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Cumiana

Kunstvoller Auftakt zum Jubiläum mit Cumiana

Nein, von ihrem präpotenten Ministerpräsidenten wollen die Gäste aus Cumiana nichts hören. Erst an späteren Abend lassen sie ihrem Ärger freien Lauf und klagen über ein zutiefst gespaltenes Land, in dem man sich mittlerweile mehr mit Pornographie als mit Politik beschäftige. Und überhaupt sei man ja mit einer ganz anderen Mission nach Erlangen gekommen.

Die beiden Künstler, Luigi Gorena und Pierino Riboldazzi, die erst am Freitag gemeinsam mit Altbürgermeister Gianfranco Poli aus dem Piemont gekommen waren, bilden gewissermaßen die Vorhut einer größeren Delegation, die im April zur Feier des Jubiläums in Erlangen erwartet wird. Um die Vorfreude auf das Ereignis schon jetzt spürbar zu machen, eröffnete Christine Flemming, Direktorin der Volkshochschule und Bildungspatin der internationalen Kontakte, am gestrigen Samstag die erste Ausstellung von Photographen aus der Freundschaftsstadt in Erlangen. Und wie allem Anfang, wohnte auch dieser Premiere ein Zauber inne. Seinen unerhört kraftvollen Anteil daran hatte der Sänger Roberto Andolina, der mit Stimme und Gitarre mehr als nur das Rahmenprogramm begleitete. Mit seinen heiter-melancholischen Melodien, die das Publikum vom Liebesspiel auf einer Frühlingswiese über das Fernweh eines Mädchens, das für 100 Lire nach Amerika auswandern will, bis hin zu den einst todbringenden Malariasümpfen der Toskana führten, hätte er solo ein ganzes Abendprogramm bestreiten können.

Ausstellung Cumiana 2

(Christine Flemming, Direktorin der VHS, bei der Ausstellungseröffnung)

90 Italienisch-Kurse bietet die VHS jährlich für bis zu eintausend Hörer an. Man höre und staune da capo al fine. Hinzu kommen die Exkursionen, Vorträge, kulinarischen Angebote. Übersetzer Davide Schenetti, Italienisch-Dozent am Sprachenzentrum der FAU und bei der Veranstaltung aufmerksam-exakter Übersetzer, hatte denn auch – freilich nur an dieser Stelle – Mühe, den Begriff „Volkshochschule“ ins Italienische zu übertragen, wo es doch auf dem Apennin derlei gar nicht gibt. So einigte man sich schließlich auf „Volksuniversität – „università del popolo“.

Oberbürgermeister Siegfried Balleis erinnerte an die tragisch-dramatische Geschichte, die Erlangen mit Cumiana verbindet, an das Massaker vom 3. April 1945, als SS-Leute mit der Ermordung von 51 Cumianesi einen Partisanenüberfall rächten. Mutmaßlicher Befehlshaber war ein Kommandeur, der sich später in der Umgebung von Erlangen niedergelassen und unerkannt wohlgelitten ein unbehelligtes Leben führte, bis ihn 1998 ein italienischer Journalist aufspürte und mit der schrecklichen Vergangenheit konfrontierte. Vor diesem dunklen Hintergrund wurde vor zehn Jahren aber eine Freundschaft geschlossen, die Herz und Verstand ergreift und die Hand zur Versöhnung reicht. Schüler des Ohm-Gymnasiums – eine Gruppe von Schülerinnen hat sogar beim Aufbau der Ausstellung geholfen – reisen regelmäßig nach Cumiana, die Alpenvereine pflegen einen regen Austausch, der Erlanger Kunstverein hat bereits in der 6.500-Seelen-Stadt ausgestellt, Giuseppe Andolina, Vorsitzender des Deutsch-Italienischen Vereins, veranstaltete im Vorjahr eine Bürgerreise nach Cumiana und Venzone, begleitet von den EFA (Erlanger Photoamateure), die beim Hängen der Bilder ebenfalls sachkundig mit Hand angelegt haben. Eine lange Liste könnte da Siegfried Balleis verlesen, aber wer seinen Lieblingssport kennt, wird sich nicht wundern, wenn die jährliche Friedensradfahrt besonders erwähnt wird.

Ausstellung Cumiana 1

Einig sind sich Gianfranco Poli und Siegfried Balleis, die „ungleichen Freunde“, in vielem, wenn nicht in allem. Besonders aber in ihrem Dank an Manfred Kirscher, der nicht nur entscheidende Impulse zur Aufnahme der Beziehungen zwischen Erlangen und Cumiana gegeben hat, sondern die Kontakte bis heute als Sprecher des Freundeskreises Cumiana maßgeblich prägt und die italienischen Gäste schon zum zweiten Mal am 3. Oktober nach Probstzella beziehungsweise nach Jena begleitet hat, um gemeinsam die Wiedervereinigung zu feiern. Dem so geehrten bleibt nur noch selbst Jutta Brandis von der VHS und all den anderen zu danken, die an der Ausstellung mitgewirkt haben. Zeit für eine Führung bleibt leider nicht mehr, aber die Bilder sprechen ja auch für sich.

Ausstellung Cumiana 3

(von links: Katharina Bochtler, Caroline Fischer, Alaa Hijazi, Lisa Tempel)

In der Tat erstaunlich, was die beiden mit ihren Kameras festhalten, beide Amateure, Autodidakten, aber von hohen Graden. Luigi Gorena nutzt, was die Computerverfremdung technisch hergibt, um seine Motive bis hin zur Abstraktion zu verfremden, ihnen ein zweites Gesicht zu geben, sie durch seine Phantasie zu filtern. Das Ergebnis ist ein künstlerisches Substrat, das aus jedem abgebildeten Gegenstand ganze Wolken von Assoziationen zum Aufsteigen bringt. Und dann sind da noch seine Künstlerportraits, auch sie der Phantasie des Künstlers nachgezeichnet von unverkennbar in ihrem Stil. Nicht von ungefähr hängt Johnny Depp in der Interpretation von Luigi Gorena – er war Anfang Oktober 2010 zum ersten Mal in Erlangen - im Büro von Bürgermeisterin Elisabeth Preuß, die sich gern ein besonderes Faible für Cumiana nachsagen läßt. Anders Pierrino Riboldazzi. Sein Markenzeichen sind wuchtige Landschaften, klar strukturierte Ansichten von Stadt und Flur, Bäume und deren Schatten als Wegmarken einer Natur, die, von den Jahreszeiten gegliedert, die Menschen des Piemont formt. Es kann schon einmal vorkommen, daß er für ein gelungenes Bild seiner Heimat aus der Vogelperspektive sogar seine Höhenangst überwindet und den Betrachter der Photographien Stufe um Stufe eines Turms hinaufträgt zu Ausblicken, die das Schwindelgefühl wahrlich lohnen.

Ausstellung Cumiana 4

Wenn man mit den beiden am Abend das Glück hat, ins Gespräch zu kommen, erfährt man viel von einem Italien, das auch innerlich seinen Frieden mit Deutschland gemacht hat. Besonders Pierrino Riboldazzi, zum ersten Mal in Erlangen und Deutschland überhaupt, ist überwältigt von der Gastfreundschaft und sagt uns Deutschen als jemand, der selbst Angehörige hatte, die dem Massaker zum Opfer gefallen waren: „Das Leid des Krieges hat uns zusammengeführt, aber jetzt herrschen Frieden und Freundschaft. Wir haben euch schon längst verziehen.“ Mehr noch, voneinander lernen wollen die Freunde. So ist es gut möglich, daß es bald auch in Cumiana einen Klub der Photoamateure gibt, um die vielen künstlerischen Einzelkämpfer einmal zusammenzuführen, und auch gegen das mangelnde Medieninteresse im Piemont an der Städtefreundschaft gibt es eine Remedur: Man greife selbst in die Tasten und verbreite die Botschaft der Freundschaft übers Internet…

Peter Steger: 27.02.11

28.08.2013
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