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Das Leben der Unseren

Ein Mann, der bewegt

(aus der Dokumentation "Das Leben der unseren", Stadt Erlangen 2007)

Drahtesel sind der Erlanger liebstes Vehikel. Oberbürgermeister Siegfried Balleis bevorzugt sein Rennrad. Der sportliche CSU-Politiker braucht das Tempo. Sein Temperament, auch mal zu schnell zu entscheiden, bezeichnet er aber auch als seine größte Schwäche. „Bürgermeister Lohwasser sagt deshalb manchmal: Du erinnerst mich an Django“, erzählt Balleis lachend. „Zack! Du schießt aus der Hüfte.“ Dabei schnellt seine Rechte, wie im Western, reflexartig unterm Tisch hervor. Nur die Wortkargheit teilt der 54jährige Franke nicht mit dem Leinwand-Revolverhelden. Und er spricht schnell. Als könne er dem Tag so ein paar Minuten mehr abringen.

Wenn Rathaus-Chef Balleis mal locker von seiner Arbeit plaudert, klingt das manchmal, als gehe es um einen sportlichen Wettkampf – da wird „gepunktet“ und „aufgeschlossen“ und wie auf der Slalompiste Hindernissen ausgewichen – oder um den cleveren Spielzug zum Golden Goal. Der leidenschaftliche Skifahrer ist eben auch ein Stratege. Als seinen „größten Coup“ bezeichnet das drahtige Stadtoberhaupt den Kauf des ehemaligen Militärstützpunkts „Ferris-Barracks“ aus dem Nachlaß der US-Army. Das bietet seinem Erlangen die Chance, das eine Million Quadratmeter große Kasernengelände nahe der Innenstadt zu einem komplett neuen Stadtteil, dem sogenannten Röthelheimpark, zu modellieren. Begeistert skizziert Balleis die Potentiale. Einige inzwischen sanierte Gebäude werden schon von der Universität genutzt. Siemens Medical Solutions hat auf dem Gelände eine Fabrik für 2.000 Mitarbeiter errichtet und plant, noch weiter zu investieren.

Der jüngste Sproß eines Zirndorfer Spielwarenfabrikanten will das mittelfränkische Oberzentrum dynamisch zum Wissenschafts- und High-Tech-Standort ausbauen. Im Vergleich mit der thüringischen Partnerstadt Jena, die Erlangen hier strukturell ähnelt, blickt Balleis „mit bewunderndem Neid“ auf den Nachwende-Boom in der Saalestadt. Die rasche Ansiedlung der großen außeruniversitären Forschungsinstitute imponiert ihm – und weckt prompt seinen Sportsgeist: „Bei Max Planck konnten wir jetzt verkürzen“, berichtet er stolz und spielt auf die bevorstehende Gründung des ersten MP-Instituts in Erlangen an.

1996 hatte Siegfried Balleis das Amt des Oberbürgermeisters von Dietmar Hahlweg übernommen. Als „Bundeshauptstadt für Medizin und Gesundheit“ will er Erlangen nun etablieren und zur „kinder- und familienfreundlichsten Stadt Bayerns“ formen. Auch den kommunalen Schuldenabbau hat der Ökonom ins Visier genommen. Wichtig ist ihm die Bürgernähe der Verwaltung – der elektronische, schnelle Draht zum Rathaus. Balleis ist mit der Globalisierung und der modernen Informationsgesellschaft aufgewachsen. Das Stichwort „eGovernment“ – Behördengänge via www – geht dem Fan jeglicher Internetaktivität folglich leicht von den Lippen. Er selbst ist Online - Tagebuchschreiber, im Städtedreieck Erlangen-Nürnberg-Fürth als erster Politiker bei regiolog.com als Blogger aktiv. Das virtuelle Wissensportal soll den Erfahrungsaustausch zwischen Politik und Wirtschaft in der Metropolregion Nürnberg intensivieren.

Mit Wirtschaftsbelangen kennt Balleis sich aus. Sein Vater war erfolgreicher Mittelständler, er selbst absolvierte das BWL-Studium an der heimischen Universität. Nach der Promotion 1983 sammelte er Erfahrungen bei der Siemens AG im Vertrieb von Transportsystemen, ehe er 1988 als Wirtschaftsreferent in Hahlwegs Kabinett den Dienst bei der Stadt Erlangen antrat.

„Extrem ehrgeizig, willensstark und durchsetzungsfähig“ – mit diesen Attributen, die ebensogut auf einen Wirtschaftskapitän zuträfen, beschreibt sich der erfolgreiche Kommunalpolitiker. Seine Mitarbeiter attestieren ihm eine schrankenlose Begeisterungsfähigkeit, aber auch eine außerordentliche Strukturiertheit. Er lenke gern und habe am liebsten alles im Griff.

Balleis Brücke

(Auch hier, in der russischen Partnerstadt beim Bau einer Leonardo-Brücke und unterstützt von Stadträtin Gerlinde Stowasser, hat er den Überblick und erweist sich als geschickter Konstukteur der internationalen Kontakte.)

So wurde dem Dynamiker ein Ausflug auf fremdes Terrain zur Rutschpartie und zum Schreckerlebnis: Als vor vier Jahren das kleine „Theater in der Garage“ das Stück „Die Wölfe“ des vergessenen Dramatikers Hans Rehberg aufführen wollte, hagelte es Kritik. Der streitbare Publizist Ralph Giordano verfaßte ein wütendes Protestschreiben, Erlangen geriet bundesweit in die Schlagzeilen der Feuilletons. Kurzerhand wollte Balleis, in Sorge ums Image seiner Stadt, die Aufführung verbieten und sah sich – von den Kulturschaffenden dem Zensurvorwurf ausgesetzt – „zwischen den Fronten“. Knapp entkam der OB dem Dilemma: Die Premiere wurde verschoben, die Inszenierung durch eine aufklärende Ausstellung flankiert.

Wenn es hingegen darum geht, sportliches Profil politisch zu nutzen, ist Siegfried Balleis kaum zu bremsen. Erlangens sämtliche sieben Partnerstädte mit dem Rennrad zu besuchen, hatte er sich wagemutig vorgenommen. Und hielt Wort. Sogar bis ins russische Wladimir radelte er – in Stafette mit Verwaltungskollegen – und scherzt, die Tour ins thüringische Jena sei vergleichsweise ein bequemer Wochenendausflug gewesen. Bloß San Carlos fehlt noch auf seiner Liste. Aber das liegt auch in Nicaragua.

Anja Blankenburg, Jena

Die Texte und Bilder sind ausschließlich für nichtgewerbliche Zwecke bestimmt. Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte liegen bei der Stadt Erlangen. Zuwiderhandlungen ziehen rechtliche Konsequenzen nach sich.

29.07.2009
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