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Das Leben der Unseren

Gemeinsame Wege

(aus der Dokumentation "Das Leben der unseren", Stadt Erlangen 2007)

„Das ist alles Jena“, strahlt Dinah Radtke, Mitgründerin des „Zentrums für Selbstbestimmtes Leben Behinderter e.V.“ und Leiterin der Beratungsstelle, beim Blättern in ihren fast 20 Jahre zurückreichenden Unterlagen. Eigentlich habe sie ja gar keine Zeit für das Gespräch, zu viele Termine. Und dann ist auch noch der Lift ausgefallen, so daß das Treffen verschoben werden mußte. Aber für Jena ist allemal eine Stunde Luft drin.

„Eine aufregende Zeit war das, unser Zentrum noch in den Kinderschuhen, und schon halfen wir bei der Gründung neuer Zentren in Regensburg, München, Würzburg – und eben auch in Jena“, erzählt sie weiter. 1990 hatten Dinah Radtke und der mittlerweile verstorbene Wolfgang Uhl in Erlangen den „Dachverband Selbstbestimmtes Leben“ initiiert. Und der strahlte aus und wuchs bis nach Thüringen hinein. „Oft waren wir da in Jena, und wir hatten auch viel Besuch, den wir immer privat unterbrachten.“

In der allgemeinen Aufbruchstimmung wollten die Jenaer Behinderten sich nicht den etablierten Verbänden anschließen, sondern ließen sich für den Gedanken des selbstbestimmten Lebens begeistern, der davon ausgeht, daß Betroffenen andere Betroffene und deren Angehörige viel kompetenter beraten können. „Es gab ja so viele Fragen: Woher bekommt man Assistenz? Wie geht man mit Zivis um? Welche öffentlichen Fördergelder gibt es?“ Lange könnte Dinah Radtke diese Liste fortsetzen.

In der DDR gab es im Unterschied zur BRD die sogenannte Invalidenrente. Diese Unterstützung blieb den Behinderten auch nach der Wende, aber meist verloren sie den bis dato garantierten Arbeitsplatz. „Trotzdem gab es da keine Weinerlichkeit. Die Leute hatten immer einen realistischen Blick“, lobt die Gastgeberin im Rollstuhl. „Sie sahen viel mehr die Chancen der neuen Zeit. Und übrigens konnten wir auch viel von deren Erfahrungen lernen. Wir haben uns da nie überlegen gefühlt.“ Behindert in der DDR, wie das wohl war? „Wenn man Freunde und Familie hatte, die einen mitzogen, kam man ganz gut zurecht, vor allem, weil man studieren und arbeiten konnte, wenn auch nicht unter behindertengerechten Bedingungen. Bei uns hat man ja schon in den 70ern die Heime gebaut und Behinderte an den Rand gedrängt. Man saß entweder im Heim oder zu Hause.“

Barbara Vieweg, Gründungsmitglied des Zentrums in Jena und heute Geschäftsführerin des Dachverbands, dem fast 30 Mitgliedsorganisationen bundesweit angeschlossen sind, schrieb in der 1997 herausgegebenen Broschüre „Berichte von Menschen mit Behinderungen in Erlangen und Jena“: „Wir haben als Behinderte in Jena nicht die Absicht, das Fahrrad noch einmal zu erfinden. Dennoch wollen wir in unserer Arbeit unsere eigenen Erfahrungen machen und diese dann in unsere Bewegung einbringen.“ Das kann Dinah Radtke nur bestätigen: „Die sind ganz stark in Thüringen. Jena und Kassel teilen sich jetzt die Leitung des Dachverbands, wobei die inhaltliche Arbeit und ein großer Teil der Verwaltung von Jena aus gesteuert werden. Und richtig kämpferisch sind die. An einem unserer Protesttage, einem 5. Mai, haben sie mitten in der Stadt ein Pflegebett aufgestellt, um auf die Mißstände bei der Assistenz für Behinderte hinzuweisen.“

Die Städtepartnerschaft hat Spuren hinterlassen: Die Verwaltung unter Peter Röhlinger öffnete sich früh für die Bedürfnisse der Behinderten, und so wurde nach Erlanger Vorbild schon 1992 eine Beratungsstelle eingerichtet. „Die Stadt war ganz toll. Man hat sogar für unsere Zwecke Räume in einem Kindergarten bereitgestellt“, freut sich Dinah Radtke noch heute für ihre Freunde aus Jena. Betriebsausflüge von dort nach hier und umgekehrt (etwa zum Weihnachtsmarkt oder zu den Schlachtfeldern bei Cospeda) gehören ebenso zur Zusammenarbeit wie Ausstellungen, die schon 1990 ihren Anfang nahmen.

Und wie geht es in der Behindertenarbeit beider Städte weiter? Am 20. Oktober richtet Jena das Treffen aller deutschen Mitgliedsorganisationen der Interessenvertretung „Selbstbestimmtes Leben“ aus. Dinah Radtke hat den Termin im Kopf: „Wir gehen gemeinsame Wege, wie es schon in einer Ausstellung 1991 hieß, die wir in Jena zeigten.“ Beispiel gefällig? Die Jenaer Behinderten haben mobile Rampen für die Straßenbahnwaggons durchgesetzt, in Erlangen hat man erreicht, daß alle Busse barrierefrei genutzt werden können. Wenn Erlangen und Jena bundesweit weiter gemeinsam die Interessen von Menschen mit Behinderungen vertreten, ist Deutschland auf einem guten Weg.

Peter Steger

Die Texte und Bilder sind ausschließlich für nichtgewerbliche Zwecke bestimmt. Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte liegen bei der Stadt Erlangen. Zuwiderhandlungen ziehen rechtliche Konsequenzen nach sich.

29.07.2009
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