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Berichte

Ausgezeichnete Patenschaft über Komotau

Zum 30. Bundestreffen und anläßlich des 60. Jubiläums der Patenschaft für die Heimatvertriebenen aus dem Kreis Komotau hatten sich die Heimatkreisbetreuerin, Hedwig Gemmrig, und ihre Mitstreiter ein ganz besonderes Programm einfallen lassen. Viel planerische Sorgfalt war da notwendig, viele Details waren zu bedenken, um alle Ideen und Vorhaben umzusetzen. Heute, wo das Treffen nach dem Festgottesdienst mit Heimatpfarrer Karl Brünnler in St. Bonifaz mit Gesprächsrunden im Frankenhof ausklingt, können die Verantwortlichen zufrieden auf ihr Werk zurückblicken, denn die Teilnehmer und Gäste waren zufrieden.

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Begonnen hat das Festprogramm um 11.00 Uhr mit der Eröffnung einer Doppelausstellung in den Räumen des Frankenhofs, wo auch in den nächsten Wochen anhand von ungezählten Dokumenten, Bildern und Exponaten die Geschichte der Sudetendeutschen in Komotau zu erkunden ist. Mehr noch: Der Vergangenheit ist auch das Heute gegenübergestellt mit Photos der Erlanger Fotoamateure, namentlich von Karin Günther, der Vorsitzenden des Vereins, selbst gebürtig aus Komotau und dort mit ihren Ausstellungen gern gesehener Gast.

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Vor zahlreichem Publikum – viele der insgesamt um die 200 Teilnehmer reisten freilich erst im Laufe des Tages an oder kamen am Sonntag – nutzte Hedwig Gemmrig die Gelegenheit, auf Geschichte und Gegenwart der Sudetendeutschen einzugehen und vor allem die Ehrengäste Dieter Rossmeissl, Kulturreferent der Stadt Erlangen mit Wurzeln in Komotau, Helmut Schmitt, Leiter des Bürgermeister- und Presseamtes, sowie Renate Gregor, aus Schlesien stammende Ehrenamtsbeauftragte, zu begrüßen.

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Zu den Fixpunkten eines jeden Bundestreffens in Erlangen gehört das Gedenken am Ehrenmal vor der Adalbert-Stifter-Schule. Der Komotau-Bus war gerade eben groß genug, um die Gruppe vom Frankenhof nach Sieglitzhof zu bringen, wo Heimatpfarrer Karl Brünnler in bewegenden Worten an die Opfer der Vertreibung erinnerte. Hier ist zu spüren, wie tief die Wunden sind, wie lange es noch dauern wird, bis sie geheilt und zugewachsen sind. Unrecht kann man zwar verzeihen, aber wohl nie vergessen. Das gilt für alle Opfer, gleich welcher Nation, Rasse oder Hautfarbe.

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Am Abend schließlich füllte sich der Saal des Frankenhofs bis auf den letzten Platz. Festredner Bernd Posselt, Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, traf zwar auf seinem langen Weg von Straßburg via Bodensee und München mit einem kleinen Cum tempore ein – sein Fahrer war unterwegs erkrankt, und so mußte der Europaabgeordnete den Zug nehmen -, aber das verzögerte den Ablauf kaum.

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Festlich umrahmt vom Flötenduo Christof Hesse / Verena Wedel mit Melodien von Friedemann Bach, Wolfgang Amadeus Mozart und Georg Philipp Telemann reihten sich die drei Reden aneinander, eingeleitet von Hedwig Gemmrig, die vor allem auf die 60jährige gemeinsame Geschichte der Heimatvertriebenen in und mit Erlangen einging: auf die Anfangsjahre, als die Komotauer noch zu Zehntausenden nach Erlangen pilgerten, um hier alle Säle bis hin zu den Turnhallen zu füllen, als vor 30 Jahren erstmals der seinerzeit neuerrichtete Frankenhof gemeinsam mit dem Redoutensaal als Begegnungsstätte genutzt wurde, bis der Frankenhof seit drei Jahren allein den 200 bis 300 Gästen aus ganz Deutschland Herberge gibt.

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Lob hat die in Pforzheim lebende Rednerin für die Stadt Erlangen, Lob und Anerkennung für Oberbürgermeister Siegfried Balleis und sein Team für die seit fünf Jahren im Frankenhof angesiedelten Heimatstuben, für die Gastfreundschaft, für die Treue und Patenschaft, die sich unter anderem in der soeben neugestalteten Blumenuhr, im Komotau-Bus, in der Komotauer und Görkauer Straße und natürlich in der Gedenkstätte vor der Adalbert-Stifter-Schule Ausdruck verschaffen.

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Von den einst 70.000 Vertriebenen aus dem Kreis Komotau leben heute noch – nun schon in der dritten Generation – etwa 10.000 in ganz Deutschland verstreut. Darunter illustre Persönlichkeiten wie der TV-Moderator Wolfgang Herles, die Schauspielerin Ruth Maria Kubitschek oder Peter Gruß, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, der terminlich am Kommen verhindert war, Erlangen aber eng verbunden ist und sich vor drei Jahren bereits ins Goldene Buch der Stadt eingetragen hat. In Zusammenhang mit dem Neubau des Max-Planck-Instituts für die Physik des Lichts wird man ihn sicher bald schon häufiger in der Hugenottenstadt begrüßen können.

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Aber auch Hedwig Gemmrig hat eine frühe und enge Verbindung zu Erlangen. Nach der Vertreibung kam sie zunächst ins Auffanglager Bruck und besuchte für kurze Zeit die Schule in Erlangen, bevor es weiter nach Westen, nach Baden-Württemberg ging.

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Hier in Erlangen traf sie in den Folgejahren immer wieder die Verwandten wieder, und hierher kehrt sie nun fast monatlich zurück, um die Heimatstube zu betreuen, das Archiv zu nutzen, Kontakte aufzubauen.

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Da hatte es der „kosmopolitische Franke“ Siegfried Balleis, wie er sich selbst nannte, leicht, als Schirmherr der Komotauer Vertriebenen ans Rednerpult zu treten und die Gäste zu begrüßen mit einer Rede, die wir hier im Wortlaut wiedergeben, die Erlangens Oberbürgermeister freilich mit vielen Ausflügen in seine persönlichen Erfahrungen garnierte, besonders an seine Reise vor zwei Jahren nach Brüx und Komotau mit Peter Wesselowsky.

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Sehr geehrte Frau Gemmrig, sehr geehrter Herr Děd, liebe Festgäste,

Heuer sind es 60 Jahre, seit die Stadt Erlangen eine Patenschaft über die Heimatvertriebenen aus Komotau übernommen hat. Was Oberbürgermeister Michael Poeschke ins Werk setzte, wurde von seinen Nachfolgern, Heinrich Lades und Dietmar Hahlweg, verantwortungsvoll fortgesetzt. Ich freue mich, in dieser Tradition zu stehen und bin gerne Ihrer Einladung gefolgt, ein Grußwort zu sprechen.

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Erlangen nennt sich zu Recht „offen aus Tradition“. Das galt vor 300 Jahren gegenüber den Hugenotten, den Glaubensflüchtlingen aus Frankreich, ebenso wie nach dem Zweiten Weltkrieg für die Heimatvertriebenen zunächst aus Brüx, später auch aus Komotau.

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Gerade Bayern und besonders Erlangen haben damals nicht nur ihre Verantwortung gegenüber den Heimatvertriebenen wahrgenommen, sondern auch begriffen, wie wichtig gerade für die eigene Entwicklung eine rasche Integration dieser vielseitig ausgebildeten und arbeitswilligen Neuankömmlinge war. Die Sudetendeutschen gelten in Bayern ja noch immer als ein eigener Stamm und sind hier längst fest verwurzelt. Dieser Stamm trägt Blüten und Früchte, auch hier in Franken: Die Bamberger Symphoniker, ein Ensemble von Weltruf, wären nicht, was sie sind, ohne die heimatvertriebenen Musiker, unsere Nachbargemeinde Bubenreuth hat sich einen Namen als Zentrum für Instrumentenbau erworben, wiederum dank der Flüchtlinge. Und ich darf darauf hinweisen: Der langjährige Bürgermeister von Ochsenfurt, Peter Wesselowsky, - Sie kennen ihn alle - ist heute Obmann der Heimatgemeinde Brüx, unser Altoberbürgermeister Dr. Dietmar Hahlweg stammt aus Schlesien, und unser erst kürzlich verabschiedete Bürgermeister, Gerd Lohwasser, wurde in Karlsbad geboren. Nur ich bin geborener Franke, wenn ich das anmerken darf, was mich freilich nicht hindert, Ihnen und Ihren Anliegen ganz offen gegenüberzustehen.

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Erlangen hat sich Mühe gegeben, Komotau eine Ersatzheimat zu geben. Das Ehrenmal, wo Sie heute einen Kranz niedergelegt haben, die Sonnenuhr, die ganz neu gestaltet ist, die Komotauer Straße und der Komotau-Bus, der Ihnen heute zur Verfügung stand, sind äußere Zeichen dafür. Die Heimatstuben hier im Frankenhof schaffen den Raum für Begegnungen, Studien, Vorträge. Hier ist das Gedächtnis der Vertriebenen bewahrt.

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Sehr verehrte Damen und Herren, vor 62 Jahren wurde das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland angenommen. Nur ein Jahr später gaben sich die deutschen Heimatvertriebenen eine eigene Verfassung, die von großem politischen Weitblick und der Bereitschaft zur Versöhnung zeugte. Der Verzicht auf Rache und Gewalt angesichts des am eigenen Leib erlittenen Unrechts und ein klares Bekenntnis zur Schaffung eines einigen Europas, in dem Verständigung zwischen den Staaten, Völkern und Volksgruppen möglich werden sollte, hatte eine visionäre Kraft und sollte zukunftsweisend sein.

Eine der Forderungen in dieser Verfassung lautet: Tätige Einschaltung der deutschen Heimatvertriebenen in den Wiederaufbau Europas.

Was wir immer wieder viel zu leichtfertig vergessen, ist das in der Geschichte einzigartige Friedenswerk Europas. Offene Grenzen, offener Warenaustausch, offene Gesellschaften. Auch offen für die Auseinandersetzung mit der eigenen schwierigen Geschichte. Ich bin deshalb froh und dankbar, heute Museumsdirektor Stanislav Děd unter uns zu wissen. Seine regelmäßige Teilnahme an den Treffen ist ein Zeichen der ausgestreckten Hand und der Verständigung. Wir ergreifen diese Hand gerne. Vor zwei Jahren bin ich mit einer Delegation Erlangen auch nach Chomutov gekommen, Im Oktober letzten Jahres zeigten die Erlanger Fotoamateure eine Ausstellung im Museum von Chomutov, gleiches wiederholte sich in dem Jahr, wo sogar eine Bürgergruppe des Stadtverbandes Kultur zusammen mit Ihnen, sehr geehrte Frau Gemmrig, Komotau besuchte. Noch im Herbst haben wir die Ausstellung von zwei Künstlern aus Chomutov in der Galerie im Treppenhaus. In dem Zusammenhang will ich einen Namen nicht unerwähnt lassen: Karin Günther, in Komotau geboren und in Erlangen hochangesehen unter anderem wegen ihrer vielfältigen Aktivitäten im Rahmen der Städtepartnerschaften. Sie verdient mit allen Mitgliedern der Erlanger Fotoamateure Dank und Anerkennung für die Organisation der Ausstellungen und die wichtigen Impulse zur Zusammenarbeit.   

Nun aber wünsche ich Ihnen allen in Ihrem Erlangen ein gelungenes Treffen und danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Es gilt das gesprochene Wort.

Bernd Posselts Rede hier wiederzugeben ist bei der Eloquenz des freisprechenden Parlamentariers schier unmöglich. Er schöpft aus dem Vollen seiner Erfahrung, seiner persönlichen Geschichte und hält die Zuhörer in seinem Bann, wenn er von dem „sudetendeutschen Wunder“ spricht, das nach 65 Jahren noch immer spürbar sei, wenn er Erlangen uns seine Patenschaft als etwas lobt, das europaweit bekannt sei und Standards setze, wenn er bewegt von seinen Begegnungen in Lidice, Theresienstadt und Aussig spricht und den böhmischen Landespatriotismus beschwört, der ein einvernehmliches Zusammenleben von Deutschen und Tschechen erst möglich macht. Er kennt die vielen Hindernisse und die Hintertreiber einer Versöhnung, weiß von nationalistischen Tendenzen in Tschechien zu berichten, aber er ruft vor allem dazu auf, die bereits bestehenden „Inseln der Verständigung“ größer zu machen. Einen dieser Baumeister einer gemeinsamen Zukunft von Tschechen und Deutschen weiß er in Stanislav Děd, dem so aufgeschlossenen Museumsdirektor von Chomutov, an seiner Seite, ihn sieht er als Symbol für ein Zusammengehen beider Völker, die doch früher eigentlich nur die Sprache getrennt habe. Da ist nun wirklich nichts von Revanchismus, von „ewiggestrigen Parolen“ zu hören. Vielmehr lautet der Tenor: vereint in eine gemeinsame Zukunft, aufgebaut auf Offenheit und ehrliche Aufarbeitung dessen, was während und nach der Vertreibung geschehen ist. Etwas das  auch gegen anfängliche Widerstände möglich ist, wie das zum Beispiel die journalistische Arbeit von David Wondratschek beweist.

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Da entspricht es nur der Logik der Versöhnung, wenn bereits zehn Begegnungszentren in Böhmen eingerichtet sind und die einhundert Heimatkreise – gerade auch mit ihrer Jugendarbeit – im ständigen Dialog mit den Menschen stehen, die heute da leben, wo die Vertriebenen ihre Wurzeln haben. Und da ist es nur folgerichtig, wenn Bernd Posselt ein glühendes Plädoyer für das geeinte Europa hält, dieses in der Geschichte einzigartige Friedenswerk, und es in Schutz nimmt gegen billigen Populismus.

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Seine Rede beendet der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe mit einem ungewöhnlichen Geschenk an die Stadt Erlangen, das Helmut Schmitt, Leiter des Bürgermeister- und Presseamtes stellvertretend in Empfang nehmen darf: eine Ehrenurkunde für 60 Jahre Patenschaft über die Angehörigen der Sudentendeutschen Volksgruppe des Heimatkreises Komotau. Eine Auszeichnung für ein einzigartiges Engagement und für die „unverbrüchliche Treue“ zu den Heimatvertriebenen. Grund zur Freude, aber auch Verpflichtung, dieser Patenschaft auch in Zukunft gerecht zu werden, ihr zu ihrem Recht zu verhelfen.

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Das 30. Bundestreffen zum 60jährigen Jubiläum der Patenschaft endete am Sonntag, den 18. September, mit einem Gottesdienst in St. Bonifaz, gemeinsam mit der Bonifazgemeinde und Heimatpfarrer Karl Brünnler. Ein würdiger Ausklang für ein gelungenes Jubiläum, das viele Vertriebene nutzten, um wieder einmal in ihr Erlangen zu kommen, in ihre Patenstadt, wo man sie immer herzlich willkommen heißt.

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Und wie geht es weiter? Bereits im Oktober ist in der Galerie im Treppenhaus eine Ausstellung von zwei Photographen aus Chomutov zu sehen. Stanislav Děd will dann die Gelegenheit nutzen, um seinen Kollegen vom Erlanger Stadtmuseum kennenzulernen, und Bernd Posselt hat einen weiteren Weg gezeigt, den man schon bald gehen könnte. Es gibt nämlich EU-Zuschüsse für den Aufbau von Regionalmuseen von Heimatkreisen. Vielleicht eine Möglichkeit, um den Rang der Heimatstuben aufzuwerten, die wertvollen Unterlagen und Dokumente besser zugänglich zu machen. Eine weitere Chance und ein erfreulicher Ausblick in eine gemeinsame Zukunft der Vertriebenen, der Erlanger und der Menschen aus Chomutov im Geist von Frieden und Versöhnung.

Peter Steger: 18.09.11

21.11.2011
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