicht ausgesprochen zu werden.

Nach Auskunft der drei Podiumsgäste fanden sie denn auch bei ihrer Ankunft schon den Boden bereitet für ihre Aufnahme in der neuen Heimat. Unisono erklären sie, sich hier vom ersten Moment an wohl und angenommen gefühlt zu haben. Fred Runkel, der gastgebende zweisprachig aufgewachsene Deutsch-Amerikaner und begeisterte Sportler, nimmt noch heute, mit dem Fahrrad von Herzogenaurach kommend, gern einen Umweg auf seinem Weg zu seiner FIS, wie um die Vorfreude zu steigern, wieder in eine Umgebung zu kommen, deren Internationalität ihn immer wieder aufs neue fasziniert. Und wo er und sein Kollegium sich sicher fühlen, wo es keine No-Go-Area gibt. Ein nicht zu unterschätzender Standortvorteil gegenüber anderen Weltgegenden.

Moira Drexler, die mit viel Vertrauen und per Fernsteuerung am Computer noch immer ihren Laden in Australien führt und ihr Geschäft in der Friedrichstraße fast als Begegnungsstätte betreibt, erinnert sich noch immer an die ersten Begegnungen mit freundlichen Menschen, die sie bis heute freundschaftlich begleiten, aber auch die ersten Wörter, die sie im Wald hinter dem Roncalli-Stift gelernt hat, als sie regelmäßig ehrenamtlich Bewohner des Altenheims im Rollstuhl spazierenfuhr.

Und Rachel Gillio, die ebenso charmante wie erfolgreiche Leiterin des Deutsch-Französischen Instituts war zwar schon seit der Schule germanophil, hatte aber auf ihrem Wunschzettel nur Berlin und Berlin und Berlin, bis sie sich für die Stelle in Erlangen beworben hatte, wo ihr auf Anhieb der Bahnhof (sic!) ebenso sympathisch war wie die weltoffenen Menschen um ihn herum, Menschen, die sie gleich als eine der Ihren aufnahmen und nicht als Exotin bestaunten, wie das noch kurz zu vor in Thüringen vorkam..

Gleich wie es Elisabeth Preuß auch drehen und wenden mag, welche Fragen sie auch stellt, wo sie auch nachhakt: Die drei Gesprächspartner lassen nichts auf ihr Erlangen kommen. Vielleicht ist das ja auch das Geheimnis ihrer so reibungslosen Integration: gebildet, kosmopolitisch gestimmt, bereit, sich auf die neuen Gegebenheiten einzulassen – und bereits des Deutschen mächtig oder eben willens, die Sprache rasch zu erlernen. Wenn eine solche Flexibilität auf eine Bevölkerung trifft, die es fast schon in den Genen hat, sich fremde Kulturen anzueignen, ohne sie zu vereinnahmen, die deren Wert und Werte anerkennt und schätzt, dann bleibt man auch gerne nach seinem Ruhestand in Erlangen tätig, wie etwa Frank Gillard, der die Lebensgeschichten ins Englische übersetzt hat und als Leiter des Instituts für Fremdsprachen und Auslandskunde zwar demnächst verabschiedet wird, deshalb aber gar nicht daran denkt, wieder nach England zurückzukehren.

Die drei sprechen an diesem von Willetta Carsons inspiriertem Jazzgesang mit viel Groove untermalten Abend offenbar für alle 30 in „Wir sind Erlangen“ versammelten Wanderer zwischen den Kulturen.

Wohl auch für Elisabeth Preuß, die selbst einmal ihr holländisches Alter ego, von der Mutter mitgegeben, zu erkennen gibt, als sie – mit spontanem Beifall belohnt – ankündigt, die Friedrichstraße werde bald von Radlern legal auch entgegen der Einbahnrichtung zu befahren sein, wie in den Niederlanden schon lange guter Brauch.


Der Raum in der FIS war bis auf den letzten Platz gefüllt. Dennoch: Man wünscht sich, es wären noch viel mehr gewesen, am besten gleich alle Erlanger, um zu spüren, was möglich ist, was gelingen kann zwischen den verschiedenen Kulturen, wenn Menschen, Politik und Behörden sich auf das Wagnis Integration und Internationalität einlassen, wenn Fremde zu Freunden werden und sich fern ihrer Heimat heimisch fühlen.
PS, 22.09.2011