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Das Leben der Unseren

Wer einen gefunden hat, hat alle gefunden

(aus der Dokumentation "Das Leben der unseren", Stadt Erlangen 2007)

„Die Universitätsstadt Erlangen bemüht sich zurzeit, mit der Universitätsstadt Jena (DDR) in partnerschaftliche Beziehungen zu treten. Dabei soll auch das jüdische Leben in Jena nicht ausgespart bleiben. Es erweist sich jedoch als überaus schwierig, authentisches Informationsmaterial über jüdisches Leben in Jena – früher und heute – zu bekommen. Ich bitte daher Aufbau-Leser, die Kenntnisse von der früheren jüdischen Gemeinde Jena haben (vielleicht auch noch alte Dokumente besitzen) oder die über die Schicksale ehemaliger Jenaer Juden informiert sind, sich zu wenden an: Stadt Erlangen, Ilse Sponsel, Beauftragte für die Betreuung ehemaliger jüdischer Mitbürger, Rathaus, 8520 Erlangen, W. Germany.“

Dieser Aufruf mit der Überschrift „Informationen über Juden in Jena erbeten“ erschien am 2. Januar 1987 in Amerikas einziger deutsch-jüdischer Publikation „Aufbau“. Schon am 25. September 1986 hatte sich Ilse Sponsel an den Chefredakteur des Periodikums, Henry Marx, gewandt und darauf verwiesen, daß Erlangen die einzige Kommune in der Bundesrepublik mit einer eigenen Dienststelle für die Betreuung ihrer ehemaligen jüdischen Mitbürger sei. Ungeachtet der durch die politischen Verhältnisse schwierigen Umstände sehe sie es „als meine Aufgabe an – sollte die Partnerschaft mit Jena zustandekommen, auch die jüdischen Bewohner dieser Stadt in die Kontakte mit einzubeziehen und unsere Erlanger Mitbürger über jüdisches Leben in Jena (früher und heute) zu informieren.“

Sponsel-Balleis-Preuss

(Ilse Sponsel nach der verleihung des Ehrenrings beim Eintrag ins Goldene Buch der stadt Erlangen mit OB Siegfrid Balleis und Bürgermeisterin Elisabeth Preuß. Photo von Bernd Böhner.)

Doch wir müssen noch weiter zurückgehen. Schon ein Jahr zuvor hatte die Witwe des Altbürgermeisters Friedrich Sponsel in jener Sache, die ihr längst zum Herzensanliegen geworden war, an verschiedene Türen in der DDR geklopft. Aber weder die „Jüdische Landesgemeinde“ in Erfurt noch die „Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum für die Lutherischen Landeskirchen in der DDR“ vermochten Auskunft zu geben. Nicht einmal die Historiker, die bereits zum Thema „Juden in Jena“ geforscht hatten, konnten weiterhelfen. Eine Anfrage beim Stadtarchiv Jena vom 26. August 1986 schließlich – wen wundert es, wenn man weiß, daß selbst Schreiben des Erlanger Oberbürgermeisters das gleiche Schicksal erlitten! – blieb schlichtweg unbeantwortet.

An so einem Punkt angekommen, gibt man gemeinhin auf, es sei denn man hat sich seiner Sache verschrieben. Und so schrieb denn Ilse Sponsel an den „Aufbau“ und an dessen Leser. Freilich bedurfte es auch hier noch mehrerer „Nachbohrungen“, bis der Aufruf endlich erschien. Aber dann trafen gleich die ersten Briefe aus den USA im Erlanger Rathaus ein, auf Umwegen meldete sich ein Alt-Jenaer aus Israel, sogar ein Herr aus Mönchengladbach. Alle in Jena geboren. Aber mehr als sechs Personen sollten es nicht mehr werden, und nur zwei von ihnen konnten einer Einladung in die alte Heimat folgen. Doch vorher nochmals zurück in die Vor-Wende-Zeit:

Zum Gedenken an den 50. Jahrestag der Reichspogromnacht reiste Ilse Sponsel auf Einladung der „Jüdischen Landesgemeinde Thüringen“ im November 1988 nach Erfurt. Aber es sollte ihr nicht gelingen, mit den angeblich anwesenden jüdischen Gästen aus Übersee in Kontakt zu treten. Jenaer Juden waren ohnehin nicht darunter. Doch das war auch das Jahr, von dem an die ehemaligen Jenaer Juden in die Glückwünsche einbezogen wurden, die seit den 70er Jahren im Auftrag des Erlanger Oberbürgermeisters – bis heute! – zu Geburtstagen und anläßlich der jüdischen Fest- und Feiertage in alle Welt gehen. Erst nach der Wende wurde bekannt, daß sich schon 1985 der „Jenaer Arbeitskreis Judentum“ gegründet hatte, initiiert und geleitet vom heutigen Oberbürgermeister Albrecht Schröter, damals noch evangelischer Pfarrer im Sprengel der Lutherkirche. Er übernahm von Ilse Sponsel denn auch 1991 den Stab, sprich die Betreuung der ehemaligen Jenaer Juden, und tut bis heute alles, um die Verbindungen lebendig zu halten.

Im November 1995 kam es dann zu der historischen Begegnung, auf die beide so lange hingearbeitet hatten, die beiden aus dem geteilten Deutschland, die sich in ihrer Verantwortung gegenüber der gemeinsamen Geschichte geeint wußten und darüber eine wunderbare Freundschaft schlossen. Elfriede Lorch, geb. Eckstein, und Charles Friedman mit seiner Frau Lilli hielten sich, eingeladen vom damaligen Oberbürgermeister Peter Röhlinger, mehrere Tage in Jena auf und nahmen an den Gedenkfeiern zur Reichspogromnacht teil. Auf dem Bahnsteig 1 des Westbahnhofes sprach Charles Friedman den Kaddisch, das traditionelle Totengebet der Juden. Seine Großmutter, Klara Friedmann, wurde von hier aus nach Theresienstadt deportiert, wo sie mit anderen Jenaer Leidensgenossen ums Leben kam.

„Wir wohnten im gleichen Hotel, hatten engen persönlichen Kontakt, es herrschte eine große Harmonie. Die Feierlichkeiten waren erhebend, dank dem Arbeitskreis um Albrecht mit großer Beteiligung der Bevölkerung. Jena, auch das verbindet uns, hat ja ebenfalls eine braune Vergangenheit, die Uni dort war nicht minder stramm nationalsozialistisch wie unsere. Und jetzt die tolle Aktion vom Theaterhaus und den vielen Initiativen. Die Zeremonie werde ich nie vergessen: Ein Davidstern aus Teelichtern auf dem Boden leuchtete im Dunkeln. Die Feier dauerte genauso lange, bis die Kerzen ausgingen. Es war ja dunkel, im November. Erst dann gingen wieder die Straßenlaternen an, alle Zufahrten waren gesperrt. Darauf zogen wir zum Gleis mit der Gedenktafel. Ganz tief berührte uns alle der Kaddisch für seine Großmutter und alle anderen. Darauf eine ziemlich lange Pause. Das mußten wir erst alle verdauen. Später das There-sienstädter Requiem im Theaterhaus.“ Die Grande Dame der Versöhnung, zweifach ausgezeichnet mit der Yad-Vashem-Medaille, spricht klar, ohne zu stocken, kein Detail ist vergessen. Jedes Wort ein Kleinod deutsch-jüdischer Zeitgeschichte, ein Stein auf das Grab der Erinnerung, ein Echo der letzten Zeugen des Holocaust.

Sponsel

Jena hat seine Juden wieder. Aber die Briefe mit den Glückwünschen gehen noch immer auch von Erlangen aus über den Großen Teich. Und die Zeitungsberichte der „Erlanger Nachrichten“, die von Jena handeln, bringt die Post in Kopie an Elfriede Lorch, Charles Friedman und Paula Ehrenberg (sie war schon 1995 nicht mehr reisefähig). Sie wissen also von den Vorbereitungen zum 20jährigen Partnerschaftsjubiläum und gratulieren schon jetzt zu dieser gelungenen Verbindung, dank der sie noch einmal, noch ein letztes Mal, ihre ferne Heimat sehen konnten, eine Heimat, die ihnen nun nicht mehr fremd ist.

P.S.: Am 8. September plant die NPD in Jena ein „Fest der Völker“, gegen das sich ein breites Bündnis des demokratischen Widerstands in Stellung bringt. Die Oberbürgermeister beider Städte wenden sich vereint gegen Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus, Stadträte und Bürger aus Erlangen beteiligen sich an den Kundgebungen. Ilse Sponsel, seit Jahren gehbehindert, erklärt spontan, als sie davon erfährt: „Mit meinem Rollstuhl und in meinem Alter kann ich da nicht mehr hin, aber ich unterschreibe jeden Aufruf, der die Stimme des anständigen Deutschlands hörbarer macht.“ Erlangen und Jena dürfen stolz sein auf diese Stimme.

Peter Steger

Die Texte und Bilder sind ausschließlich für nichtgewerbliche Zwecke bestimmt. Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte liegen bei der Stadt Erlangen. Zuwiderhandlungen ziehen rechtliche Konsequenzen nach sich.

29.07.2009
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