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Das Leben der Unseren

Von Bankern, die nicht nur Kasse machen wollten

(aus der Dokumentation "Das Leben der unseren", Stadt Erlangen 2007)

„Die bestehende Städtepartnerschaft Erlangens mit Jena führte dazu, daß die Sparkasse Jena von uns personell und materiell unterstützt wurde.“ So zurückhaltend lapidar faßt der Kurzbericht der Sparkasse Erlangen von 1990 etwas zusammen, das die Partnerschaft erst richtig hat rund laufen lassen.

Wie alles begonnen hat, weiß nicht einmal mehr Reiner Reinhardt, damals Vorstandsmitglied, heute Vorstandsvorsitzender, genau zu sagen. In jedem Fall ging im Dezember 1989 eine Anfrage aus Jena mit der Bitte um Unterstützung bei den Erlanger Kollegen ein. Die Probleme lagen auf der Hand. Nicht nur wegen eines laufenden Umbaus des Servicebereiches, wo die Schalter eher an Grenzkontrolle denn an Kundenfreundlichkeit denken ließen und das Licht allein durch die Fenster kam. Zumindest bei der Beleuchtung konnte mit einem Vorschuß und der Firma Instawatt aus Erlangen rasch Abhilfe geschaffen werden, wenn auch der einen oder anderen Lampe unvermutet Beine wuchsen. Schwieriger war es aber schon bei der notwendigen Umstellung der Produkte. Die Sparkassen in der DDR hatten mit einem satten Marktanteil von gut 90% außer Sparbüchern und Girokonten für Privatkunden nichts im Angebot: weder Überziehung, noch Kredit oder gar Euroschecks und börsengängige Wertpapiere.

„Wir waren uns in Erlangen schon früh darin einig, Hilfe geben zu wollen. Aber daß wir eines Tages eine ganze Bank neu würden aufbauen müssen, hätte ich mir im Traum nicht vorgestellt“, fährt Reiner Reinhardt fort. Doch dank unternehmerischer Weitsicht und nüchterner Durchsetzungskraft stellten die Erlanger die Bank auf die Beine und ließen damit viele tausend Träume von einem besseren Leben wahr werden. Wie man es von Bankern erwarten darf, wurde auch in dieser turbulenten Sturm- und Drangphase genau Buch geführt, obwohl damals, wie Heinz Gebhardt, stellvertretendes Vorstandsmitglied, einwirft, kurzfristig Entscheidungen in eigener Verantwortung zu treffen waren, die in Deutschland West erst von einem ganzen Kollegium hätten abgesegnet werden müssen.

Jena Sparkasse 1

(Die Währungsumstellung in Jena dank Panzerwagen aus Erlangen. Photo privat.)

Von der tageweisen Abordnung zweier Mitarbeiter aus Erlangen im März 1990 an wurde die Zusammenarbeit im Monatstakt quantitativ und qualitativ so intensiv, daß schon im Juni ein eigener Kooperationsvertrag in Kraft trat. Noch im gleichen Monat öffnete ein Beratungsbüro, das fast ein Jahr lang mit Erlanger Fachleuten im Rotationsprinzip besetzt war. Und dann stand ja schon die Währungsunion ins Haus. Zur Auszahlung der ersten DM-Beträge auf Währungsschecks an 128 Auszahlungsstellen reiste per Bus ein 57köpfiger Verstärkungstrupp aus Erlangen an, dem sich noch Kollegen aus Höchstadt und Ebersberg anschlossen, insgesamt mehr als einhundert. Nur so, zusammen mit den 220 fast ausschließlich weiblichen Fachkräften aus Jena, war der Ansturm der etwa 130.000 Kontoinhaber zu bewältigen.

„Es war für mich eine andere Welt, schwierige Zeiten waren das, aber ich möchte das alles auch nicht missen“, faßt Heinz Gerhardt, damals einer der Pioniere, seine Eindrücke zusammen. Eineinhalb Jahre am Stück leistete er Aufbauarbeit und kämpfte um die Kunden, die längst auch schon von den Privatbanken umworben wurden. „Es war ja ein regelrechter Jahrmarkt“, ergänzt Sabine Rost, damals auch für einige Wochen nach Jena entsandt. „Die Menschen haben alles aufgesogen, waren so voller Vertrauen und Neugierde. Aber natürlich auch oft schrecklich überfordert bei den vielen Angeboten, die ihnen von manchen Vertretern aus dem Westen regelrecht aufgeschwatzt wurden. Dem wäre ich auch nicht gewachsen gewesen. Es herrschte eine Euphorie, die nicht zu bremsen war. Stellen Sie sich vor, es kommt jemand mit dem Trabi zum Autohändler und fährt mit einem Mercedes wieder heim. Einfach irre. Und diese Freude über das Obst. Ja, es war eine schöne Zeit, vor allem wegen der Leute!“

Die Partner aus Erlangen wohnten bei ihren Kollegen oder in Gästehäusern, die vollbesetzt waren mit Beratern aus dem Westen, darunter auch Geschäftemacher. Doch die Erlanger wurden zu Recht geschätzt. „Wir sind nie als Besserwisser aufgetreten“, erklärt Heinz Gebhardt. „Deshalb hatten wir eine gute Akzeptanz und jede Menge Erfolgserlebnisse. Aber: Vier Tage in der Woche von 7.30 bis 21.00 Uhr im Dauereinsatz in Jena, dann über das Wochenende in Erlangen die nächsten Schritte planen, da leidet natürlich das Privatleben, und der Verlobungsring hat sich nicht nur vom Schwefel des Hausbrands verfärbt. Aber es war eine historisch einmalige Situation, in der wir alle unser Bestes getan haben.“ Der personelle Nachschub aus Erlangen war unterfüttert mit Fachleuten etwa aus dem Bereich Buchhaltung. Auch technische Hilfe kam an. Den Lada, mit dem bisher die Geldtransporte von der Staatsbank zu den Filialen rollten, ersetzte ein Panzerwagen, um dessen Steuer heftige Konkurrenz entbrannte, elektrische Schreibmaschinen mit Korrekturband eroberten die Büros. Auf die erste Kopie aus dem Erlanger Kopierer reagierte die Sekretärin mit der Frage, ob sie das Blatt nun nochmals abtippen solle. Es gab keine EDV, kaum Telephonverbindungen. Ein Kollege hatte ein tragbares Funktelephon, das vom Fuchsturm aus Kontakt für die Erlanger nach Hause und in den Rest der Welt herstellte. Wie aus einer anderen Welt klingt das, und doch ist es noch keine zwanzig Jahre her. Und das Land ist mittlerweile eins.

Jena Sparkasse 2

(Photo privat.)

Schattenseiten? „Ja“, gibt Reiner Reinhardt zu, die gab es. „Schade war, daß von den 50 vorgesehenen Kräften nur fünf das Angebot annahmen, den Fernlehrgang zur Weiterqualifizierung vom Finanzökonom zum Bankkaufmann zu besuchen. Der Einigungsvertrag sah nämlich die Gleichstellung vor, aber de facto ging es einfach nicht ohne. Später erfuhr ich, daß nur die fünf bei der Bank bleiben konnten. Schade.“ Der „Kasernenhofton“ einiger Mitarbeiterinnen gegenüber den Kunden brauchte viel Kreide aus Erlangen. Noch bei der Währungsumstellung war er vereinzelt zu hören. Die Stadtverordnetenversammlung tat sich schwer mit den Formalien und Haftungsverpflichtungen und tagte bis in den frühen Morgen in Sachen Sparkassengründung. Die Mägen aus Franken spezialisierten sich auf Thüringer Rostbratwürste. Der Keller füllte sich mit Schreibwaren, von einem auswärtigen Vertreter für die nächsten hundert Jahre aufgeschwatzt.

Doch von diesen Schlaglichtern nicht mit Häme, nur mit verständnisvollem Bedauern und erst auf Nachfrage. Viel lieber wird erzählt von den vielen zwischenmenschlichen Begegnungen, von der gemeinsamen Leistung, vom Betriebsausflug der Sparkasse Jena nach Erlangen im Advent 1990 – mit 220 (in Worten zweihundertzwanzig) Mitarbeitern. Aber das ist dann schon wieder eine eigene Geschichte. Genauso wie die Sache mit dem Signalhorn, das Heinz Gebhardt gern zur Erinnerung mitgenommen hätte – und dann doch vergaß. Wer weiß, wem es jetzt wo rechtzeitig auf die Sprünge hilft…

Was bleibt? Der Sparkasse in Jena sind Jahre der Prüfung und Turbulenzen nicht erspart geblieben. Aber das gemeinsam mit Erlangen gelegte Fundament trägt bis heute. Es war echte Hilfe zur Selbsthilfe. Und das zählt, und das hilft allen, hier wie dort, nicht zuletzt durch Sponsoring, dem - es sei hier nicht verschwiegen! - diese Dokumentation ihr Erscheinen verdankt.

Peter Steger

Die Texte und Bilder sind ausschließlich für nichtgewerbliche Zwecke bestimmt. Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte liegen bei der Stadt Erlangen. Zuwiderhandlungen ziehen rechtliche Konsequenzen nach sich.

16.02.2009
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