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Aktuelles

Erlangen – Jena: eine ausgezeichnete Partnerschaft

Bundesinnenminister Thomas de Maizière verlieh am 28. September in Berlin den Einheitspreis an die Städtepartnerschaft Erlangen – Jena. Erstmals seit 2002 wird damit ein Paar geehrt, erstmals musste deshalb der Preis, eine gläserne Deutschlandplatte im Doppel angefertigt werden, und die undotierte Auszeichnung wurde auf dem ersten deutsch-deutschen Partnerschaftskongress vergeben. Die beiden Oberbürgermeister, Siegfried Balleis und Albrecht Schröter, nahmen den Preis entgegen, ausgelobt von der Deutschen Gesellschaft e. V. und dem Magazin SuperIllu, deren Chefredakteur, Jochen Wolf, die Laudatio hielt.

81 Jena Preis (c) Nadja Steger

3 Jena Preis (c) Nadja Steger

Noch vor kurzem wäre es schwierig gewesen, auf die Frage von Katrein Wolf vom MDR zu antworten, was denn die Partnerschaft Erlangen – Jena von anderen unterscheide, denn es fehlte bisher der Maßstab. Viel zu wenig ist selbst unter Fachleuten bekannt, was die deutsch-deutschen kommunalen Kontakte beim inneren Zusammenwachsen des Landes leisten, unauffällig, unspektakulär, nun schon über Jahrzehnte hinweg beständig und verlässlich. Erst im 20. Jahr der Wiedervereinigung legt das Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung eine Studie über die Wirkung dieser Beziehungen vor, wo das Paar von der Regnitz und der Saale unter den fünf ausgewählten Best-Practice-Beispielen an erster Stelle genannt wird. Erst am 9. September eröffnete Innenminister Thomas de Maizière in Bremen die Wanderausstellung „Blick / Wechsel“ mit 15 Partnerschaftspaaren, darunter Erlangen und Jena, und vom 27. bis 28. September organisierte die Deutsche Stiftung in Berlin den ersten deutsch-deutschen Partnerschaftskongress, auf dessen Podien Vertreter aus Erlangen und Jena von ihren Erfahrungen berichteten.

2 Jena Preis (c) Nadja Steger

Dieses erste deutsch-deutsche Forum bot Gelegenheit, in die gemeinsame und doch so trennende Vergangenheit zurückzublicken und Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln. Dazu ein Zitat des Bundesinnenministers und Beauftragten für die Deutsche Einheit, Thomas de Maizière: „Die Kontakte und Kooperationen im Rahmen bewährter deutsch-deutscher Städtepartnerschaften behalten auch künftig ihre Bedeutung und werden weiterhin wichtige Beiträge zum gegenseitigen Kennenlernen und zum kulturellen Austausch leisten. Gleichwohl ist gesellschaftliche Integration heute nicht mehr auf den nationalen Rahmen beschränkt. Regionale und internationale Kooperationen im Rahmen unserer erweiterten europäischen Gemeinschaft sind heute für viele Städte eine neue, interessante Form der Zusammenarbeit. Hier haben viele ostdeutsche Städte tatsächlich einen Feldvorteil. Sie können auf traditionell gute Beziehungen zu den ehemaligen „Ostblockstaaten“ aufbauen und diese auch künftig als „Brücke“ nach Mittel- und Osteuropa nutzen.“ Oder, wie es der Partnerschaftsbeauftragte Erlangens, Peter Steger, auf dem Podium formulierte: „Vom geeinten Deutschland zum vereinten Europa.“

1 Jena Preis (c) Nadja Steger

Die Beziehung zwischen Erlangen und Jena zielen genau in diese Richtung mit dem Dreieck, in das seit zwei Jahren die russische Partnerstadt Wladimir offiziell einbezogen ist. Doch sie haben auch Besonderheiten, die aus der Geschichte gewachsen sind und wohl als einzigartig bezeichnet werden dürfen: Schon 1970 stellte der Erlanger Stadtrat den einstimmigen Dringlichkeitsantrag, bürgerschaftliche Kontakte zu Jena oder einer vergleichbaren Stadt in Thüringen aufzunehmen. Dass die Schreiben von Oberbürgermeister Heinrich Lades (CSU) in jenen Zeiten des Kalten Krieges unbeantwortet blieben, verwundert nicht. Sein Nachfolger, Dietmar Hahlweg (SPD), nutzte dann geschickt und konsequent die von Kanzler Helmut Kohl geschaffenen neuen Möglichkeiten zur Zusammenarbeit Mitte der 80-er Jahre. 1987 schließlich der Durchbruch: Erlangen – Jena als erste Partnerschaft zwischen Bayern und der DDR und als vierte Jumelage auf Bundesebene. Trotz vieler Behinderungen seitens der SED setzten die Erlanger im streng reglementierten Austauschprogramm früh Bürgerbegegnungen und noch vor der Wende sogar einen Schüleraustausch durch. Mit der Friedlichen Revolution begann wie in allen bis dahin bestehenden knapp 60 Partnerschaften eine ungeahnte Aktivität. Binnen weniger Tage und Wochen waren 40.000 der 100.000 Jenaer in Erlangen zu Besuch, eine eigens eingerichtete Kontaktbörse vermittelte 3.000 Freundschaften von Familien und Verbindungen zu Vereinen und Organisationen. Ausnahmslos alle Ämter nahmen eine enge Kooperation auf, veranstalteten Schulungen und Seminare für Verwaltungsfachleute. Wissenschaft und Wirtschaft fanden zusammen, beide Universitäten entwickelten gemeinsame Programme, Erlanger Manager führten Jenaer Betriebe verantwortungsvoll in die marktwirtschaftliche Zukunft, Behinderten- und Sozialverbände nahmen die Zusammenarbeit auf. „Deutsche in Ost und West haben dabei Großartiges geleistet“, lobt Thomas de Maizière das Engagement. Bis zur Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 gab es schon über 800 solcher Partnerschaften – auch zwischen Gemeinden und Landkreisen. Heute zählt man mehr als 850 solcher deutsch-deutschen Paare.

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Bei vielen freilich erlosch das Feuer der Begeisterung schon nach wenigen Jahren, vielerorts überließ man die Partnerschaft den Vereinen, mancher Stadtrat hob die Partnerschaft sogar wieder auf oder steckte sie in die Ablage. Anders in Erlangen und Jena. Schon 1992 bemerkte Lothar Späth, das Paar gehöre zu den wenigen, die über die Euphoriephase hinaus aktiv bleiben. Als Siegfried Balleis, der bereits in seiner Zeit als Wirtschaftsreferent half, in der Partnerstadt den Technologie- und Innovationspark Jena zu gründen, 1996 mit den Amtsgeschäften von Dietmar Hahlweg auch die Partnerschaft übernahm, setzte er konsequent auf deren Ausbau. Wichtige Klammern bilden bis heute der Umstand, dass Erlangen wie Jena Optionskommunen wurden, und der Beschluss von Siegfried Balleis und seines Jenaer Kollegen, Peter Röhlinger, den Tag der Deutschen Einheit gemeinsam zu feiern. Jahr für Jahr treffen sich nun alternierend am 3. Oktober zwischen 200 und 300 Menschen in Erlangen oder Jena – im Jahr des Mauerfalls im Beisein von Innenminister Joachim Herrmann an der einstigen Zonengrenze in Probstzella -, pflegen ihre bestehenden Kontakte und planen neue Projekte, aus denen eigene Kooperationen entstehen wie zum Beispiel bei den IG-Metall-Senioren. Sehr erfreulich sind die noch immer lebendigen Schulkontakte. Im Vorjahr drehte eine Gruppe vom Ohm-Gymnasium, begleitet von ihrer Lehrerin, Hedwig Pichlmayr-Blessing, sogar eine Dokumentation über Geschichte und Gegenwart der Städtepartnerschaft. Mehr noch es entwickelte sich eine konkrete Zusammenarbeit mit dem Schott-Gymnasium in Jena, und das Marie-Therese-Gymnasium und das Anger-Gymnasium, seit 1989 im Austausch, gestaltet 2009 in Probstzella ein Projekt Landschaftskunst.

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Besonders freuten sich über die Auszeichnung Jenas Altoberbürgermeister Peter Röhlinger, der es sich als Mitglied des Bundestages nicht nehmen ließ, zu der Preisverleihung auf den Pariser Platz am Brandenburger Tor zu kommen. Er gehört ja zu der Generation, die gewissermaßen im gesetzesfreien Raum das Gemeinwesen ihrer Kommune nach der Friedlichen Revolution neu zu erfinden hatte. Aber auch Klaus Wrobel war gekommen, der ehemalige Direktor der VHS Erlangen, die maßgeblich an der Partnerschaft mitgewirkt hat. Und dann war da noch die Schülergruppe aus den beiden Gymnasien. Eine Schülerin, Leonie Babilas, hatte sogar auf dem Podium neben dem Innenminister Platz genommen, zusammen mit Rainer Lippmann, Lehrer am Otto-Schott-Gymnasium Jena, und Albrecht Schröter. Schön ihre Geste, der Projektleiterin Hedwig Pichlmayr-Blessing für das Engagement zu danken, bevor der Partnerschaftsfilm in Auszügen gezeigt wurde.

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Erlangen – Jena ist eine Partnerschaft für alle, für die Jugend, wenn man nur an das EU-Projekt „Move together“, das Jugendliche aus den europäischen Partnerstädten von Erlangen und Jena zusammenbringt, oder an den Austausch „MixTour“ zwischen Jena und Wladimir denkt. Aber nicht minder für ältere Menschen, etwa bei den Begegnungen von 60 + oder den Seniorenbeiräten. Erst am 27. September titelte die Ostthüringer Zeitung „Quicklebendige Partnerschaft“ und berichtete über den Austausch zwischen russlanddeutschen Kulturgruppen beider Städte. Vielleicht ist es ja auch das, was Erlangen und Jena von anderen deutsch-deutschen Partnerschaften unterscheidet: 20 Jahre Annäherung, 20 Jahre Nähe und nun eine gemeinsame Zukunft im geeinten Deutschland und in einem zusammenwachsenden Europa. Albrecht Schröter formulierte den Gedanken einmal so: „Wir haben so viel empfangen, nun sind wir froh, auch selbst geben zu können.“ Mehr unter www.erlangen.de/jena und www.meine-partnerstadt.de

28.09.2010, Peter Steger

19.11.2018
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