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Das Leben der Unseren

Der Büchermacher der Partnerschaft

(aus der Dokumentation "Das Leben der unseren", Stadt Erlangen 2007)

Können Sie sich vorstellen, mit einem Pionier der Partnerschaft Erlangen - Jena ein Gespräch vereinbart zu haben, um dann en passant zu erfahren, daß dieser nicht nur – wie man erwarten darf - ungezählte Male per Auto von der Regnitz an die Saale und zurück gefahren ist, sondern auch schon zweimal im Segelboot den Atlantik überquert hat? Wenn nicht, kennen Sie Manfred Mayer nicht. Und vieles noch entgeht Ihnen, wenn Sie jetzt nicht weiterlesen.

Hoch über Erlangen, in Marloffstein, mit Blick fast bis nach Bamberg, umwuchert von einem sympathisch kunstvoll weitgehend sich selbst überlassenen Garten, liegt das Domizil von Manfred Mayer. Alteingesessenen Erlangern ist der 75jährige Donauwörther freilich ein Begriff. Sein Vater hatte sich als Buchhändler die Verbreitung von antifaschistischer Literatur zuschulden kommen lassen und büßte dafür von 1943 bis 1945 in Dachau und Buchenwald. Damit war die Liebe zum (kritischen) gedruckten Wort schon fast eine familiäre Verpflichtung. Das graphische Gewerbe, in dem er den Meistergrad erwarb, führte Manfred Mayer nach Stuttgart und Ansbach, bis er schließlich 1965 nach Erlangen kam und die 1926 gegründete Druckerei Höfer & Limmert übernahm, die fortan den Namen Druckhaus Mayer führte und 1986 die neuen Gebäude in der Wöhrstraße bezog. Es wäre einen eigenen Bericht wert, wiederzugeben, was da so alles von 36 Mitarbeitern publiziert wurde. Aber nicht wenigstens einen wehmütigen Hinweis auf das „Erlanger Leben“ gegeben zu haben, wäre eine Versündigung am geneigten Leser. Was da an journalistischer Vielfalt Mitte der 70er Jahre leider keine überlebensfähige materielle Substanz fand, lohnt allemal ein nostalgisch schmunzelndes Nachblättern in den Archiven. Oder wer erinnert sich an den ersten Stadtführer Erlangens, Mitte der 80er in Marloffstein konzipiert?

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(Ein Beispiel aus dem hunderstimmigen Repertoire des Universitätsverlags.)

Man braucht ihm gar nicht viele Fragen zu stellen, diesem kunst- und lebensbesessenen Mann, der den seltenen Spagat zuwege bringt, im Kunstverein ebenso aktiv zu sein wie im Bereich Sport. Er mußte sich auch nicht groß vorbereiten auf das Gespräch. Vielmehr wuchtet er einfach einen Wäschekorb mit dem veritablen Gewicht von einigen Dutzenden seiner Druckerzeugnisse auf die Terrasse. Das spricht für sich. Keine andere Partnerschaft Erlangens - vielleicht keine andere deutsch-deutsche Verbindung überhaupt - vermag ein derart beredtes Zeugnis einer verlegerischen und wissenschaftlichen Zusammenarbeit vorzuweisen.

1988 hatte die Sache mit Jena begonnen, und die Initialzündung – wie so oft gerade auch bei Wirtschaftskontakten – war von der Kultur gekommen. Die erste Reise in die noch sozialistische Partnerstadt galt der Vorbereitung erster gemeinsamer Ausstellungsprojekte. Wie erfolgreich das war, ist dem Vorwort von Joh. Adam Stupp, dem seinerzeitigen 1. Vorsitzenden des Kunstvereins Erlangen, zum Katalog „Sport, Spiel, Tanz aus der Sicht bildender Künstler“ im September 1989 zu entnehmen: „Das Ergebnis hat – zumindest zahlenmäßig – unsere nicht gerade hochgespannten Erwartungen weit übertroffen. Nicht weniger als 84 Künstler reichten insgesamt 245 Arbeiten ein.“ Und schon im Mai / April 1990 zeigte die Galerie Lobeda-West in Jena die nächste große Ausstellung, dieses Mal Arbeiten des Erlanger Künstlers Otto Grau. Der Anfang war gemacht für eine großartige Zusammenarbeit, die den neuerstandenen Kunstverein Jena aus der Taufe hob und im 20. Jahr der Partnerschaft zum Tag der Deutschen Einheit mit einer große Gemeinschaftsausstellung im Hauptgebäude der Erlanger Sparkasse gipfelt. An all dem hat Manfred Mayer, Neugründungsmitglied im Kunstverein Jena, nicht unwesentlichen Anteil genommen.

Unmittelbar nach der Wende stellte die Studentica Academica Jenenis, ebenfalls von Manfred Mayer mitbegründet, den Kontakt zu Ernst Schmutzer, dem Rektor der Friedrich-Schiller-Universität, her. Mit seinem 1972 geschaffenen Verlag „Lehrmaterial Erwachsenenbildung“ verfügte der Unternehmer über die verlegerischen Erfahrungen, die der Hochschule in den Wirren der Wende fehlten. Rasch wurde man sich handelseinig. In seinem Privathaus richtete der Rektor ein Büro für den Partner ein, das später mit zwei Mitarbeitern in die Mittelstraße 1a zog, von wo aus das „Druckhaus Mayer Verlag GmbH Jena – Erlangen“ seine Publikationstätigkeit für die Universität aufnahm. Von nun an standen zwei bis drei Fahrten pro Woche nach Jena im Terminkalender, manche Nacht hielt es Mayer auch in der Saalestadt. Wöchentlich traf man sich mit Wissenschaftlern beim Rektor, um die nächsten Projekte zu besprechen. Im Universitätsverlag erschien Neuauflage auf Neuerscheinung, die Ernst-Abbe-Stiftung zog nach, eine eigene Schriftenreihe unter dem Logo „Ernst-Abbe-Kolloquium“ entstand ab 1993. Im gleichen Jahr wurde Manfred Mayer korrespondierendes Mitglied des Collegium Europaeum Jenensis. Doch in diese Zeit fiel auch ein juristischer Streit. Die Universität hatte noch zu DDR-Zeiten die Namensrechte für den „Universitätsverlag“ vergeben, so daß das Druckhaus seine Aktivitäten in Jena später unter dem Kürzel „CEJ-Verlag“ für „Collegium Europaeum Jenensis“ firmieren ließ. Überhaupt hatte es das Jahr 1993 für Manfred Mayer in sich: Es erschien der Band „Carl Zeiss und Ernst Abbe. Leben, Wirken und Bedeutung“, sein nach eigenem Bekunden größter Wurf, und Georg Machnik löste Ernst Schmutzer als Rektor ab. Wen wundert es da zu erfahren, daß die Investitur des Nachfolgers dem CEJ eine eigene Broschüre wert war. Und das Verhältnis zum zwar integeren aber vergangenheitsbelasteten Prof. Dr. Ernst Schmutzer? „Immer sehr freundschaftlich, bis heute. Auch mit seinem Nachfolger lief die Kooperation bestens, sein Professorenbeirat ließ nichts zu wünschen übrig.“

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(Manfred Mayer (r.), als Botschafter des Erlanger Kunstvereins in Jena. Photo aus dem Archiv der Stadt Jena.)

Irgendwann muß sie ja kommen, die Frage nach der Zahl der mit und in Jena publizierten Bücher und Broschüren – von Lyrik über Medizin bis zur Klimaforschung oder von Philosophie bis zur Europapolitik, manche zweisprachig. „Etwa einhundert“, folgt die Antwort ohne ein Wimpernzucken, hinter dem sich auch nur der Anschein einer Übertreibung verbergen könnte. Da weiß einer, wovon er redet. Er muß nichts mehr beweisen. Hier wurde Partnerschaftsgeschichte geschrieben. Eine Zusammenarbeit in ihrer Art einzigartig. Zu der gehörte für das CSU-Mitglied auch die Politik. 50.000 Broschüren für CDU und FDP in Jena hat er gedruckt, mit Stadtrat Siegfried Haas begründete er die bis heute engen Verbindungen zwischen der CSU-Fraktion in Erlangen und den Unionsfreunden in Jena.

Es gab auch Rückschläge. Mit dem Mediziner Ulrich Zwiener hätte Manfred Mayer gern eine Stiftung gegründet. Doch die Umstände ließen es nicht zu: „Es war eine beschwerliche Zeit, und ich habe auch ein paar Tausender hineingesteckt. Aber es war eine schöne Zeit!“ So einer kann sich doch nicht aufs Altenteil zurückziehen. Richtig: Er schreibt noch über die Hohenzollern, über seine Familiengeschichte und will viel lesen.

Und jenseits der konkreten Arbeit, welche Erinnerungen bleiben da? Der Heilige Abend 1989. Das Auto vollgepackt mit 50 Geschenktüten (Bananen, Schokolade, Mandarinen, Kaffee), dann auf holprigen Straßen nach Saalfeld ins Altersheim „Feierabend“, dort die Geschenke verteilt, Tränen der Rührung und Dankbarkeit, weiter nach Jena zu Bekannten, die schon in Marloffstein übernachtet hatten, Weihnachtsgeschenke gemacht und dann wieder zurück, nicht ohne dem letzten einsamen Grenzer noch einen Gruß vom Christkind zu übergeben. „Was da an Freude und Tränen in uns allen war, ist heute gar nicht mehr zu glauben“, gehen die Gedanken zurück. Da hat es die Ehefrau auch verschmerzt, daß er erst am frühen Weihnachtsmorgen zurückkam.

Leisten konnte sich Manfred Mayer die Zusammenarbeit mit Jena dank einem starken Team in seinem Erlanger Druckhaus und besonders dank seinem Geschäftsführer Walter Fellermeier, der freilich inzwischen seinen eigenen Betrieb hat und ganz besondere Beziehungen zu Jena pflegt, von denen andernorts die Rede sein soll.

Ein freundliches Auf Wiedersehen liegt in den Augen Manfred Mayers, als er den Gast – ganz die alte Schule! - zum Auto begleitet. „Fahren Sie vorsichtig“, gibt er mit auf den Weg. „Ich hatte da vor ein paar Tagen einen Unfall…“

Die Böen des Gewitters, das dann doch nicht kam, haben die Notizen gehörig durcheinander gewirbelt. Doch der Seefahrer und Buchmacher, einer der Großen der Partnerschaft, ist ja sturmerprobt und trägt sein Logbuch der Partnerschaft wohlgeordnet im Herzen.

Peter Steger

Die Texte und Bilder sind ausschließlich für nichtgewerbliche Zwecke bestimmt. Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte liegen bei der Stadt Erlangen. Zuwiderhandlungen ziehen rechtliche Konsequenzen nach sich.

29.07.2009
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