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Cumiana

Das Pfingsterlebnis in Cumiana

Auch Italiener, die zum ersten Mal nach Cumiana kommen und in Erlangens Freundschaftsstadt Wurzeln schlagen wollen, spüren diesen ganz eigenen Geist der 8.000-Einwohner-Gemeinde im Piemont. Es ist die Geschichte, die hier die Menschen mit einem besonderen Ereignis verbindet, mit dem von SS-Leuten verübten Massaker, dem am 3. April 1944 51 Menschen aus dem Ort unweit von Turin willkürlich zum Opfer fielen. Ein Geist, der in der Erinnerung zusammenhält, aber auch ein Geist, der offen ist für neue Erfahrungen und Begegnungen, frei für Vergebung und einen Neuanfang. Diesen Geist erleben besonders dankbar die Gäste aus Erlangen, - nun schon seit vierzehn Jahren.

Peter Steger und Elena Poliotto

Ein Geist der Verständigung, für die besonders jemand wie Elena Polliotto steht. Die Studentin der Germanistik und Anglistik ist in Cumiana die Frau für die Sprachvermittlung. Außerdem kennt sie die wichtigsten Akteure der Städtefreundschaft hier wie dort und wird von diesen geschätzt. Und sie liebt ihr Metier, das Dolmetschen, ebenso wie die Rolle als Fremdenführerin, die kundig ihre Heimat zeigt, besonders gern das urbane Turin, wo sie ihre Prüfungen am Goethe-Institut abgelegt hat, wo sie studiert und Deutsch-Unterricht gibt.

Paolo Poggio, Alice Enrici und Guiseppe Andiolina

Ein Geist, den Paolo Poggio verkörpert, der, seit zwei Jahren Bürgermeister von Cumina, keine Gelegenheit verstreichen läßt, um Gäste aus Erlangen zu empfangen. Am besten gleich beim Eintreffen am vergangenen Freitag, als der Kosbacher Stadlchor, verstärkt durch einige Angehörige, mit dem Bus gegen Abend Cumiana erreichte. Zum ersten Mal mit diesem Großaufgebot - und in diesem Geist der Volksdiplomatie, auf die sich gerade das Ensemble unter Knut Gradert so gut versteht.

Knut Gradert und Paolo Poggio

Als Gastgeschenk gleich vor dem Rathaus in der Markthalle ein Gruß von der eben erst eröffneten Bergkirchweih: Festbier und eine Riesenbrezel für den Gastgeber, der übrigens selbst gerne den Gerstensaft braut. Aber auch ein Lied wird intoniert, gleichsam als Einstimmung für das Konzert anderntags.

Kirche von Cumiana

"Ein besonderes Konzert", wie es Alice Enrici, die Leiterin des Cumbavianae-Chores, zu Beginn des Auftritts ausdrückte. Ein Konzert im Geist der künstlerischen Zusammenarbeit, der schöpferischen Gemeinschaft. Im vollbesetzten Gotteshaus eröffnete das Gastgeber-Ensemble den musikalischen Abend und überließ dann den fränkischen Freunden den Altarraum für eine eindrucksvolle Stunde großer Kompositionen. Überhaupt fragt man sich, warum die Kosbacher sich nicht längst "Kammerchor" nennen. Verdient hätten sie es angesichts der Werke von Mozart, Brahms, Schubert, Bruckner oder Orlando di Lasso, die unter dem inspirierten Dirigat von Knut Gradert bewegend erklingen. Natürlich hat man auch fränkische Weisen, Volkslieder und die leichte Muse im Programm, aber das Volkstümliche, das man mit dem "Stadl" assoziiert, bekommt man nicht zu hören. Dafür ein Klangjuwel wie die Sarabande von Händel, gewidment den Opfern des Massakers. Eben im Geist der Versöhnung.

Guiseppe Andolina

Einer der geistigen Väter der Städtefreundschaft, Guiseppe Andolina, steht auch hinter der Verbindung der beiden Chöre. 2010 hat er das Ensemble von Alice Enrici zum ersten Mal in Cumiana gehört und sich gleich gedacht, da sollte sich doch ein Gegenstück in Erlangen finden lassen. Nun waren die Cumbavianae schon zwei Mal in Erlangen, und die Kosbacher machten über Pfingsten ihren Antrittsbesuch, begleitet vom Vorsitzenden des Italienisch-Deutschen Vereins als kenntnisreichem Cicerone und augenzwinkerndem Dolmetscher.

Alice Enrici und Knut Gradert

Der Höhepunkt des Abends war dann aber sicher das Zusammengehen der beiden Chöre, der Zusammenklang im Geist der Harmonie. Stimmgewaltig, präzise, diszipliniert, ganz so, als hätte man schon immer miteinander gesungen: Besonders intensiv das "Locus iste" von Anton Bruckner, aber auch die Habanera in der umjubelten Interpretation von Alice Enrici.

Paolo Poggio, Alice Enrici, Knut Gradert und Guiseppe Andolina

Paolo Poggio fand denn auch die richtigen Worte: "Einfach danke!" Seine Begeisterung war ihm anzumerken, und es ist schön zu spüren, wie wichtig ihm gerade die kulturellen Beziehungen zu Erlangen sind. Immerhin trat ja im April bereits mit Bravour der Chor des Ohm-Gymnasiums in Cumiana auf. Und nun dieser erneute Höhepunkt einer Verständigung ohne Wort, in der allgemeinverständlichen Sprache der Musik.

Sacra di San Michele

Dabei sollte das Pfingsterlebnis erst noch folgen, das Fest, an dem alle Sprachen verständlich werden. An zwei besonderen Orten: der bereits im 10. Jahrhundert gegründeten Abtei St. Michael, dem "Mont Saint Michel" des Piemont - im Mittelalter unterstand auch Cumiana den Mönchen vom Berg -, und an der Gedenkstätte für die Opfer des Massakers in Erlangens Freundschaftsstadt. Am Morgen gestalteten die beiden Chöre als ein Ensemble den Festgottesdienst in fast tausend Meter Höhe, "geographisch wie spirituell erhoben" nach den Worten von Knut Gradert - und bisher unerreicht stimmungsvoll. Am späteren Nachmittag dann die Gedenkfeier für die Opfer des Massakers, die man in Cumiana "Märtyrer" nennt.

Stadlchor an der Gedenkstätte für die Opfer des Massakers in Cumiana

Knut Gradert traf den Genius loci mit seinen wohlgesetzten Worten. Verhalten, zögernd, bekennend. Besonders aber mit dem Lied "Von guten Mächten wunderbar geborgen". Ein Werk der Hoffnung im Geist der Friedfertigkeit in barbarischen Zeiten, geschrieben vom protestantischen Pfarrer, Dietrich Bonhoeffer, den die Nazis noch kurz vor Befreiung des Lagers Flossenbürg hingerichtet hatten. Still wurde es da, ganz still an der Mauer, vor der die 51 Cumianesi ermordert wurden.

Gedenktafel für die Opfer des Massakers in Cumiana

"Je größer der zeitliche Abstand", so Knut Gradert, "desto eindringlicher erspüren wir das Barbarische jener Tage. Es ist als ob wir Abstand bräuchten, um so richtig zu begreifen, was geschehen ist." Unerwartet dann der Hinweis für den Chorleiter, es seien noch Hinterbliebene der Opfer zu der Gedenkstunde gekommen. Spontan seine Reaktion: "Wir singen jetzt für Euch die Sarabande von Händel..." Dann stille Umarmungen, eine Schweigeminute, der von Tränen erstickte Versuch einer Sängerin der Cumbavianae zu danken und an die Worte von Knut Gradert zu erinnern, es sei die Musik, die über alle Sprachgrenzen hinweg die Menschen verbinde.

Renato Corello und Peter Steger

Am tiefsten bewegt hat die Feier sicher Renato Corello. Er hat bei dem Massaker seinen Vater, Michele Corello, und einen Onkel, Giovanni Corello, verloren. - Und einen Freund, den damals erst sechzehnjährigen Lorenzo Burdino. Der gleiche Jahrgang wie er selbst, der nur dank der Laune eines SS-Mannes überlebte, der am gleichen Datum, wenn auch in einem anderen Jahr, wie Renato Corello Geburtstag hatte und den jungen Burschen laufen ließ. Er, der sein ganzes späteres Leben bei Fiat in Turin arbeitete und sich noch an Zeiten erinnert, wo es in Cumiana gerade einmal drei Autos gab, er ist die letzte lebende Chronik dieser Ereignisse und der Beweis dafür, wie groß der Mensch im Vergeben sein kann.

Die Erlanger Gäste mit ihren Freunden aus Cumiana an der Gedenkstätte

Dieser Geist der Vergebung erfüllt auch Paolo Poggio, der seinen Gefühlen keinen Einhalt gebietet, der seine Tränen nicht verbirgt, Tränen, die den Opfern und ihren Angehörigen ebenso gelten wie der Freude über die Freundschaft zwischen den einstigen Feinden. Deshalb ist es ihm auch gerade so ein Herzensanliegen, Erlangen und Cumiana noch enger zusammenzuschmieden, gerade auch in Vorbereitung auf das fünfzehnjährige Jubiläum der Verbindung. Im Geist des Wappens von Cumiana: "No vi, sed virute domatur" - "Nicht durch Kraft, sondern durch Tugend gebändigt."

Peter Steger und Paolo Poggio

Ein Abgesang an jede rohe Gewalt. Nicht einmal Zügel sind dem Pferd angelegt. "Überzeugen, überreden, bringt am Ende mehr, als etwas erzwingen", drückt es der Bürgermeister aus und spielt damit sicher auch auf seinen eigenen Politikstil an. Und meint auch, was da alles in nächster Zeit in der Zusammenarbeit mit Erlangen ansteht: Schüleraustausch, Theateraufführungen, Woche der Piemontesischen Küche, ein deutsch-italienisches Bierfest, Wirtschaftskontakte und vieles mehr, was sicher bald diese Seiten füllen wird.

Aldo Calvetto, Gabriella Nucci und Peter Steger

Dafür sorgt nun in Cumiana Gabriella Nucci, seit drei Jahren bei der Stadtverwaltung im Bereich Beschaffungswesen tätig. Die geborene Sizilianerin war bereits zwei Mal in Erlangen und übernimmt ab sofort zusätzlich die Aufgabe, den Kontakt zu den Deutschen weiter auszubauen. Sicher mit viel Herzblut und ganz im Geist ihres Ziehvaters, Aldo Calvetto, der die Verbindungen über vierzehn Jahre so geschickt und umsichtig aufgebaut hat, jetzt aber die Geschicke der Städtefreundschaft in jüngere Hände übergibt. Danke, grazie, an einen großen Freund - und viel Glück, buona fortuna, für seine Nachfolgerin!

Peter Steger, Pfingstmontag 2015

 

28.02.2016
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