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Das Leben der Unseren

Ein Bürgerkönig im Ruhestand

(aus der Dokumentation "Das Leben der unseren", Stadt Erlangen 2007)

1989 hängte Peter Röhlinger seinen Job als Dozent und Tierarzt in Kölleda an den Nagel. Er kehrte zurück in seine Geburtsstadt Jena, einem Ruf an das Institut für Tierseuchenforschung folgend. Sich langsam auf den Vorruhestand vorzubereiten und mit 60 einen Reisepaß zu haben, um auch mal in den Westen zu fahren, plante er. Es kam anders.

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Jenas erster Nachwende-Oberbürgermeister geht erst 17 Jahre später in Pension, für den Westen braucht er keinen Paß mehr. Und diese Stadt im Saaletal, in der er einst mit drei Geschwistern aufwuchs, ist inzwischen zu einem florierenden High-Tech-Standort mit studentischem Flair geworden. Hier lebt sich´s bene, ganz so, wie ein von dem sangesfreudigen Bariton gern angestimmtes Studentenlied verkündet. Der sprachgewandte Röhlinger ist in drei Legislaturen zum professionellen Repräsentanten Jenas gereift. 2006 zog er sich aus der Kommunalpolitik zurück. Doch rund 30 Mitgliedschaften in Vereinen und Stiftungen lassen den 68jährigen bis heute nicht ruhen. Beim heißgeliebten heimischen Fußballclub Carl Zeiss trägt er die Mitgliedsnummer 002, zu Auswärtsspielen begleitet er die Mannschaft im Fanbus. Jahrelang haben die Blaugelbweißen um die Rückkehr in die Zweite Liga gerungen und halten inzwischen, wenn auch mit Mühe, die Klasse. Die Stadt indes boomt. Während seiner Amtszeit ließ der OB kaum eine offizielle Gelegenheit aus zu verkünden, wie viele Baukräne er jüngst in der Silhouette seiner Stadt gezählt habe. Ihre Zahl schien ihm ein Indikator für den Wirtschaftsaufschwung. 1990 hatte die erste freie Stadtverordnetenversammlung den promovierten Veterinärmediziner zum Stadtoberhaupt gewählt. Er versprach, die „Ärmel hochzukrempeln und die Gelegenheit beim Schopf zu packen“. Die ziemliche Regellosigkeit in den ersten Nachwendejahren nutze er zum Beispiel, wie so oft in enger Allianz mit dem damaligen Jenoptik-Chef Lothar Späth, den Umbau des alten Zeiss-Hauptwerkes in der Innenstadt zur Einkaufspassage und zum Uni-Campus durchzusetzen. Studentisches Leben zog ins Zentrum. – Ohne Bebauungsplan zwar, aber schließlich gar mit dem sogenannten „Immobilien-Oscar“ in Cannes geehrt. „No risk, no fun – ohne Risiko kein Spaß“ lautet Röhlingers vielzitiertes Motto. Bisweilen schien ihm das auch für Redebeiträge zu gelten: Als Meister des Stand-up kann man ihn zwar wohl bezeichnen – doch mit Ausnahmen. So wurde manchem im Auditorium vorsorglich mulmig, wenn Peter Röhlinger ohne Stichpunktzettel das Rednerpult erklomm. Meist jedoch konnte er gerade dann mitreißen und überzeugen. Nicht zuletzt in Erlangen weiß man sein Talent zu schätzen. „Das ist eine Partnerschaft der Herzen“, sagt er da gern, und niemand würde daran zweifeln.

Jena-Schwarzenbach

(Alt-OB Peter Röhlinger (l. im Bild) und Alt-Referent Rudolf Schwarzenbach - die Stifter aller "Ämterehren" und Architekten der Verwaltungsseminare und Strukturhilfen. Photo von Hilde Stümpel.)

Als FDP-Mann war er es gewöhnt, im Stadtrat um Mehrheiten werben zu müssen. Oft mit Erfolg. In seiner Amtszeit wurde das gigantische Projekt des Klinikum-Neubaus verwirklicht und die Verwaltung, vor allem mittels Eigenbetriebsgründungen, von ursprünglich 4000 Stellen auf ein Viertel verschlankt. Aus der Fassung brachte den sonst unerschütterlichen Optimisten der Einsturz des Roten Turmes 1995. Die Trümmer begruben vier Menschen unter sich. Lange quälte ihn danach die Frage nach einer Mitschuld der Behörden. Was den Schutz der Bevölkerung anging, war fortan seine Priorität klar: „Dafür hat man Geld zu haben“, kommentierte er schlicht, als über Vogelgrippe-Schutzmaßnahmen beraten wurde. Seiner Souveränität, Schlagfertigkeit und Offenheit wegen war er bei den Bürgern beliebt, und er ist es noch: In der Kulturarena, Jenas Vorzeige-Sommer-Open-Air, sah sich Peter Röhlinger jüngst das Theaterspektakel der „Orestie“ an. Da suche am Rande immer mal wieder jemand seinen Rat, erzählt er, oder müsse einfach seinen Ärger über kommunalpolitische Zänkereien äußern. „Kinnersch“, tönt er dann beschwichtigend, „das wird sich schon zusammenschütteln“. Mit dem Kleinklein des Tagesgeschäfts mag er sich nicht mehr befassen, heute pflegt er seine Steckenpferde. Stichwort „kommunale Zusammenarbeit“. Den Habitus des Stadtrepräsentanten kann er trotzdem nicht ablegen. Nach besagtem Abend in der Kulturarena gefragt, ob ihm die blutige Aischylos-Inszenierung gefallen habe, lobt er: „Großartig, was? Die tolle Jenaer Atmosphäre!“. Und vergißt nicht zu erwähnen, welch kluge Entscheidung das Thüringer Kultusministerium mit der Förderung des Jenaer Theaterhauses getroffen habe.

Anja Blankenburg, Jena

Die Texte und Bilder sind ausschließlich für nichtgewerbliche Zwecke bestimmt. Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte liegen bei der Stadt Erlangen. Zuwiderhandlungen ziehen rechtliche Konsequenzen nach sich.

29.07.2009
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