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Cumiana

Einer, den wir sehr schätzen, wird einer von Euch!

Bürgermeister Paolo Poggio versuchte erst gar nicht, seine Aufregung zu verbergen. „So häufig“, meint er, „gibt es bei uns derartige Anlässe nicht.“ Piemontesische Bescheidenheit nennt man das wohl. Denn, was gestern in Cumiana geschah, darf man getrost einzigartig nennen. Dem Erlanger, Manfred Kirscher, wurde die Ehrenbürgerwürde der italienischen Freundschaftsstadt verliehen, - in einem würdigen Festakt im überfüllten Sitzungssaal des Rathauses. Als erstem Deutschen. Mehr noch: Manfred Kirscher ist derzeit der einzige Ehrenbürger Cumianas!

Manfred Kirscher und die Ehrenformation von Cumiana

Eigens angereist zum gestrigen feierlichen Anlaß war in Vertretung von Oberbürgermeister Florian Janik, Bürgermeisterin Elisabeth Preuß, begleitet vom Partnerschaftsbeauftragten Peter Steger, um der Zeremonie beizuwohnen.

Manfred Kirscher und die Hinterbliebenen des Massakers

Die begann auf dem Rathausplatz für den Geehrten aus Deutschland zunächst mit dem Abschreiten zweier Ehrenformationen, langer Kolonnen von Freunden und Wegbegleitern, mit denen Manfred Kirscher in den 15 Jahren seiner Friedens- und Versöhnungsarbeit all die vielen Kontakte zwischen dem Piemont und Franken geknüpft hat. Von den Hinterbliebenen der Opfer des Massakers vom 3. April 1944, bis hin zum Alpenverein, den Schulen oder Sport- und Kulturvereinen.

Paolo Poggio, Manfred Kirscher, Elisabeth Preuß

Die endete auf dem Rathausplatz mit den Nationalhymnen Italiens und Deutschlands, bevor Elisabeth Preuß und Paolo Poggio gemeinsam die Erlanger Stadtfahne entrollten, das offizielle Geschenk von den Freunden an die Freunde, bevor man gemeinsam ins Rathaus einzog.

Manfred Kirscher, Elisabeth Preuß, Paolo Poggio

„Vom Jahr 2000 bis heute“, so Paolo Poggio in seiner Laudatio, „erklingt in der Geschichte der Beziehungen zwischen Erlangen und Cumiana ein Name, den auszusprechen man nie aufgehört hat. Er ist zu hören in Zusammenhang mit Partnerschaft in Sport, Kultur, Schulen, Kunst und Musik. Zitiert wird da bei jeder Gelegenheit und immer wieder ein Name von unverwechselbarem Klang. Diesen Namen trägt der große Freund von Cumiana, Manfred Kirscher. Ein Botschafter des Friedens zwischen den beiden Kommunen, eine Definition, die wohl nicht ausreicht, um ihn zu charakterisieren. Wie viele Gesichter hat Manfred? Er ist zugleich Organisator, Koordinator, Motor, Dolmetscher, Fahrer, Radler, Wanderer, Kanute…“

Elisabeth Preuß und Paolo Poggio

In der Tat ist die Lebensleistung des 1940 in Herrmannstadt geborenen Wahl-Erlangers, der bereits mit dem Ehrenbrief für besondere Verdienste im Bereich der Internationalen Kontakte der Hugenottenstadt ausgezeichnet wurde, beeindruckend. Denn er war es, der mit weiteren Aktivisten 1997 das „Erlanger Bündnis für den Frieden“ gründete. Und zwei Jahre später, als bekannt wurde, dass ein ehemaliger SS-Mann, der in Erlangen lebte, angeklagt werden sollte, den Befehl zur Erschießung der 51 Opfer des Massakers gegeben zu haben, da war es wieder Manfred Kirscher, der den Anstoß gab, für die Verbrechen wider die Menschlichkeit um Vergebung zu bitten.

Elisabeth Preuß in Cumiana

Schon 2001 nahmen darauf Manfred Kirscher und Johannes Pöhlmann vom „Erlanger Bündnis für den Frieden“ am 57. Gedenktag für die Opfer des Massakers teil, gemeinsam mit Bürgermeister Gerd Lohwasser, nachdem wenige Wochen vorher bereits Bürgermeister Gianfranco Polli, und sein Stellvertreter Roberto Costelli, nach Erlangen gekommen waren.

Erlangen - Cumiana

Seither, so der Festredner, sei ein unablässiges „Crescendo“ von Initiativen, ein „rauschender Fluß von Aktivitäten“ zu beobachten, natürlich dank Manfred Kirscher, der „unermüdlich überall anpackt“. Deshalb, wie es im Stadtratsbeschluß vom 25. Mai 2015 heißt: „Unsere Dankbarkeit bringt sich nun heute mit der Verleihung der Ehrenbürgerwürde von Cumiana zum Ausdruck - als unauslöschliches Zeichen unserer Freundschaft und unserer Zuneigung. Unseren Mitbürger Manfred umgeben die Freundschaft und die Solidarität aller Cumianesi. Jetzt und für immer.“

Friedensmarathon

Inspiriert von einem chinesischen Sprichwort, versteht Elisabeth Preuß den Geehrten als jemanden, der, wenn der Wind der Veränderung weht, nicht Mauern, sondern Windmühlen baut, sich selbst und andere beflügelt. Dabei sei er, wie Erlangens Bürgermeisterin ausführt, stets mit „Demut vor dem Leid der Hinterbliebenen der Opfer des Massakers“ zu Werke gegangen, habe nie auffallen wollen und sei dann doch zum „Leuchtturm“ geworden, „zu einer Zierde unserer Stadt“, auf die Erlangen stolz sein kann. Der Wortlaut der Rede ist dem Bericht als pdf-Datei angehängt.

Elisabeth Preuß, Gianfranco Polli und Manfred Kirscher mit den Friedensradlern

Und Manfred Kirscher selbst? In seiner Rede, die er als Reverenz an die Gastgeber, im Dialekt des Piemont beginnt und dann „in der schönsten Sprache der Welt“, auf Italienisch, hält, gibt er seiner inneren Bewegtheit den gebührenden Raum und verweist auf die vielen Menschen hier wie dort, von Erlangens früherem Oberbürgermeister Siegfried Balleis, bis hin zu den Mitgliedern der vielen beteiligten Vereine, ohne die das Friedenswerk nicht hätte möglich werden können. Sein besonderer Dank freilich gilt den Angehörigen der Opfer des Massakers, die Vergebung gewährt und die ausgestreckte Hand ergriffen haben.

Paolo Poggio zapft an für die Gäste

Welch ein Zeichen der Versöhnung im siebten Jahrzehnt nach dem schrecklichen Kriegsverbrechen und 70 Jahre nach Ende des Völkermordens! Ein weithin sichtbares Zeichen, das auch 15 Radfahrer, darunter zwei Frauen, mit ihren 17 Freunden aus Cumiana setzen. Die Gruppe ist am 3. Juli in Rom zum „Friedensmarathon“ gestartet. Zwei der deutschen Teilnehmer sind sogar schon von Erlangen aus mit dem Fahrrad nach Rom gekommen. In insgesamt acht Tagesetappen zwischen 120 km und 145 km Distanz hatte man vorgestern Cumiana erreicht. Ohne das Begleitfahrzeug, das bereits am zweiten Tag den Geist aufgegeben hatte, aber immer fürsorglich begleitet von – Manfred Kirscher als Quartiermacher, Wasserspender, Inspirator, um einige weitere „Gesichter“ der Aufzählung von Paolo Poggio hinzuzufügen.

Manfred Kirscher, Ehrenbürger von Cumiana, mit seinen Freunden

Seit 2003 schon treffen sich die Friedensradler aus Erlangen und Cumiana im Zweijahresrhythmus. Und so soll es noch lange weitergehen: jetzt und für immer. Ebenso wie die so bewegende Freundschaft der Städte, die in diesen Tagen wieder eine neue Qualität und Tiefenschärfe gewonnen hat. Jetzt und für immer.

12. Juli 2015, Peter Steger; Photos Nadja Steger

13.07.2015
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