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Porträts der Partnerstädte und internationalen Kooperationspartner

Brüx/Most - Tschechien

Brücken nach Brüx

Vor 60 Jahren hat Erlangen die Patenschaft über die vertriebenen Deutschen aus Brüx, dem heutigen Most in Nordböhmen, übernommen. Vom 14. bis 16. August richtet deshalb die Hugenottenstadt die Jubiläumsfeiern zum traditionellen „Maria-Schnee-Fest“ aus. Um einen Einblick in Geschichte und Gegenwart des Landstrichs, der vor gut 700 Jahren von Franken her besiedelt wurde und bis zum Zweiten Weltkrieg deutsch geprägt blieb, zu erhalten, reiste unter Leitung von Oberbürgermeister Siegfried Balleis vom 13. bis 14. Juni eine siebzehnköpfige Delegation nach Most, dessen Name vom deutschen „Brüx – Brücke“ ins Tschechische übersetzt wurde. Hier soll es Ende des 10. Jahrhunderts einen Steg gegeben haben, den laut Überlieferung Ibrahim ibn Yaqub, der große jüdische Autor von Reiseberichten in Diensten des Kalifen von Córdoba, auf seinem Weg nach Prag überschritten hat.

Siegfried Balleis und Peter Wesselowsky (Brüx)

Siegfried Balleis und Peter Wesselowsky im Gespräch auf dem Burgturm hoch über Brüx.

Auch wenn dies eher Legende denn belegte Geschichte ist, übernahm doch die Königsstadt Brüx im Erzgebirgsvorland eine Brückenkopffunktion für den Austausch zwischen Sachsen und Böhmen, zwischen Meißen und Prag, wurde aber als Zentrum des Katholizismus auch Ziel von Angriffen der Hussiten im 14. Jahrhundert und der Schweden im 30jährigen Krieg. Erst mit der stürmischen Industrialisierung und dem intensiven Braunkohle-Tageabbau Ende des 19. Jahrhunderts zogen auch Tschechen in die Stadt an der Bilina und stellten ab 1930 knapp die Bevölkerungsmehrheit. Brüx war mittlerweile an die Eisenbahn angeschlossen und beherbergte Porzellanindustrie und ein Stahlwerk. Beherrschend aber die Braunkohle, die Ende der 30er Jahre in den „Hermann-Göring-Werken“ – erbaut nach dem Anschluß des Sudetenlandes 1938 an das Reich - hydriert und zu Treibstoff verarbeitet wurde und bis heute das Schicksal von Stadt, Land und Menschen bestimmt.

Gruppenbild auf der Burg (Brüx)

Gut angekommen: die Gruppe aus Erlangen auf der Burg über Brüx.

Kundig und kompetent geführt von Peter Wesselowsky, dem Obmann der Heimatgemeinde Brüx und langjährigen Bürgermeister von Ochsenfurt, der sich als Kind noch an die Vertreibung nach dem Krieg erinnert, konnten sich die Gäste von der Landeswarte auf dem Schloßberg aus ein eindrucksvolles Bild von den einschneidenden Folgen des Tagesbaus machen, dem bis in die 60er Jahre Dutzende von Dörfern weichen mußten. Als „Vertriebene im eigenen Land“ quartierte man die ländliche Bevölkerung in die sozialistischen Plattenbausiedlungen um. Mehr noch: Fast die gesamte historische Stadt wurde gesprengt und hat nichts als eine ausgeräumte, renaturierte Landschaft hinterlassen, während man für die heute 70.000 Einwohner auf dem rechten Flußufer das heutige Most wie aus der Retorte neu erbaute. Nur wenige Statuen – etwa vor dem modernen Rathaus, besonders aber um die Mariä-Himmelfahrt-Kirche gruppiert - haben den kulturhistorischen Kahlschlag überdauert. Das gotische Gotteshaus mit seiner filigran-verspielten Deckenkonstruktion und einem luftig-leichten Barockaltar stand- wie das ganze Stadtzentrum – auf einem gewaltigen Braunkohlesockel und wurde in einer einzigartig aufwendigen Aktion Anfang der 70er Jahre in 664 Stunden Zentimeter für Zentimeter rund um die Uhr um ganze 841 Meter versetzt. Mehr als 10.000 Tonnen bewegten sich mit 2,16 cmpro Minute auf sicheres Terrain, eine Art Rettungsinsel, wo nun das architektonische Juwel mit seinen drei Orgeln und einer in ganz Tschechien einzigartigen reliefgeschmückten Empore bewahrt bleibt, freilich fernab des neuen Most und seiner einst sinnstiftenden zentralen Rolle beraubt. Dennoch: Die ehemaligen Brüxer kommen wieder gerne hierher, feiern Gottesdienst, und der Gemeindepfarrer begrüßt denn auch herzlich die Besucher zu einem Orgelkonzert mit liturgischen Gesängen, organisiert vom Rotary-Klub Most. Beide, der Geistliche wie der Service-Klub, haben bereits ihre eigenen Brücken nach Erlangengeschlagen und nehmen die Einladung zu den Jubiläumsfeierlichkeiten im August an.

Vlastilmil Vozka und Siegfried Balleis (Brüx)

Auf Wiedersehen in Erlangen: Vlastimil Vozka und Siegfried Balleis.

Anette Wirth-Hücking und Vlastimil Voszka (Brüx)

Freie Wähler unter sich: Anette Wirth-Hücking und Vlastimil Vozka.

Aber auch an anderen Brücken wird eifrig gebaut, etwa wenn Claus Güllich, Leiter der Werner-von-Siemens-Realschule in Bruck, mit seiner Konrektorin Mathilde Eichhammer und den Brüxer Kollegen Möglichkeiten eines Schüleraustausches bespricht. Da will auch der Primátor von Most – so der Titel eines Oberbürgermeisters in Tschechien – Vlastimíl Vozka nicht zurückstehen. Der Bergbauingenieur mit langjähriger Berufserfahrung zeigt den Besuchern alte Förderstätten, die heute mit EU-Mitteln zu einem Museum umgebaut werden und stellte seinem Amtskollegen Siegfried Balleis in Aussicht, anläßlich des Jubiläums der Brüxer nach Erlangen zu kommen . Die industrielle Vergangenheit ist indes noch allgegenwärtig. Wenn auch der Himmel über Most dank Rauchgasentschwefelung wieder blau ist, hält die Region den traurigen Rekord mit der höchsten Umweltbelastung Tschechiens. Zugleich ist der Tagebau an seinen Grenzen angelangt und hinterläßt aus Mangel an industriellen Alternativen bis zu 25 % Arbeitslosigkeit. Doch für die Zukunft der Stadt sieht Vozka grün: großzügige Parkanlagen, gepflegte Blumenrabatten, auf der riesigen Abraumhalde über der Stadt ein Hippodrom sowie ein Golfplatz mit unverstelltem Weitblick bis ins Erzgebirge. Eine weitere Attraktion, in Richtung Komotau gelegen, stellt das Gelände für Motorsport dar, das gern auch von Autokonzernen für Testfahrten genutzt wird.

Claus Güllich, Matthilde Eichhammer, Kollege aus Brüx, Dieter Rossmeissl

Ein Geschenk für den Kollegen: Claus Güllich, Matthilde Eichhammer, Dieter Rossmeissl.

Hippodrom (Brüx)

Das Hippodrom vor der Silhouette des modernen Most.

Auf dem Rückweg legt die Gruppe, der auch die beiden Stadträtinnen Birgitt Aßmus und Anette Wirth-Hücking angehören, einen Halt in Komotau, dem heutigen Chomutov, ein. Gemeinsam mit der Vorsitzenden der Heimatgemeinde Komotau, Hedwig Gemmrig, empfängt Oberbürgermeisterin Ivana Řápková die Delegation und regt einen intensiven Austausch in den Bereichen Kultur und Bildung an. Kultur- und Jugendreferent Dieter Rossmeissl ergreift gern die ausgestreckte Hand und will prüfen, inwieweit die Museen beider Städte zusammenarbeiten könnten. Karin Günther, die Vorsitzende der Erlanger Fotoamateure und selbst in Komotau geboren, vereinbart sogar schon für das nächste Jahr eine Ausstellung mit Erlanger Stadtansichten in Chomutov und lädt für 2011, wenn die Heimatgemeinde Komotau in Erlangen das 60jährige Jubiläum der Patenschaft begeht, die böhmischen Photographen zum Gegenbesuch ein.

Marktplatz von Komotau

Der historische Maktplatz von Komotau

Die Geschichte der Vertreibung der Deutschen, die damals 90% der Einwohner stellten, aus der heute 50.000 Einwohner zählenden Stadt ist ungleich belasteter als in Brüx. Am 9. Juni 1945 wurden all 8.000 noch in Komotau lebenden deutschen Männer zwischen 13 und 65 Jahren auf den Jahnsportplatz befohlen. Es kam zu Erschießungen, und auf dem anschließenden sogenannten Todesmarsch nach Maltheuern wurden viele weitere ermordet. Nach Jahrzehnten der Verdrängung stellt man sich in Tschechien heute den dunklen Seiten der eigenen Geschichte und anerkennt den deutschen Beitrag zu Kultur und Wirtschaft des Landes. Mögen auch die Beneš-Dekrete mit all ihren Ungerechtigkeiten noch in Kraft sein, die verantwortlichen Politiker an der Basis wollen die Aussöhnung. Und daß die gelingen kann, rechnet Oberbürgermeister Siegfried Balleis gerade den Vertriebenen hoch an. So wurde die Fahrt nicht nur zu einer Reise in die Vergangenheit, sondern baute viele neue Brücken in eine gemeinsame Zukunft.

Hedwig Gemmrig, Angelika Balleis, Siegfried Balleis, Ivana Řápková (Komotau)

Kleine Geschenke begründen die Freundschaft: Hedwig Gemmrig, Angelika und Siegfried Balleis, Ivana Řápková

Hinweis: Wer mehr über die Arbeit der Heimatkreise Brüx und Komotau erfahren möchte, kann im Frankenhof, Südliche Stadtmauerstraße 35, die „Heimatstuben“ besuchen.

PS

28.12.2011
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