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Stadt und Leute

Vom Überwinden von Mauern



Erlangen und Jena – ein Tag der Deutschen Einheit in Probstzella.

       Probstzella

Günstiger hätte der Zeitpunkt nicht sein können. Einen Tag vor der Verleihung des Nürnberger Menschenrechtspreises an den Iraner Abdolfattah Soltani, dem am 2. Oktober erst Pass und Ausreisegenehmigung von der Iranischen Regierung entzogen wurden und der somit der Verleihung fernbleiben muss, mahnte Joachim Herrmann, die friedliche Wiedervereinigung beider Teile Deutschlands als Zeichen für ermutigendes Handeln in der Welt auch über Deutschlands Grenzen hinaus anzusehen. Freiheit in der Welt sei keine Selbstverständlichkeit, und die Dankbarkeit für diese Errungenschaft der Friedlichen Revolution lege uns die Verpflichtung auf, den Freiheitswillen der Völker in Unrechtsstaaten weltweit zu unterstützen. So der Staatsminister des Innern auf der von Jena und Erlangen gemeinsam begangenen Feier des 3. Oktober in Probstzella. Zum ersten Mal trafen sich die Partnerstädte, die seit 2001 den Tag der Deutschen Einheit gemeinsam begehen, in dieser kleinen Gemeinde, genauer im Haus des Volkes, Thüringens größtem Bauhausdenkmal. Gut 250 Erlanger waren mit vier Bussen, per Bahn und PKW in diesen Ort gekommen, der noch vor 20 Jahren unmittelbar am Todesstreifen lag. Hier waren Bayern und Thüringen, das freie und das unfreie Deutschland voneinander getrennt. Alle Bahnreisenden von hüben nach drüben machten hier damals zwangsweise Halt und mussten sich den oft schikanösen Untersuchungen durch die Zollbeamten der DDR unterziehen.

Probstzella 2

(Photo Roland Thamm)

Doch nicht nur für die Älteren, besonders für die Jugendlichen, die die Wende noch nicht aktiv miterlebten, bedarf es der Erinnerung an Zeiten innerdeutscher Gegnerschaft. Und so wurde die Feier durch ein eindrucksvolles Landschaftskunstprojekt von Schülern des Angergymnasiums Jena und des Marie-Therese-Gymnasiums Erlangen eröffnet, das für beide, Jung und Alt, hohen Symbolwert besaß. Unter Anleitung ihrer Lehrerinnen Romy Brill (Jena) und Petra von Stromberg-Zapfe (Erlangen) hatten Schüler der Oberstufen innerhalb einer Woche einen Erdwall aufgeschüttet, der als Kulisse für eine Performance diente. In Zeitlupentempo gingen die Schülergruppen aufeinander zu, Symbol für das langsame Zueinanderfinden des zu Unrecht geteilten Volkes. Vor einem Zaunfeld innehaltend stürzten sie dann Reihe für Reihe, zu Boden, ein Zeichen für die vielen Menschen, die beim Fluchtversuch ihr Leben ließen. Zuletzt wurde der Wall endgültig durchbrochen, als die Zuschauer durch Einpflanzen von Rosenstöcken in Selbigen in die Aktion miteingebunden wurden. Der Stadtspielmannszug Erlangen leitete, fehler- und lückenlos mit einem von ihm angeführten Marsch zur Halle des Volkes zum förmlicheren Teil der Veranstaltung über.

Probstzella 3

(c) Roland Thamm

Nach der Begrüßung durch den Bürgermeister der Gemeinde Probstzella, Marko Wolfram, und den Grußworten durch Joachim Herrmann und Thüringens Kultusminister Bernward Müller, trug die Kindergruppe Erlangen unter der Leitung von Knut-Wulf Gradert ein Szenisches Stück „Der Mensch ist frei“ nach Friedrich Schiller vor. Hierbei wurden einige fiktive Szenen aus Schillers Leben gespielt, welche die Allmacht des Herzogs in der damaligen Zeit als Symbol für die Unfreiheit aller Untertanen sehr deutlich zum Ausdruck brachten. Liebevoll vorbereitet und mit bezaubernder kindlicher Unbekümmertheit gewürzt, fand die Darstellung lang anhaltenden Beifall von Jung und Alt. Aus Kindermund klang Schillers Ode an die Freude besonders reizvoll. Da standen auch alle gerne auf und sangen mit.

Probstzella 4

(c) Roland Thamm

Hatte Joachim Herrmann die globalpolitische Dimension der Wende aufgezeigt, so schilderte Jenas Oberbürgermeister Dr. Albrecht Schröter die Gedanken und Empfindungen, die die friedliche Revolution und der Mauerfall als deren Höhepunkt bei ihm ausgelöst hatten. Hierzu präsentierte Dr. Schröter den aufmerksamen Hörern sogar Kostproben aus seinen persönlichen Tagebucheinträgen dieser Zeit, der DDR im Jahre 1989. Die Geschehnisse auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking lagen erst wenige Monate zurück, waren noch frisch in Erinnerung, und überall warteten bereits die Armeeeinheiten auf den Einsatzbefehl, die Internierungspläne für die vielen tausend Regimekritiker lagen griffbereit. Doch die Friedliche Revolution obsiegte, und der promovierte Theologe schloss denn auch mit den Worten: „Gott hat dem Löwen das Maul zugehalten“. Oberbürgermeister Siegfried Balleis lenkte den Blick hinüber zu den Bürgern. Wie wichtig das kommunale Engagement und der Wille jedes Einzelnen nicht nur für die Wende, sondern auch für die besonders intensive Städtepartnerschaft Erlangen-Jena gewesen seien, wurde mit einem kräftigen Applaus durch die Anwesenden, unter ihnen auch zahlreiche Stadträte aus Erlangen, bekräftigt.

Probstzella 5

(c) Roland Thamm

Nach einem stärkenden Mittagessen konnten die Teilnehmer der Fahrt unter mehreren Programmpunkten wählen. Einige kamen in den Genuss des sehr aufschlussreichen Dokumentarfilms „Eingeschlossen, abgeriegelt“ zur Geschichte der DDR. Von den mitgereisten IG-Metall- Seniorenverbänden war mit viel Sorgfalt eine Ausstellung über 20 Jahre intensiver Zusammenarbeit vorbereitet worden. Ein großer Teil unternahm eine Wanderung hinauf zu einem alten Grenzwachturm und zum Grünen Band, dem neuen Naturschutzgebiet, welches sich entlang des alten Todesstreifens quer durch Europa zieht. Bemerkenswert war die ökumenische Andacht, die in der reizvollen Ortskirche St. Lorenz von Gemeindepfarrer Christian Leist-Bemmann, dem Erlanger Dekan Josef Dobeneck und Pfarrer Eberhard Berger sowie den beiden Oberbürgermeistern spontan, einfühlsam und anrührend gestaltet wurde. Zur gelungenen Gestaltung trug auch die hervorragende musikalische Begleitung des Gottesdienstes durch das Accaradus-Ensemble aus dem Rheinland bei.

Probstzella 6

(c) Roland Thamm

Abschließenden Rahmen für angeregte Gespräche und Unterhaltungen mit den weiteren gut ein Dutzend mitgereisten Vereinen bot der Ausklang im Haus des Volkes bei Kaffee und Kuchen, mit musikalischer Umrahmung durch die Folkygang Saalfeld. Am Spätnachmittag machten sich die Buskolonnen wieder auf in Richtung Heimat, die einen nach Norden, die andern nach Süden. Die perfekte Organisation des gesamten Tages sowie der Elan und die gemeinsame Freude aller Beteiligten sorgten dafür, dass sich sicherlich alle noch lange Zeit an diese gemeinsame Feier der Deutschen Wiedervereinigung gerne zurückerinnern werden. Eine Tradition, die es wert ist, aufrechterhalten zu werden, hat doch der 3. Oktober nicht nur für uns Deutsche eine tiefere Bedeutung: Auch unsere europäischen Freunde teilen diese Wahrnehmung: Von der auf Einladung von Bürgermeisterin Frau Elisabeth Preuß mitgereisten Delegation aus der italienischen Freundschaftsstadt Cumiana war zu erfahren, dass die friedliche Wiedervereinigung, die gewaltlose Revolution der Deutschen auf beiden Seiten, und somit der 3. Oktober für jene ähnliche Strahlkraft, wenn nicht gar Vorbildfunktion haben wie für unser eigenes Volk. Und so kann man dies nur als Bestätigung der Worte des Innenministers ansehen: Die Ereignisse, die sich vor 20 Jahren Bahn brachen, können auch in Zukunft mit Fug und Recht als Menetekel für alle unterdrückenden, menschenrechtslosen, radikalen Staaten dieser Welt stehen. Und für uns soll das ein Zeichen sein, dass wir als Deutsche unsere Freiheit nicht dem Zufall verdanken, und auch nicht leichtfertig mit ihr umgehen, sondern sie in Dankbarkeit kontinuierlich pflegen sollten.

04.10.2009

Justus Strübing

Photos aus Probstzella auf der Homepage der TLZ:

http://bildgalerie.zgt.de/?em_gal=5017&em_client=tlz&em_tag=tlz.jena_T191930605339 

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