Sie haben Javascript deaktiviert und können somit nicht alle Funktionen dieser Website benutzen. Um Ihnen ein bestmögliches Surferlebnis zu ermöglichen, sollten Sie Javascript in Ihrem Browser aktivieren.

Das Leben der Unseren

Von Flucht und Freiheit

(aus der Dokumentation "Das Leben der unseren", Stadt Erlangen 2007)

„Der Gedanke, mein Leben lang hinter der Mauer sitzen zu müssen und nichts von der großen weiten Welt sehen zu dürfen, machte mich fast krank.“ Wenn Katharina Bobzin aus ihrem Leben erzählt, scheint dieser Satz aus ihrer Flucht-Dokumentation ständig präsent. 1969 hatte sich die gebürtige Jenaerin, damals 22 und mitten im Studium, dafür entschieden, die DDR zu verlassen – auf Wegen, die in der Stasi-Akte der Familie als „nicht aufgeklärt“ abgehakt werden mußten. Für Bobzin noch heute ein Triumph, den sie mit einem verschmitzten Lächeln kommentiert. Überhaupt läßt sich in dem zwölfseitigen Flucht-bericht ein fast schon übermütiger Mut herauslesen, ein Tun solcher Art, das einen im Nachhinein vor sich selbst erschrecken läßt. Ein Handeln, das für Bobzin letztlich aber nur logische Konsequenz aller Erlebnisse und Befürchtungen sein konnte, die ihre „Diktaturjahre“ zu bieten hatten. Da war der Vater und seine strikt oppositionelle Haltung gegenüber dem Regime. Da waren die Denunziationen, oft klein, aber prägend, wie zum Beispiel die in einem Kaufhausschaufenster aufgebaute Klopapierpyramide mit daran befestigten Pappschildern, mit Namen, Fotos und voller Anschrift versehen und mit der Aussage „Wir haben Klopapier gehamstert“ übertitelt. Da warenSchulkameraden und der Klassenlehrer, die aus „politischen Gründen“ von der Schule gewiesen wurden. Da war die stetige Bevormundung. Und eben die Sehnsucht „nach draußen“.

Schon immer von Fremdsprachen und anderen Kulturen fasziniert, beginnt die junge Frau 1965 an der Humboldt-Universität Berlin das Studium der Arabistik und sieht sich als angehende Geisteswissenschaftlerin – zudem aus einer Akademikerfamilie stammend – einem besonderen Argwohn des Staatsapparates ausgesetzt. Aufgrund oppositionellen Verhaltens – sie habe auf einer studentischen Pflichtversammlungen DDR-feindliche Äußerungen gemacht, außerdem sei sie in der evangelischen Studentengemeinde „aktiv“ – wird ihr im Oktober 1968 die Exmatrikulation angedroht. Einige Wochen vorher unterschreibt sie – da die Verweigerung möglicherweise ein Ende des Studiums bedeutet hätte – noch die Erklärung, die allen Studenten vorgelegt wird und die dem Staat und seinen „Maßnahmen“ umfassende Loyalität zusichert und ein begrüßendes Ja zur gewaltsamen Niederschlagung des Prager Frühlings abgibt. Für sich selbst beschließt Katharina Bobzin die Flucht.

Bobzin

(Katharina Bobzin (3. v. r.) als Erlangerin in der Heimatstadt Jena. Photo von Hilde Stümpel.)

Von den neun Geschwistern ist es sie, eines der beiden Mädchen, der diese zuerst gelingt. Drei der Brüder machen es ihr ein Jahr später auf gleicher Route nach. Der älteste Bruder ist bereits im Westen, von der Bundesregierung aus dem Stasi-Gefängnis Bautzen freigekauft. Wegen „Staatshetze und versuchter Republikflucht“ war er verurteilt worden, hatte vorher, in der sechsmonatigen Untersuchungshaft, völlige Isolation ertragen müssen.Einer der beiden noch in der DDR lebenden Brüder wird einige Jahre später in die Partei eintreten, um beruflich aufsteigen zu können. „Ich konnte es nur schwer verstehen, mußte es aber akzeptieren. Wenn da Familie ist, sehen die Dinge oft anders aus“, sagt sie dazu. Selbst baut Katharina Bobzin sich in der Bundesrepublik ein neues Leben auf. Von der Flucht wissen 1969 nur ihre Mutter und die beste Freundin. Auch im Westen wird sie nicht zu einem offenen Buch. Zu schnell sei bestimmten Leuten ein „Ihr habt es doch alle gut da drüben“ oder etwas Ähnliches über die Lippen gekommen. Immer sind es nur die besten Freunde, die „Bescheid wissen“. Die nun Bundesdeutsche setzt ihr Studium in Heidelberg und Marburg fort, wo sie 1975 den Abschluß zur Diplompädagogin mit dem Zusatzfach Arabistik macht und ihren Zukünftigen kennenlernt. Sie genießt die gewonnene Freiheit, geht mit ihrem Mann und einem DAAD-Stipendium für ein Jahr nach Damaskus. 1976 erhält Hartmut Bobzin eine Assistentenstelle in Erlangen, das Ehepaar kommt nach Franken, Sohn und Tochter werden geboren. Den Kontakt nach Jena verliert die Geisteswissenschaftlerin dabei nie. Mit dem 1971 geschlossenen „Grundlagenvertrag“ gibt sie glücklicherweise ihre DDR-Staatsbürgerschaft auf, was ihr erst die Einreise „nach drüben“ wieder ermöglicht. Zwei Mal im Jahr besucht sie von da an Eltern und Freunde in Jena, aber der Grenzübertritt ist kein angenehmes Unterfangen. Nie werde sie den unheimlichen Anblick der mindestens zwanzig Soldaten mit Schäferhunden am Grenzbahnhof in Probstzella vergessen, die jedes Mal auf Höhe der Lokomotive Stellung bezogen, um zur Durchsuchung des Zuges anzusetzen. Anspannung, Schweigsamkeit – auch ihre Kinder verstehen. Bei einem Ausflug nach Nürnberg im Sommer 1988 wünscht sich der neunjährige Sohn beim Wunschringdrehen am Schonen Brunnen „daß die Mauer weg wird“. Im selben Jahr fährt Bobzin mit einer Erlanger Delegation in Sachen Partnerschaft nach Jena. Mit einem Kollegen betreut sie eine Fotoausstellung, die Eindrücke vom Leben in Erlangen nach Jena bringen sollte. Es ist ihr erster Besuch in der DDR aus einer anderen, einer „offiziellen“ Warte. Ein Besuch, der ihr die wirklichen Ausmaße des Staatssicherheitsapparates in aller Deutlichkeit vor Augen führt. Die Ausstellung findet im Rathaus statt – und ist von der Öffentlichkeit, die ja eigentlich angesprochen werden sollte, weitgehend abgeschirmt. Beim Essen in der Rathauskantine setzen sich Leute mit an den Tisch, die einen einschlägigen Eindruck machen. Leute, die „Schutzwall des Friedens“ statt „Mauer“ sagen. Der Gast kennt die Euphemismen – und was diese zu verstecken suchen. Während ihres Studiums in Berlin hatte sie sich Geld mit Dolmetschereinsätzen verdient und war von den begleitenden „Genossen“ für Ihresgleichen gehalten worden. Für ausländische Delegationen übersetzend, erlebt sie zwischen Neugier und Schrecken die gelegentlich sogar rassistischen Äußerungen der Funktionäre – „Spießbürgers Sozialismus“, der, wie sie sagt, der „offiziellen Propaganda oft diametral entgegenstand.“ Als Jugendliche, meint Bobzin, habe sie dem Prinzip des Sozialismus eine Zeitlang etwas abgewinnen können. Doch nach und nach habe sie grundlegende Fehler entdeckt, die spürbare Kluft zwischen Oberfläche und eigentlichem System – und seiner Gefährlichkeit. All dies hat Narben hinterlassen. Narben, die heute wütende Tränen fordern.

Von der großen, weiten Welt hat Katharina Bobzin inzwischen viel gesehen – und von der kleinen, begrenzten Welt der ehemaligen DDR so viel zu erzählen. Möge es viele Ohren geben.

Katharina Baur, Erlangen, FAU

Die Texte und Bilder sind ausschließlich für nichtgewerbliche Zwecke bestimmt. Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte liegen bei der Stadt Erlangen. Zuwiderhandlungen ziehen rechtliche Konsequenzen nach sich.

05.05.2009
» zurück zur Übersicht