Sie haben Javascript deaktiviert und können somit nicht alle Funktionen dieser Website benutzen. Um Ihnen ein bestmögliches Surferlebnis zu ermöglichen, sollten Sie Javascript in Ihrem Browser aktivieren.

Das Leben der Unseren

Von einem, der auszog nach Jena und als Großfürst wiederkehrte

(aus der Dokumentation "Das Leben der unseren", Stadt Erlangen 2007)

Aufmerksame Leser sind schon auf den Namen gestoßen: Walter Fellermeier. Nach langen erfolgreichen Jahren als Geschäftsführer des Druckhauses Mayer baute er sich seinen eigenen Betrieb, den Aurach-Druck in Frauenaurach auf. 1972 verhalf dieser Ortsteil wie weitere sechs - mehr nolens als volens - Erlangen zum Status einer Großstadt. Um den ehemaligen Gemeinden ihre Selbstverwaltungswürde nicht ganz zu nehmen, schuf man das Amt des Ortsbeirats, eine Art Ombudsmann für die Stadtteilbelange. Im Rathaus zeichnet Stephan Pickel als Ansprechpartner für den heißen Draht zur Verwaltung und Kommunalpolitik, aber auch für Versammlungen und Veranstaltungen des Ortsbeirats verantwortlich. „So jemanden könnten wir auch gut gebrauchen“, meint Rosa Maria Haschke, Ortsbürgermeisterin von Weningenjena und Gastgeberin für die sechs Kollegen, die an diesem letzten Samstag im Juni aus Erlangen gekommen sind. „Da muß man nicht von Amt zu Amt laufen, sondern kriegt alles aus einer Hand. Nicht daß die dort unfreundlich wären, aber so ginge es halt viel schneller.“ Ob der Wunsch bei Stadtrat und Verwaltung Gehör findet, wird die Zeit zeigen. Unerhört jedenfalls blieb der schon vor Jahren gen München gesandte Ruf, man möge doch dem Ortsbeirat Erlangen ähnlich weitgehende Befugnisse – bis hin zum Stimmrecht im Stadtrat – wie den Ortsbürgermeistern aus Jena einräumen. Innenminister Günther Beckstein schob dieser deutsch-deutschen Verbrüderung einen Riegel mit dem Hinweis vor, aus einem solchen Status könnten sich später einmal Rentenansprüche ableiten lassen. Nach anfänglicher Kränkung nannten sich die Mannen um den seit 1990 präsidierenden Walter Fellermeier „Ortsfürsten“ und drehten damit München wie Jena eine spitzbübische Nase. Aber recht betrachtet ist es nicht mehr als ein Titel ohne Mittel, wenn auch ein wichtiges Mittel der Bürgerbeteiligung und des zivilgesellschaftlichen Engagements hier wie dort, wie Eberhard Hertzsch betont. Er weiß als langjähriger Wahlleiter, wovon er spricht. Heute ist er, nebenbei bemerkt, fachlich mit Otto Vierheilig, Leiter des Sozialamts Erlangen, verbandelt. Beide Städte haben sich für das Optionsmodell entschieden und vertreten ihre diesbezüglichen Interessen bundesweit gemeinsam. Partnerschaft eben auf allen Ebenen.

Karnevalverein

(Schon vor der Wende ging es in der Partnerschaft auch närrisch zu. Hier treffen sich Rot-Weiß aus Erlangen und der Karnevalsverein Jena. Photo aus dem Archiv der Stadt Jena.)

Großfürst Walter hat freilich schon seit Ende der 80er Jahre Jena-Erfahrung. Und das nicht nur im verlegerischen Bereich („Pille Dreher und Mäulchen Wurf“ ist zum Partnerschaftsjubiläum Anfang des Jahres im Aurach-Druck erschienen; s. nächster Artikel) sondern vor allem auch im Sport. 1990 organisierte er einen Spieltag für Kinder in Jena und regte eine Fülle von Vereinskontakten an, die bis heute Bestand haben. Seither geht ihm aber auch ein Mountainbike ab. Auf selbiges setzte sich ein Junge, drehte ein paar Runden, machte sich wohl so seine Gedanken, nahm Geschwindigkeit auf, und dann ab durch die Mitte und ward nebst fahrbarem Untersatz nie mehr gesehen. Doch Fellermeier läßt sich noch immer regelmäßig in Jena sehen. Nein, das Radl sucht er längst nicht mehr, vielmehr gehen auf seine Initiative die schon Tradition gewordenen Treffen mit den Ortsbürgermeistern zurück, die es seit 1994 gibt, als im verwaltungsreformerischen Handstreich 24 Gemeinden zu Jena geschlagen wurden. Die Spanne der Ortsteile könnte größer nicht sein: vom Hundert-Seelen-Dorf Vierzehnheiligen bis zu Neulobeda mit seinen 25.500 Einwohnern. Letztere werden vom prominentesten Ortsbürgermeister vertreten, von Volker Blumentritt, der für die SPD im Bundestag sitzt. Gemeinsam mit Frank Schenker, Fachbürgermeister für Soziales, begrüßt er im historischen Rathaus die Gäste in Vertretung von Oberbürgermeister Albrecht Schröter, der heute – so sieht eine lebendige Partnerschaft halt aus! – ebenso wie eine Schülerinnengruppe, geleitet von Conny Bartlau (sie machen eine Straßenumfrage zum Partnerschaftsjubiläum) in Erlangen weilt, um morgens am Kinderfest und abends am Schloßgartenfest teilzunehmen, um sich mit Dekan Josef Dobeneck zu treffen, um zwei Interviews zu geben… Und Frank Schenker? Der kommt schon in sechs Tagen wieder nach Erlangen, zur Verleihung der Bürgermedaille an Rudolf Schloßbauer im Stadtrat, wo der lange Jahre als Schulreferent gerade auch für den Austausch mit Jena erfolgreich geworben hat.

Nach einem vorzüglichen Mittagessen in der „Noll“, deren Chef und Koch gerade erst wieder seine Kunst bei den Verbraucherberatungstagen in Erlangen gezeigt hatte, steht ein Stadtrundgang auf dem Programm. Aber nicht für alle. Karl Heinz Lindner hat sich am frühen Morgen mit in den ICE nach Jena gesetzt und erinnert sich gern an die Wendezeit, als er zu fast allen Kulturvereinen in der Partnerstadt Kontakte aufnahm. Damals war er 1. Vorsitzender des Stadtverbands der Erlanger Kulturvereine. Vor zehn Jahren gab er das Amt an Herbert Hummich ab und wurde vor einem Monat wieder auf den Posten gewählt. Der Stadtverband – leider gibt es für ihn in Jena noch immer kein Pendant – ist ein ebenso verläßlicher wie unersetzlicher Partner in allen inhaltlichen und organisatorischen Fragen gerade der Städtepartnerschaften. Und so ziehen sich denn auch Claudia Zienert vom OB-Büro und Katharina Glasser, persönliche Mitarbeiterin von Volker Blumentritt, mit dem Autor dieser Zeilen in das Café der „Göhre“, des Stadtmuseums, zurück. Bei köstlichem Kokos- und Orangeneis verteilen sich die Aufgaben für die bevorstehenden Jubiläumsfeiern angenehmer. Katharina Glasser erhält einen Platz auf dem Podium der VHS Erlangen am 3. Oktober, holt die Jenaer Philharmonie zu leistbaren Bedingungen zum Festakt und übernimmt weitere Aufgaben bei der Zusammenstellung der Jubiläumsdokumentation; Claudia Zienert koordiniert die Kulturgruppen als da sind das Tanztheater, der Ziegenhainer Chor und die Jugendbläser von Carl Zeiss. Karl Heinz Lindner hat die Idee, dieses Ensemble auch im Schloßgarten oder bei schlechtem Wetter in der Orangerie auftreten zu lassen und wird mit dem Partnerschaftsbeauftragten für die Organisation der vielen Aktivitäten vor Ort sorgen. „Das Programm läßt ja kaum mehr Luft“, hatte sich Walter Fellermeier auch schon am Erlanger Bahnhof vernehmen lassen. „Alles fakultativ!“ winkt der Verantwortliche beruhigend ab. „Gäbe es kein vielfältiges Programmangebot, würde es heißen, es sei ja nichts mehr los mit der Partnerschaft“ Und das wäre weit gefehlt.

Die Runde trifft sich wieder im Rathaus, um einen gut recherchierten Film über Weningenjena anzusehen. Und dann entführt Rosa Maria Haschke, zu recht stolz auf ihre Vereine, die Gäste zum Brückenfest in ihr Fürstentum, das sich am Abend mit einem Feuerwerk über der Saale eine funkelnde Krone aufsetzt. Ob Walter Fellermeier auch noch seine Kollegin vom Landessportverein Thüringen, Elisabeth Wackernagel MdL, getroffen hat, ist nicht überliefert. Auch nicht, was Karl Heinz Lindner mit dem Jenaer Karnevalsclub ausgemacht hat. Warum auch? Auf jeden Fall einige Gründe mehr, bald wiederzukommen. Aber zunächst an Jena: „Auf Wiedersehen, spätestens am 3. Oktober in Erlangen.“

Peter Steger

Die Texte und Bilder sind ausschließlich für nichtgewerbliche Zwecke bestimmt. Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte liegen bei der Stadt Erlangen. Zuwiderhandlungen ziehen rechtliche Konsequenzen nach sich.

29.07.2009
» zurück zur Übersicht