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Das Leben der Unseren

Dem Volk aufs Maul geschaut

(aus der Dokumentation „Das Leben der unseren“. Stadt Erlangen, 2007)

Martin Luther hängt an der Wand, hier hat er selbst schon logiert: im „Schwarzen Bären“ zu Jena. Und hier lassen sich Bernhard und Evelin Korn gern aufs Maul schauen, auch wenn die Uhr an diesem ersten Julimorgen gerade mal acht zeigt.

„Die Partnerschaft mit Erlangen war für uns Normalbürger ja gar nicht relevant, es gab sie nur auf Behördenebene. Gerade mal, daß wir davon wußten, aber dennoch passierte das alles in unerreichbarer Ferne.“ Das damals bei Carl Zeiss angestellte Ehepaar interessiert sich für tropische Orchideen, und im werkseigenen Klub hoffte man immer auf Besuch aus dem Botanischen Garten der Friedrich-Alexander-Universität. Aber der kam damals nie. Private Kontakte in den Westen gab es nicht, zu einem entfernten Verwandten im fernen Schwarzwald war die Verbindung schon lange abgebrochen.

Im Kombinat spürte man vom rapiden Verfall der DDR nicht so viel, zu privilegiert und exponiert war Carl Zeiss. Und mit dessen Gewinn mußte man viele andere Bereiche ohne „Deckungsbeitrag“ stützen. Aber in der Stadt konnte man die Zeichen des Niedergangs nicht übersehen. Häuser ohne Bewohner, Mauern ohne Farbe und Leben. „Wir weinen der DDR keine Träne nach.“ Die Errungenschaften im sozialen Bereich mußten zu teuer erkauft werden. Und was ist das überhaupt wert ohne die Freiheit der Wahl? „Wer heute will, kann überall mitgestalten und mitwirken, und wir haben uns das auch erkämpft.“ Die Korns gingen damals mit auf die Straße, damals, als die DDR-Bürger friedlich ihre Rechte erstritten und Grenzen und Mauern zum Einsturz brachten.

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(Sechs Wochen Auszahlung des Begrüßungsgelds im Erlanger Rathaus. Verantworlich für die Abrechnung von 6 Mio. DM war Jolana Hill (r.) vom Bürgermeister- und Presseamt. Photo von Hilde Stümple.)

„Wie es jenseits der Grenze aussah, wußten wir gar nicht. Wir hatten nur einen Radio, keinen Fernseher, waren also nicht so mit Bildern überflutet. Nur ein Traumbild“, bekennt die Mutter von zwei Jungs, „prägte mich: Einmal die Alpen sehen und dann sterben.“ Nach der Wende ließ sich die Familie dann aber doch etwas Zeit mit dem Besuch der Alpen, und das erste Ziel des uralten Ladas mit höherem Marktwert in der DDR als ein neuer, war – Erlangen. Ende November, der erste Ansturm hatte sich gelegt. „Wir wußten gar nicht, wohin zuerst gucken. Unser Kleiner drückte sich die Nase platt an einem Schaufenster mit Matchboxautos. Aber wir hatten ja noch nicht einmal eine Ahnung, wie Westgeld aussah, hatten auch noch kein Begrüßungsgeld, wollten weiter in Richtung Rathaus zur Ausgabestelle. Und da kommt ein Mann vorbei, geht in den Laden, kauft eine Schachtel der Spielzeugautos – und schenkte sie Matthias. Wir waren sprachlos. Dabei ahnten wir noch gar nicht, was uns noch erwarten sollte…“ Im Rathausfoyer hingen überall Hinweise auf die Partnerschaftsbörse und Übernachtungsmöglichkeiten. Nach anfänglichem Zögern entschloß man sich, von dem Angebot Gebrauch zu machen. Am Ende eines „konsumorientierten“ Stadtbummels stellte eine Mitarbeiterin der Stadtverwaltung den Kontakt zu einer Gastfamilie in Baiersdorf her. „Wir sind sonst eigentlich gar nicht so reisetüchtig gewesen, mal ein Urlaub in Rumänien oder an der Ostsee, das war’s aber auch schon. Nach Erlangen hatten wir ja nicht einmal eine Zahnbürste mitgenommen. Aber wir können manchmal eben auch recht spontan sein.“ Mit einer Karte aus dem Rathaus (auf der eigenen war ja jenseits der Grenze nicht viel mehr als ein weißer Fleck eingetragen) fanden die Thüringer nach einer ersten telephonischen Absprache schließlich das Haus der Familie Murphy in Baiersdorf. Kurz beschnuppert, und schon war man sich gegenseitig sympathisch und mitten in Gesprächen über Gott und die Welt. Es hatte gefunkt, und bis heute keine Funkstille.

„Mindestens einmal im Jahr treffen wir uns noch, meist in Franken, weil wir in Lobeda beengt wohnen. Gemeinsame Ausflüge und immer wieder diese Gespräche mit den unglaublich gut informierten und klugen Gastgebern.“ Und dann ein Satz, der nur nach gelungener Assimilation in Franken richtig, nämlich als höchstmögliches Lob, verwendet und verstanden werden kann: „Das paßt schon!“ Oder wie sie übersetzen: „Das war schon gut. Besser: Es ist noch gut.“

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Man glaubt es den beiden und sieht sich wenige Tage später beim Besuch in der Egerlandstraße in Hagenau, Ortsteil von Baiersdorf, bestätigt. Geschmackvolle Einrichtung mit viel Sinn für Stil. Bauernmöbel kontrastieren mit der Moderne, gepflegter Garten hinter Thuja. Maria Murphy hat nichts vergessen, und wenn doch, hilft ihr die Karten- und Briefsammlung auf die Sprünge. Mit einem Aufruf der Stadtverwaltung Erlangen in den „Erlanger Nachrichten“ hatte es begonnen. Maria und Lee Murphy boten Quartier an, denn sie spürten, daß die Zeit etwas Besonderes mit sich brachte. In die DDR hatte man – wie umgekehrt auch die Korns – keine Verbindungen, um so neugieriger waren beide Familien aufeinander. „Wir waren schon unsicher, wer da wohl kommen würde, und am meisten hatte ich die Befürchtung, daß da so ein forscher Stasimann auftauchen könnte. Wir hatten auch noch eine zweite Familie aufgenommen, aber da ist nichts draus geworden.“ Ganz anders mit Korns, auch wenn man beim ersten Treffen nicht einmal auf Essen eingestellt war. Man wollte einander nicht wehtun, stellte die Fragen tastend, vorsichtig, versuchte, die Eindrücke zu verarbeiten. „Evelin hatte am andern Tag richtig Kopfweh von all dem Neuen. Ich kann das verstehen“, fährt Maria Murphy fort. Und dann noch mal die Alpen: „Bernhard und Evelin standen die Tränen in den Augen, als sie von ihrem Traum erzählten, der sich jetzt bald erfüllen würde.“

In diese Zeit fiel auch eine Begegnung der anderen Art. Zu einer Freundin in Herzogenaurach war in den 50er Jahren immer ein Mädchen mit Namen Gisela aus der Ost-Zone zu Besuch gekommen. Dann, nach dem Mauerbau, eine lange Zeit ohne sichtbaren Kontakt, bis schließlich gleich nach der Grenzöffnung ein Trabi vor dem Haus auftauchte, darin eine ganze Familie, Giselas Familie. Warum sie alle mitgenommen hatte? Aus Furcht, sie könnte vielleicht nicht mehr zurückgelassen werden. Also doch lieber zusammen bleiben, wo auch immer.

So war das in jenen Tagen, die unter die Haut gingen. Eine Ansichtskarte aus Jena nach dem ersten Besuch, dann Briefe – Telephon hatte Familie Korn nicht. So sprach man per Telegramm die nächsten Treffen ab. Das erste in Lobeda: Ein wenig eng, aber bürgerlich-gemütlich mit Rouladen und Rotkohl, schön gedeckt; ins Restaurant auf dem Uni-Turm durfte der Dalmatiner zunächst nicht rein, die Bedienung bellte etwas von „kein Zutritt mit Hunden“. Erst die Kollegin erbarmte sich der Kreatur und der Gäste. Wer erinnert sich nicht an die Platzanweiserinnen mit der eingebauten Amtsanmaßung! Aber das gab es auch in anderen Bereichen, etwa in der Sparkasse, wo Maria Murphy bei der Währungsumstellung mithalf. „Die Kunden wurden immer nur schubweise hereingelassen, dann sperrte man wieder ab, und natürlich legte man hinter verschlossenen Türen auch eine Kaffeepause ein. Bei uns schon damals – und jetzt auch dort – undenkbar; man kann ja einfach durchwechseln. Aber an Kundenfreundlichkeit dachte man da nicht.“

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„So eine Partnerschaft ist schon etwas Wichtiges, auch heute noch, denn hier kann jeder im Kleinen etwas für das Große tun“, faßt die Gastgeberin zusammen. Noch immer gebe es ja in ihrer Generation der 68er Vorbehalte, versteckte Vorurteile, Unsicherheiten. Bestimmte Themen gehe man nach wie vor mit Samthandschuhen an. „Aber mit Evelin und Bernhard können wir alles besprechen.“ Auch den Wunsch des Autors, die erste Ansichtskarte und ein Telegramm für die Dokumentation mitnehmen zu dürfen. Ein kurzer Anruf nach Jena – längst selbstverständlich – klärt die Sache. Und nebenbei ist noch einiges über die Renovierung der Wohnung zu erfahren.

Lee Murphy ist selbständig und hat seine eigene Meinung, als Ire ein wenig mehr mit Distanz. Die neue Partei „Die Linke“ schüre nur Ressentiments, in der großen „Vereinigungspolitik“ gehe es mit Trippelschritten voran, manch eine Subvention bleibe ohne Wirkung. Und daß der Solidaritätszuschlag noch sinnvoll sei, könne er auch nicht recht glauben. Genug Stoff für die nächsten Gespräche hier in Franken oder in Thüringen. Erst wo solche Freundschaften wachsen, kann auch ein Land zusammenwachsen.

Peter Steger

Die Texte und Bilder sind ausschließlich für nichtgewerbliche Zwecke bestimmt. Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte liegen bei der Stadt Erlangen. Zuwiderhandlungen ziehen rechtliche Konsequenzen nach sich.

 

28.10.2014
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