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Das Leben der Unseren

Vom Jenseits hinein in Europas Mitte

(aus der Dokumentation "Das Leben der unseren", Stadt Erlangen 2007)

Früher lag Jena im Jenseits. Jenseits der unmenschlichen Grenze, die meinem Vater fast 15 Jahre lang die Nähe und Umarmung der Mutter entzog, jenseits der Grenze, die Familien zerschnitt, benachbarte Dörfer weiter voneinander entfernte, als wenn sie auf zwei verschiedenen Kontinenten gelegen wären.

In Jena lebten meine Großmutter, Tanten und Onkel, Cousins und Cousinen, die ich nur von Fotos kannte, denen wir im Winter Apfelsinen, Nüsse, Lego, Schokolade und eine für ein Schulkind unbegreiflich große Menge an Feinstrumpfhosen schickten.

1973 änderte sich das schlagartig: Zum ersten Mal reisten wir vier Kinder mit unseren Eltern zur ersehnten und doch so fremden Großmutter über diese Grenze nach Jena. In den Straßen lernten wir den Geruch von Braunkohle kennen, in der Wohnung meiner Großmutter aber herrschten eine fast überwältigend große Wiedersehensfreude, Freudentränen und der Duft von Streuselkuchen.

Bei der Verwandtschaft in Jena redeten die Erwachsenen darüber, wie es „an der Grenze“ war, über Probleme, die das Festhalten am Glauben mit sich brachte, darüber, daß die Kinder wohl nicht werden studieren dürfen, darüber, daß es seit Monaten keine Bettwäsche gab, dafür neuerdings aber ausreichend Gläser.

Der Besuch in Jena begann stets auf dem Polizeipräsidium, genauer gesagt auf zwei Polizeipräsidien, wobei meine Mutter, als Ausländerin nicht dem kapitalistischen Deutschland angehörend, stets mit ausgesuchter Freundlichkeit behandelt wurde, wir dagegen eher wie unerwünschte Besucher aus einem erwünschten Nachbarland.

Jena Baum 2

(Jena ist schön, ein Juwel, hier soll die Partnerschaft Wurzel schlagen. Bürgermeisterin Elisabeth Preuß im April 2007 vor dem Rathaus Jena mit Alt-OB Peter Röhlinger, OB Albrecht Schröter und Alt-OB Dietmar Hahlweg. Photo privat.)

Ganz wichtig und nicht vergessen werden durfte auch der Eintrag ins Hausbuch; penibel registrierte man jeden Besuch beim Hauswart. Daß Großmutter nach unserer Abreise gelegentlich noch Besuch von Herren in grauen Anzügen bekam, die freundlich, aber bestimmt nach den Gesprächsthemen fragten, wußten wir Kinder natürlich nicht. Schnell schlossen wir Freundschaft mit den gleichaltrigen Cousins, Briefe eilten hin und her. Später, nach Erreichen der Volljährigkeit und Erwerb des Führerscheins (für uns selbstverständlich, für unsere Cousins mit jahrelangem Warten verbunden), begannen Jena-Reisen mit einem völlig anderen Charakter.

Längst stand nicht mehr nur die Familie im Vordergrund, sondern Diskussionen über Politik und Zukunftsvisionen. Zusammen erkundeten wir Jena, besuchten das Romantikerhaus, das Zeiss-Planetarium, den Botanischen Garten, die Gewächshäuser. Jugendstil und Gründerzeit, Klassizismus und Goethes Laube im Frommann´schen Haus hielten wir durch die Fotolinse fest. Wir entdeckten: Jena ist schön, ein Juwel, auch wenn man gelegentlich durch eine Schicht Ruß oder durch den Zahn der Zeit hindurchschauen mußte, um das Zauberhafte zu entdecken.

Wir erwanderten den Jenzig, die Kernberge, die Leuchtenburg und die Schlachtfelder um Cospeda. Wir fuhren nach Naumburg, Kössen und Bürgel, nach Buchenwald, Weimar und zu den Dornburger Schlössern. Wir folgten den Spuren von Schiller und Goethe, von Fichte und Lenau.

Schon längst war uns klar, daß die Schätze unserer Kultur, unserer Vergangenheit, an der Grenze nicht enden, daß es jenseits von Stacheldraht und Todesstreifen weitergeht, daß die Teilung Deutschlands eine künstliche Naht, eine Widernatürlichkeit ist, der wir keinen Bestand zubilligen wollten. Eine Wiedervereinigung aber wagten wir allenfalls zu erträumen.

Die Bilder und Reportagen im Herbst des Jahres 1989 schließlich brachten den Beweis, daß kein Buch, kein Film aufwühlender sein kann, als das wirkliche Leben. Die Erinnerung an die Balkonszene in Prag, die Menschen auf der Mauer in Berlin, die Ankunft der ersten Trabis in Erlangen jagen mir heute noch Schauer des Glücks über den Rücken. Jena ist ins Zentrum Europas zurückgekehrt und kann mit seiner altehrwürdigen Universität, seiner Geschichte, der erfolgreichen Wirtschaft und seinen Traditionen und weltoffenen Bürgerinnen und Bürgern an den Geschicken und der Zukunft unseres Landes mitbauen.

Zum Schluß bleibt die inständige Hoffnung, daß die Jahre der Teilung Deutschlands, der Unterdrückung und Unfreiheit für 17 Millionen Deutsche nie in Vergessenheit geraten. Vor allem aber wünsche ich mir, daß die Bürgerinnen und Bürger unseres Landes begreifen: Unsere Demokratie ist um so stärker, je mehr Menschen sie mitgestalten. Unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung ist ein Kleinod, der Wachsamkeit und Mitarbeit von uns allen anvertraut.

Elisabeth Preuß, Bürgermeisterin Stadt Erlangen

03.04.2009
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