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Das Leben der Unseren

Jenas Nachtleben und die Suche nach dem Elternhaus

(aus der Dokumentation "Das Leben der unseren", Stadt Erlangen 2007)

Jena hatte schon vor Beginn der Partnerschaft eine Bedeutung für mich, bin ich doch dort geboren, wenn ich auch nur eine kurze Zeit meiner frühen Kindheit in Jena verbracht habe. Dieser Umstand war aber sehr hilfreich, als ich im April 1987 als Mitglied der Stadtratsdelegation nach Jena reiste, um die Partnerschaft offiziell zu besiegeln. Ich hatte nämlich - neben etlichen Kilo Büchern - den Auftrag im Gepäck, in Jena Oppositionelle zu besuchen. Adressen hatte ich von Roland Jahn, dem kurz zuvor aus der DDR abgeschobenen Friedensaktivisten, erhalten.

Mir war natürlich klar, daß dieser Auftrag nicht so einfach zu erfüllen sein würde: Neben der notwendigen Geheimhaltung meiner Absicht kam erschwerend hinzu, daß in Erlangen kein Stadtplan von Jena aufzutreiben war. Noch dazu sahen wir uns ab der Stadtgrenze von einer Überzahl an äußerst fürsorglichen Personenschützern umgeben, die uns keine Sekunde aus den Augen ließen, sehr höflich und freundlich, aber unabweisbar. Sogar beim Gang zur Toilette fand sich sofort eine nette Begleiterin. Mein Wunsch nach einem Spaziergang allein, um mein altes Elterhaus zu finden, wurde brüsk abgewiesen. Sogar OB Dietmar Hahlweg sah sich aufgefordert, mir solche unangebrachten Sperenzchen zu verbieten, was zu tun er natürlich weit von sich wies.

Nach einigen Tagen, vollgepackt mit Programm bis in den späten Abend, sah ich nur noch die Möglichkeit, regelrecht auszureißen und das „vorgeschriebene“ Abendprogramm zu schwänzen. Vorher hatte ich den Umstand, daß Jena meine Geburtsstadt ist, dazu genützt, um einen Stadtplan zu bitten, der es mir erlaubte, wenigstens mit dem Finger mein Elternhaus zu finden. Mir wurde nicht gestattet, den Plan in die Hand zu nehmen; nur unter Aufsicht und unter Glas an der Rezeption durfte ich einen kurzen Blick drauf werfen. Ich mußte mich ziemlich „dämlich“ anstellen, um noch ein Minutchen länger für meine wahren Ziele zu bekommen und den Weg dorthin ins Gedächtnis zu kriegen.

Jena Bußmann

(Heide Mattischeck, die "Mitveerschwörerin", hier noch gesichert und unter "Helmherrschaft" ihres Stadtratskollegen Jürgen Zeus und OB Dietmar Hahlweg. Photo aus dem Archiv der Stadt Jena.)

Inzwischen war ich zu der Überzeugung gekommen, daß der geplante Ausflug nicht ganz ungefährlich ablaufen könnte. Ich traute mich nicht mehr, alleine „abzuhauen“ und erzählte der Kollegin von der SPD, Heide Mattischeck, von meinen ergebnislosen Bemühungen, bloß mal einen harmlosen Spaziergang zu machen. Sie zeigte sich gleich ziemlich erbost über diese Einschränkung und bot mir an, mich bei meinem abendlichen Ausflug zu begleiten. Wir sprachen ab, nach der Ankunft im Hotel nur für exakt eine Minute aufs Zimmer zu gehen, um eine Jacke (und Bücher!) zu holen und dann im Laufschritt gemeinsam das Hotel zu verlassen, während alle anderen noch plaudernd herumstehen oder zum Programmpunkt „gemeinsames Weintrinken“ schlendern würden.

Dieses Gespräch lief keineswegs ganz ungestört ab. Mir war schon vorher aufgefallen, wie unerwünscht es war, daß wir fünf aus Erlangen uns alleine unterhielten: Sofort beteiligte sich jemand von unseren Aufpassern interessiert, aber unerbittlich am Gespräch. Bei einem Spaziergang oberhalb von Lobeda gelang es uns, wenn auch nur für Sekunden, uns von der Herde abzusetzen: Wir hatten ein Steinchen im Schuh oder blieben kurz stehen, um die Aussicht zu bewundern und konnten so jeweils leise ein paar konspirative Halbsätze austauschen.

Im Hotel gelang unser Ausbruch wie abgesprochen, die Dame an der Rezeption rief uns hinterher: „Aber Sie müssen doch ins Lutherzimmer!“ und griff gleichzeitig zum Telefonhörer. Wir flitzten aus der Tür, rechtsrum um die Hausecke in ein kleines dunkles Gäßchen und blieben aufatmend stehen. Der vorher dunkle Platz vor dem Hotel war gleißend erleuchtet, und viele Uniformierte liefen herum, uns zu suchen. An das kleine Gäßchen dachte niemand. Mit zittrigen Knien machten wir uns auf durch die nur spärlich beleuchteten Straßen zu unserer Adresse. Den Weg dorthin hatte ich mir glücklicherweise gut gemerkt.

Wir wurden schon sehnsüchtig erwartet. In der Küche saßen ca. zehn Leute - und das schon mehrere Abende. Sie waren informiert, auf welchen Wegen auch immer, daß irgendwer versuchen werde, Kontakt zu der Friedensgruppe aufzunehmen. Die Atmosphäre war sehr herzlich, die Küche sah aus wie bei uns jede Wohngemeinschaftsküche damals auch, und wir waren richtig erleichtert, endlich unbeschwert reden zu können. Es haperte nur an beidseitig verständlichen politischen Begriffen (was z.B. ist eigentlich kommunale Selbstverwaltung?). Trotzdem entspann sich eine erfrischende Diskussion. Man kam überein, nichts zu tun, was die Partnerschaft, trotz aller Kritik an ihr, gefährden könnte, die Delegationsreisen aber zu nutzen, jedesmal eine Person mitzuschicken, die versuchen sollte, Kontakt zur Opposition aufzunehmen. Dieses Ziel hat die Grüne Liste auch bis zur Wende erfolgreich durchgehalten, obwohl es in Erlangen auch heftige Kritik daran gab.

Nach ca. zwei Stunden gingen die ersten einzeln und leise. Auch wir wurden als letzte möglichst unauffällig zur nächsten Straßenkreuzung gebracht. Vorher zerrte man uns blitzartig hinter einen Bauzaun, weil ein Auto vorbeifuhr.

Jetzt stellte sich uns das Problem, wie wir nach unserer Rückkunft unser langes Ausbleiben erklären sollten. Unsere Version, wir hätten irgendwo, keine Ahnung, wo genau, ein Bier getrunken, wurde mit der Aussage vom Tisch gewischt, zumindest zu der Zeit habe in ganz Jena keine Kneipe auf. Wir gerieten ganz schön ins Schwitzen, Jenas OB Hans Span wurde telefonisch informiert: „Sie sind wieder da.“ Nach einigen mulmigen Minuten retteten uns unwissentlich unsere männlichen Kollegen, die, wie vorgeschrieben, den Abend zusammen mit Jenaer Offiziellen beim Wein verbracht hatten. Sie zogen uns nämlich damit auf, daß wir in Erlangen für Frauen ein Nachttaxi forderten, weil’s für Frauen nachts so gefährlich sei, wir selber aber in fremden Städten uns ganz alleine nachts auf der Straße aufhielten. Das war Anlaß genug, uns gespielt so erbost zeigen, daß wir verständlicherweise stehenden Fußes auf unsere Zimmer abrauschen konnten.

Am nächsten Morgen erwarteten wir gespannt die Reaktionen unserer Aufpasserriege. Man war aber wohl angewiesen worden, die Sache auf sich beruhen zu lassen und so zu tun, als ob nichts geschehen wäre. Nur OB Span fragte uns später ironisch: “Na, wie war denn das Jenaer Nachtleben?“

Übrigens war ich inzwischen schon zigmal in Jena, aber mein Elternhaus habe ich bis heute nicht besucht. Ich bin einfach nicht dazugekommen.

Gudrun Bußmann, Erlangen

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03.02.2012
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