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Stadt und Leute

Der Grandseigneur der Erlanger Politik

(aus der Dokumentation „Das Leben der unseren“. Stadt Erlangen, 2007)

Seine Leidenschaft fürs Fahrradfahren hat Dietmar Hahlweg im Urlaub 1970 auf der holländischen Nordseeinsel Texel entdeckt. Zwei Jahre später wurde er zum Oberbürgermeister von Erlangen gewählt – und er baute die mittelfränkische Stadt zielstrebig zur drahteselfreundlichen Metropole um. Damals widersprach dieses Konzept vollkommen den landläufigen Prinzipien der Stadtentwicklung; man diskutierte vielmehr angesichts wachsender Mobilität über autogerechte Innenstädte, und eine grüne Bewegung war längst noch nicht in Sicht. Der promovierte Jurist Hahlweg jedoch, der zuvor das Referat Planungs- und Baurecht im Erlanger Landratsamt leitete, machte seine Kommune deutschlandweit zu einem Vorbild in ökologischer Stadt- und Verkehrsplanung und, neben Münster, zur fahrradreichsten der Republik. Heute gibt es hier fast doppelt so viele Zweiräder wie Einwohner. Ein vorbildlich ausgebautes Radwegenetz durchzieht die schachbrettförmig angelegten Straßen. Und jedermann gibt dem inzwischen pensionierten Ex-OB recht für seine vorausschauende Planung.

Aber neben dem friesischen Eiland hat noch eine andere Erfahrung Hahlwegs Denkweise geprägt. Als er das Jura-Studium mit Prädikatsexamen abschloß, erhielt er ein Fulbright-Stipendium, um ein Jahr lang in den Vereinigten Staaten weiterzustudieren: An der Universität von Pittsburgh (Pennsylvania) schrieb er sich für das Fach Stadtplanung ein. „Ohne dieses Jahr in den USA hätte ich nicht den Mut gehabt, für das OB-Amt zu kandidieren“, sagt Hahlweg rückblickend. Es hat bei ihm mehr Spuren hinterlassen, als nur die Angewohnheit, beim Reden hin und wieder Amerikanismen zu verwenden. „Anyway!“ – Erstens habe er gelernt, daß es ein Irrsinn sei, angesichts der Luftverschmutzung in einem Schwerindustriezentrum wie Pittsburgh die Schienennetze und den Öffentlichen Personennahverkehr zugunsten des Automobils zu vernachlässigen. Und zweitens, daß seine beschaulich-gründliche „Denkungsart“, wie er es nennt, keineswegs eine hinderliche Unart sei. „Ich hatte das immer für einen Defekt gehalten.“ Statt zu einer Sachfrage sogleich die Gesetzeslage zu prüfen, zieht der versierte Jurist es vor, erst mal „das Problem auf den Kopf zu stellen“ und nach der vernünftigsten Lösung zu suchen. – Und das heißt für Hahlweg: nicht nur der Umwelt, sondern vor allem dem Menschen gerecht werden zu wollen. Manch einer legte dem Oberbürgermeister diese Eigenart als übertriebene Vorsicht oder gar als Zauderei aus. Doch die Erlanger Bürger bestätigten ihn per Direktwahl dreimal - 1978, 1984 und 1990 - in seinem Amt.

Jena-Hahlweg

(Augenblicke des Vertrauens. OB Dietmar Hahlweg ist für die Besucher aus Jena 1989 da. Photo von Hilde Stümpel.)

Hahlweg ist ein Politiker alten Schlages, der für sein wahrhaftiges Profil, bestechende politische Klugheit und seine menschliche Größe geschätzt wird. Mit dem Eintritt in eine Partei hat er sich viel Zeit gelassen. Erst als er an die Möglichkeit einer OB-Kandidatur dachte, entschied er sich 1970 zur SPD-Mitgliedschaft. „Für mich spielte das nicht die entscheidende Rolle“, sagt er heute. „Für ein Parteibuch gibt man ja nicht sein Denken auf.“ Willy Brandt verehre er immer noch sehr, vor allem für dessen Ost- und Friedenspolitik.

1934 im schlesischen Jagdschütz geboren, mußte Dietmar Hahlweg, als das „Dritte Reich“ zusammenbrach, das väterliche Gut verlassen. Mit dem Flüchtlingsstrom kam er nach Bayern und wuchs in Marktredwitz auf. „Da habe ich von meiner Mutter den unerschütterlichen Optimismus gelernt“, erinnert er sich an entbehrungsreiche Aufbaujahre, „und die Überzeugung, daß Ausgleich immer die beste Strategie ist, um Konflikte zu lösen.“ Stolz berichtet der inzwischen zum Erlanger Ehrenbürger avancierte Politiker von seinen frühzeitigen Initiativen, ausländische Mitbürger zu integrieren, Partnerschaften zu Städten jenseits des „Eisernen Vorhanges“ – etwa dem russischen Wladimir – zu schmieden oder 1970 die ersten polnischen Kulturtage Bayerns zu veranstalten. Und Jena? „Das ist nach wie vor unsere aktivste Partnerschaft, ein Glücksfall!“ Sein Denken endete eben nie an Stadt- oder Staatsgrenzen. „Think global - act local“, lautet seine Devise.

Daß nun elf Jahre vergangen sind, seit er sich in den Ruhestand zurückzog, mag Dietmar Hahlweg selber kaum glauben. Er ist auf der Höhe der Zeit geblieben. Zum Thema ökologische Stadt- und Verkehrsplanung hat er seither Vortragsreisen in alle Welt unternommen und sich dafür vom Dia- zum Power-Point-Nutzer fortgebildet; schon in China gebe es gar keine Diaprojektoren mehr, erzählt er. Des Weitgereisten liebstes Fortbewegungsmittel indes ist nach wie vor – zumal in seinem Erlangen – das Fahrrad.

Anja Blankenburg, Jena

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29.07.2009
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