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Das Leben der Unseren

Mehr als Erinnerungen

(aus der Dokumentation "Das Leben der unseren", Stadt Erlangen 2007)

„Will ich in mein Gärtlein gehen, will mein Blumen gießen,

Steht ein bucklicht Männlein da, fängt gleich an zu niesen.“

Setz ich mich ans Rädlein hin, will mein Fädlein drehen,

Steht ein bucklicht Männlein da, läßt mir’s Rad nicht gehen“

Diese Liedstrophen aus meiner Kinderzeit fallen mir ein, wenn ich mich, ausnahmsweise ohne Arbeitsauftrag, in meinem Garten ergehe und dabei an dem Ginkgo-Baum vorbeikomme, den ich 1991 in der Hoffnung gepflanzt habe, irgendwann eine beschauliche Bank in seinem Schatten zur Erinnerung an Vergangenes aufzustellen - und zum meditativen Genuß der „städtischen Natur“, die wir uns rund um unser Haus aufgebaut haben.

Inzwischen bin ich an der Schwelle des Ruhestands angelangt, aber der Baum, den ich 1991 vom Kustos der Dornburger Schlösser, aus Anlaß einer Abendmusik im „Alten Schloß“ erhielt, ist noch nicht wesentlich höher als ich lang bin und von einem Format, unter dem man eine Erinnerungsbank aufstellen könnte, noch weit entfernt. In diesem Fall war „das bucklicht Männlein“ meine Unkenntnis darüber, wie langsam der Ginkgo tatsächlich wächst, und daß es sicher eine Generation braucht, bis aus einer stämmigen Topfpflanze von 40 cm Höhe ein schatten- und ruhespendender Baum wird! Doch wie kam es überhaupt dazu, daß die Dornburger Schlösser und der Genius loci, Goethe, begannen, eine Rolle in meinem Leben zu spielen?

jena-Schlösser

(Die Dornburger Schlösser. Damals wie heute immer einen Ausflug wert. Photo aus dem Archiv der Stadt Jena.)

1988 hatte ich mich entschlossen, aus dem Angestelltenverhältnis in einem Konzern auszuscheiden und mich als Unternehmensberater selbständig zu machen. Da kam mir ein Angebot der Stadt Erlangen, unmittelbar nach dem Mauerfall mit einer Unternehmerdelegation die Partnerstadt Jena zu besuchen, sehr gelegen, denn ich hatte vor – solange das noch möglich war –, das Rechnungswesen der DDR-Betriebe kennenzulernen und mich dann als Berater und Seminarredner für die östlichen Bundesländer zur Verfügung zu stellen. Aus diesem Besuch wurde zunächst ein 14tägiger Aufenthalt zum Studium des „sozialistischen“ Rechnungswesens und dann der Auftrag, den ehemalig mittelständischen Betrieb „Glasofenbau“ in die Privatisierung zu begleiten. Hinzu kam eine Fülle von Seminar- und Beratungsaufträgen in Berlin, Karl-Marx-Stadt, in Thüringen und Sachsen.

Wenn ich an die erste Zeit meiner Tätigkeit im Osten des wiedervereinten Deutschlands und besonders in Jena denke, sind mir zwei Begriffe im Gedächtnis: Die ständige Notwendigkeit zur Improvisation und das große menschliche Entgegenkommen in der für mich ungewohnten neuen Umgebung, jedenfalls bei fast allen Personen und den meisten offiziellen Stellen. Natürlich spielte auch das „bucklicht Männlein“ aus der Einleitung immer wieder eine Rolle, indem es zunichte machte, was ich erwartete, was wir vorhatten, oder daß es doch wenigstens versuchte, mir die Freude am Erreichten zu vergällen.

Eine der ersten Aufgaben in dieser Anfangszeit war es, eine Übernachtung für meine zwei- bis dreitägigen Beratungsaufenthalte in Jena zu finden: Da wechselten Privatquartiere mit der Übernachtung im Jenaer Sportinternat oder mit der Freizeiteinrichtung eines Braunkohlekombinats im nahegelegenen Tautenburg. Immer hatte ich das Gefühl, willkommen zu sein und im Rahmen des Möglichen gut versorgt zu werden. Eingeprägt hat sich mir ein Abend, als ich, müde von einem langen Arbeitstag, nach Tautenburg kam, nur um zu erfahren, daß mein Quartier heute Ruhetag hätte und ich daher nicht wie gewohnt in dem als „Gaststube“ abgeteilten Raum der Festhalle der Freizeiteinrichtung ein Abendessen bekäme. Etwas enttäuscht, gelang es mir, im örtlichen Konsum noch etwas Eßbares zu bekommen und mich damit in mein zwar ungemütliches, da noch nicht renoviertes, aber mit seiner herrlichen Talsicht lockendes Zimmer zurückzuziehen. Nach etwa einer Stunde klopfte es, und meine Wirtsleute brachten mir einen Teller, reich gefüllt mit Thü-ringer Rostbrätel. Sie hatten den freien Abend genutzt, um zwischen den vielen Renovierungsarbeiten in Eigenleistung an der verwohnten Freizeiteinrichtung auch mal im Familien- und Freundeskreis zu „feiern“, und daran wollten sie ihren einzigen Gast auch teilhaben lassen. Es war dies meine erste Begegnung mit dieser Spezialität, die seither, wohl auch durch die Umstände des Kennenlernens, einen besonderen Platz in meinem Speiseplan einnimmt.

Mein Übernachtungsproblem löste sich erst, als ich, auch bei einem der Abendessen in Tautenburg, mit dem damaligen Leiter der Sternwarte der Universität Jena zusammenkam. Dieses Observatorium liegt auf Tautenburger Gebiet mitten im Wald, abseits vom Licht der benachbarten Stadt und ist seit alters her eingerichtet, Forscher in ihren Mauern zu beherbergen. Wir fanden im vollbesetzten Gastraum gerade noch einen Tisch, und im Anschluß an eine sehr angeregte und für mich ertragreiche Unterhaltung bot mir mein Gastgeber an, doch bei künftigen Besuchen in der Sternwarte zu übernachten. Ich nahm die Einladung natürlich mit Begeisterung an, versprach sie mir doch, zu einem annehmbaren Preis abends wirklich abschalten zu können!

Aus meinem „Schnupperpraktikum“ hatte sich in fließendem Übergang mein erster Privatisierungsauftrag ergeben, und so war ich damals oft in Jena, um eine Eröffnungsbilanz zu erstellen und gemeinsam mit dem Betriebsleiter nach einer wie auch immer gearteten Zukunft für seinen Betrieb zu suchen. Dessen Chef hat mich übrigens sowohl in seiner Führungskompetenz als auch in seiner praktischen Verbundenheit mit seinem Produkt „Glasentspannungsöfen“ sehr beeindruckt. Während der Arbeitszeit versuchten wir gemeinsam, dem Unternehmen eine neue Zukunft zu geben, intensiv unterstützt von Mitgliedern der nächsten Führungsebene, die ihrerseits Nachkommen der ursprünglichen Eigentümer oder wirklich loyale Mitarbeiter wa-ren. An den Spätnachmittagen und einem gelegentlichen Samstag führte mich mein Partner durch Jena und Umgebung, oder wir verbrachten die Zeit in seinem Refugium in der Laubenkolonie.

Jena Altes Rathaus

(Das historische Rathaus und die "Keksrolle" in Jena, 1987. Photo von Udo B. Greiner.)

Einer dieser Besuche führte uns zu den Dornburger Schlössern. Ich staunte darüber, wie - zumindest für diese Gegend – ungewohnt aufgeräumt und einladend der ganze Komplex war und erkundigte mich nach den näheren Umständen. So erfuhr ich, daß die Schlösser von der Kulturstiftung Weimar verwaltet wurden und man als Kustos den Leiter der Schloßgärtnerei eingesetzt hatte. Der nun versuchte, nicht nur die Anlage in Ordnung zu halten, sondern zusätzlich aus der Gärtnerei durch gelegentliche familiär organisierte Bewirtung Mittel für die Instandhaltung des Areals zu erwirtschaften.

Damals war ich Mitglied in einer Kammermusikgruppe und immer auf der Suche nach stimmungsvollen Orten für Konzerte. So kam dann auch das Konzert im Alten Schloß zustande, dem ein zweites folgte, später auch ein Auftritt unserer Kammermusikgruppe bei den Osterfestspielen in Weimar. Da dort keine geeignete Übernachtungsmöglichkeit zur Verfügung stand, quartierte sich unsere Gruppe im Alten Dornburger Schloß ein. Der Blick vom Schlafzimmer über das Saaletal hat sich uns tief eingeprägt.

Bei dieser Nachbetrachtung darf auch die seltsame allumfassende „Ausverkaufsmentalität“ nicht unerwähnt bleiben, die sich rasch trennte von allem, was an den ungeliebten SED-Staat erinnerte. Das betraf sogar Buchhandlungen und – für mich als langjähriges Mitglied einer Kantorei kaum nachvollziehbar – Notengeschäfte, die nun die Produktion der letzten Jahrzehnte verramschten. So kam ich in diesen Tagen zu einer ganzen Sammlung der Kantaten von Johann Sebastian Bach und zahlreichen Büchern aus der literarischen und populärwissenschaftlichen Produktion der DDR. Und das auf einem Niveau, das mich bis heute in Erstaunen versetzt! – Eine echte Fundgrube also!

Arbeiten in Jena nach der Wende: Meine überwiegend positiven Erinnerungen verdecken sicher manche Problematik: Fachlich war da die Bewertung der Bilanzpositionen, die nach „unserem“ Recht zu erfolgen hatte, aber gleichzeitig die gegebenen Voraussetzungen der vergangenen Jahrzehnte berücksichtigen mußte. Da war auch die Frage nach den verbliebenen Märkten: Inwieweit würde es möglich sein, den Bestand von Investitionsgüter produzierenden Betrieben dadurch zu sichern, daß die alten Verbindungen unter den neuen Verhältnissen genutzt werden könnten? Hier hat wieder mein „bucklicht Männlein“ Schwierigkeiten gemacht: Die notwendigen Kreditgarantien für Folge- bzw. Anschlußaufträge (Hermes) in Rußland hatten eine so lange Genehmigungsdauer, daß in der Zwischenzeit die damals sehr hektische Wirtschaftsentwicklung längst darüber hinweggegangen war.

So wertvoll die Einschaltung der Treuhand für die Umstellung der Ostwirtschaft auf die Voraussetzungen des globalen Kapitalismus war, so spezifisch ergaben sich vor Ort daraus immer wieder Schwierigkeiten: Jena hatte das Glück dank seinen beiden Großunternehmen Jenaer Glas und Jenoptik besonders effizient und gut vertreten zu sein. Für die übrigen Jenaer Betriebe aus dem Mittelstand erwuchsen daraus aber Prioritätsprobleme, die manchmal zu grotesken Situationen führten. Das lag natürlich auch daran, daß in dieser Umbruchzeit mehr Mitarbeiter erforderlich waren, als in geeigneter Form rasch zur Verfügung standen. Natürlich auf beiden Seiten: bei „uns“ Beratern, aber auch auf Seiten der durch die Treuhand beschäftigten Spezialisten. Wieder ein Phänomen, das mich an mein „bucklicht Männlein“ gemahnt. Eine der negativsten Erinnerun-gen ist die Auskunft eines Treuhandvertreters nach mehrmalig wiederholter Anforderung einer für „meinen“ Betrieb wichtigen Unterlage, die entsprechenden Papiere seien leider „nachts aus dem verschlossenen“ Kofferraum eines Mitarbeiters verschwunden und könnten daher nicht zur Verfügung gestellt werden. Es dauerte weitere zwei Wochen, bis wir die für uns relevanten Unterlagen schließlich erhielten. Leider lief da, anders als zu Beginn, nichts mehr ohne die für Jena zuständige örtliche Treuhandniederlassung in Gera.

Ich habe diese Gedanken an die Zeit der Wende „Mehr als Erin-nerungen“ genannt und wollte damit ausdrücken, daß sie auch für mich persönlich eine über den Anlaß hinaus prägende Bedeutung haben: Unser gemeinsames Deutschland ist ganz bestimmt für mich durch meine Jahre in den neuen Bundesländern – besonders in Jena - anders geworden. Neben manch Schwierigem, was sich aus dem Auseinanderdriften unserer Gesellschaften über nahezu 50 Jahre ergeben hat, bleibt für mich die überragende positive Erfahrung gegenseitiger Menschlichkeit und die gemeinsame Freude darüber, die negativen Eingriffe unseres „bucklichten Männleins“ immer wieder zu überwinden.

Reiner Hesse, Erlangen

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29.07.2009
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