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Das Leben der Unseren

Der Zug nach Jena

(aus der Dokumentation „Das Leben der unseren“. Stadt Erlangen, 2007)

Meine erste Fahrt nach Jena machte ich am 1. Januar 1990, dem ersten Tag ohne Visumspflicht für die DDR, mit zwei Mitstreitern der Grünen Liste Erlangen per Auto. Wir brachten Computer, Drucker, Papier und sonstiges technisches Gerät zur Gruppe "IG Stadtökologie", ein geduldeter Arbeitskreis innerhalb des Kulturbundes der DDR. Vorausgegangen war ein Treffen von zwei Mitgliedern dieser Initiative mit der GL in Erlangen im November 1989, wenige Tage nach der Grenzöffnung. Mit einem von beiden bin ich bis heute befreundet. Bereits im Juni 1989 hatte ich eine Woche Freunde in Sachsen besucht und damit die DDR noch "original" erlebt, freilich schon in ihrem politischen Endstadium. Auch dieser erste Besuch in Jena war beeindruckend. Wir verbrachten beide Nächte im Schlafsack auf dem Boden einer leerstehenden Dachwohnung im Hause meines Freundes in Jena-Ost, in der Klopffleischstraße. Diesen Namen werde ich nie vergessen. Der Kontakt und Umgang mit der Familie und den Aktivisten der Stadtökologie war sehr angenehm, die Stadt hingegen bot ein noch recht trostloses Bild. Graue Fassaden, überall roch es nach verbrannter Braunkohle. Um so interessanter der erste Stadtrundgang in Jena und eine Fahrt zu ökologischen Brennpunkten in der Umgebung mit Führung durch unsere neuen Freunde. Beim ersten Besuch in einer Kneipe wurden wir noch etwas mißtrauisch beäugt. Das einheimische Bier aber floß in Strömen in die 0,2-Liter-Gläser – und ohne nachbestellen zu müssen.

Seitdem fuhr ich einige hundert Mal über viele Jahre hinweg nach Jena, immer mit dem Zug - nie wieder mit dem Auto! Die Eisenbahnstrecke über den Frankenwald, durch das Thüringer Schiefergebirge und entlang den malerischen Ufern der Saale - zumindest bis Weißenfels oder Naumburg - gehört zu den schönsten Bahnstrecken Deutschlands. Von Erlangen durch Regnitz- und Maintal über Bamberg, vorbei an Kloster Banz, der Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen und Lichtenfels, erreicht der Zug Kronach mit der beeindruckenden Feste Rosenberg. Hier beginnt der landschaftlich schönste Streckenabschnitt. Die Frankenwaldrampe hoch bis zum Scheitelpunkt Steinbach am Wald, wieder steil hinunter bis zum ehemaligen deutsch-deutschen Grenzbahnhof Probstzella, die kurvenreiche Strecke durch das Thüringer Schiefergebirge bis Saalfeld - ein dünnbesiedelter Mittelgebirgsraum, an landschaftlichen Höhepunkten kaum zu überbieten. Bei Saalfeld mündet das aus dem Thüringer Wald kommende romantische Schwarzatal in das sich nun weitende Saaletal. Weiter geht die Fahrt entlang der Saale über Rudolstadt mit der Heidecksburg vorbei an Orlamünde, und von Ferne grüßt bald die majestätische Leuchtenburg bei Kahla. Von dort ist die Partnerstadt Jena mit ihren leuchtend-weißen Muschelkalkhängen nicht mehr weit. Ankunft im Bahnhof Jena-Paradies - welch eine Begrüßung allein durch den Namen! Keinem Autofahrer ist so etwas vergönnt. Die Bahnfahrt lohnt sich weit über Jena hinaus, vorbei an den Dornburger Schlössern, der Burgruine Camburg, der Rudelsburg und Saaleck bei Bad Kösen. Bald sind die ersten Weinberge an den Steilhängen des Saaletals zu sehen. Bei Naumburg mit seinem berühmten Dom mündet das Unstrut-Tal, das nördlichste Weinbaugebiet Deutschlands, in das Tal der Saale. Von hier empfiehlt sich dann über die Dörfer Kleinjena und Großjena (sie haben nichts mit „unserem“ Jena zu tun) eine Radtour durch die Weinbaulandschaft entlang der Unstrut flußaufwärts über Freyburg mit der berühmten Rotkäppchensektkellerei und eventuell über die waldarmen, aussichtsreichen Muschelkalk- und Buntsandsteinhochflächen zurück in die Stadt Jena.

Thüringen und die angrenzenden östlichen Bundesländer sind mehr als eine Bahnfahrt und Radtour wert. Egal ob durch den Thüringer Wald, das Schiefergebirge, entlang der Flußtäler von Saale, Unstrut, Werra und Ilm oder in und um die Städte Erfurt, Weimar, Eisenach, Gotha, Mühlhausen - oder eben Jena.

Jena-Bahnhof tag2

Die Bahnhofsituation in Jena ist für Fremde etwas verwirrend. Eigentlich gibt es zwei wichtige Bahnhöfe für den Fernverkehr. Jena-Paradies, heute der eigentliche Hauptbahnhof, und Jena-West. Beim Bau der Eisenbahnlinien Ende des 19. Jahrhunderts konnten sich die Verantwortlichen nicht auf einen zentralen Bahnhof für die Bahnstrecken Leipzig - Nürnberg und Dresden - Erfurt einigen. Deswegen der Paradiesbahnhof (bis vor wenigen Jahren noch Saalbahnhof) für die Nord-Süd-Verbindung und der Westbahnhof für die Ost-West-Trasse. Wer von Erlangen kommt und weiter nach Weimar oder Gera fahren will, verläßt den Zug am Paradiesbahnhof und läuft zehn Minuten quer durch die südliche Altstadt zum Westbahnhof. Oder er reist mit dem Regionalexpreß an und steigt schon beim eigentlichen Kreuzungspunkt Göschwitz um. Aber das muß der Bahnfahrer wissen! Während der mehrjährigen Umbauphase des Paradiesbahnhofes vom Haltepunkt zum heutigen Hauptbahnhof galt dieser wegen der provisorischen Holzbahnsteige als "charmantester" ICE-Bahnhof der Republik.

Es macht Spaß, heutzutage mit dem ICE in knapp zwei Stunden von Erlangen nach Jena zu fahren oder umgekehrt. Alle zwei Stunden fährt einer direkt; mit Umsteigen in Bamberg oder Nürnberg ist seit diesem Jahr sogar eine stündliche Verbindung gegeben. Bis Ende 1989 war das noch viel umständlicher. Das Visum eingerechnet dauerte die Fahrt Tage oder gar Wochen. Mit Wegfall der Visumspflicht verkürzte sich die Reise im alten D-Zug München - Berlin auf immerhin noch gut drei Stunden. Die Strecke - vor allem über die Frankenwaldrampe - konnte nur im Schneckentempo bewältigt werden, der Lokwechsel im Grenzbahnhof Probstzella nahm fast eine halbe Stunde in Anspruch. Ab hier konnte nur eine Diesellok nach Jena fahren, die Saaletalstrecke war noch nicht elektrifiziert. Ab Anfang der neunziger Jahre wurde die Fahrzeit immer kürzer. Zuerst mit dem blauen Interregio; nach Elektrifizierung und Ausbau der Gleisanlagen folgte bald der IC mit seinen Großraumwagen. Seit Beginn dieses Jahrzehntes braust der ICE mit Neigetechnik, die anfangs gelegentlich ausfiel, durch Frankenwald und Saaletal - bequem und fast so schnell wie ein Flugzeug. Die geplante, heftig umstrittene und Milliarden teure Hochgeschwindigkeitstrasse von Nürnberg durch den Thüringer Wald nach Erfurt und Leipzig berührt Jena nicht. Umweltschützer und alternative Verkehrsverbände plädieren für den Verzicht auf diese Rennstrecke und fordern statt dessen den weiteren Ausbau der Saaletalverbindung.

Jena-Schild

Eine Rückfahrt von Jena nach Erlangen mit dem Rad - wenigstens einmal -, ist sehr zu empfehlen. Dafür sollte man aber einen Kurzurlaub von mindestens vier Tagen einplanen und sich beim Autor kundig machen.

Dieter Argast, Erlangen - Buckenhof

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29.07.2009
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