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Das Leben der Unseren

Ein Blick zurück im Frieden

(aus der Dokumentation "Das Leben der unseren", Stadt Erlangen 2007)

Sowohl die CSU durch Claus Uhl und viele andere, aber vor allem Dietmar Hahlweg, nachdem er 1972 Oberbürgermeister wurde, haben sich der Thematik „Jena als Partnerstadt“ verstärkt angenommen. Immer wieder gab es Vorstöße, organisierte man Treffen. Mitte der 80er Jahre wurde es dann sehr viel konkreter.

Ich denke, daß es deshalb zum Erfolg kam, weil insgesamt die Öffnung nach Osten ein Wunsch sehr vieler Menschen auch hier im Westen war. Die DDR konnte es einfach nicht mehr verhindern, daß durchsickerte, was man hier gerne wollte. Somit hat sich die DDR-Seite unter Honecker dann etwas geöffnet und dem Thema nicht mehr ganz verschlossen. 1987 kam es zu einer offiziellen Vertragsunterzeichnung in Erlangen; jedoch war es deshalb nicht leichter geworden.

Wir wollten ja unbedingt eine Bürgerpartnerschaft, doch das war eben sehr schwierig, weil die DDR ihre Bürger gar nicht an uns heranlassen wollte. Sie haben ihre Bürger nicht mit einbezogen, so vereinfacht kann man das sagen. Nur durch viel Verhandlungsgeschick, auch von Dietmar Hahlweg, kam es dazu, daß zweimal jährlich Treffen in der einen bzw. der anderen Stadt vereinbart wurden, sogenannte „Friedensseminare“ zur Aussöhnung zwischen Ost und West.

Röhlinger 1

(Ursula Rechtenbacher (neben Alt-OB Peter Röhlinger) im Kreis der offiziellen Delegation aus Erlangen am 18. April 2007 in Jena. Photo privat.)

Ich hatte die Freude, diese Friedensseminare jeweils leiten zu dürfen. Von 1987 bis 1989 haben wir zweimal im Jahr entweder in Jena oder hier in Erlangen die entsprechenden Menschen getroffen. Es wurde gesagt, daß es nur lauter „Offizielle“ waren. Das stimmt so nicht! Es waren zwar Persönlichkeiten, die etwas zu sagen hatten, aber wir führten sehr gute Gespräche mit Ihnen. Denn wir haben diese Friedensseminare geschickt unter gewisse Themen gestellt, z. B. Kultur, Städtebau, Umwelt und Gesundheit. Wir hatten immer Fachleute bei unseren Seminaren. Somit konnten wir noch einmal die Unterschiede sehr deutlich feststellen zwischen hier und da – auch in ganz sachlichen Dingen. Aber sie haben uns ständig Steine in den Weg gelegt und wollten verhindert, daß wir uns zu erkennen gaben. Wenn ich etwa mit meiner Delegation in Jena ankam, wurden wir sofort ins Rathaus geführt, und unser Bus war dann auf dem Gelände der dortigen Stadtwerke „wohl verwahrt“. Man sagte uns, dem Bus könne dort nichts passieren. Wir fuhren ab da mit dem Jenaer Bus durch die Gegend. Sie wollten nicht zeigen, daß Erlanger vor Ort sind – es war ja die Grenze noch nicht offen.

Wir haben die Erlanger Jutetaschen dabeigehabt, um sie unseren Partnern zu überreichen. Wir haben sie aber auch sehr öffentlich in die Busfenster gehalten. Jeder Jenaer Bürger konnte sehen und sagen: „Ach, Erlangen“. So mußte man sich ein wenig durchmogeln.

Im September 1989 war ich zum letzten Mal mit einer Delegation drüben, und da hat man sehr deutlich gespürt, daß sich sehr viel verändert hatte. Alle waren viel offener, wir konnten – auch im privaten Bereich - über ganz andere Themen sprechen, als vorher. Es lag in der Luft, daß sich etwas tat. Wir waren beispielsweise beim Direktor der dortigen Frauenklinik eingeladen – allerdings privat, mein Mann und ich –, und da war einer der Söhne über Ungarn schon herausgegangen. Es wurde offen darüber gesprochen. Wie gesagt: Es brodelte.

Dann – das große Ereignis: die Öffnung der Grenzen am 9. November 1989! Ich erinnere mich an die Zeit nach der Öffnung: Es waren Menschenmassen in Erlangen - man kann es sich überhaupt nicht vorstellen. Was Erlangen alles geleistet hat, ist unglaublich. Das Rote Kreuz war morgens ab 5 Uhr im Rathaus mit heißem Tee, mit heißer Suppe. Wenn nämlich die Jenenser mit dem Nachtzug hier ankamen, um ihr Begrüßungsgeld abzuholen, war immer jemand hier. Ich möchte sagen, zu jeder Tages- und beinahe Nachtzeit. Darüber gibt es verläßliche Zahlen.

Die Verantwortung - gerade ganz speziell für die Städtepartnerschaft mit Jena – hat mich sehr beschäftigt. Ich habe mir immer gedacht: Du wirkst jetzt als kleines Rädchen mit, damit sich hier in der Geschichte etwas bewegt, was alle Menschen betreffen wird. Da wurde mir die Verantwortung manchmal fast ein bißchen zu groß, und ich fragte mich oft, ob ich wirklich auch das Richtige tat. Doch daß es richtig war, hat sich 1989 gezeigt. Und jetzt, für mich selber: Es war einer meiner glücklichsten Tage, als die Mauer fiel!

Die Texte und Bilder sind ausschließlich für nichtgewerbliche Zwecke bestimmt. Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte liegen bei der Stadt Erlangen. Zuwiderhandlungen ziehen rechtliche Konsequenzen nach sich.

16.02.2009
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