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Das Leben der Unseren

Zwei „Schülerlotsen“ an der Grenze

(aus der Dokumentation "Das Leben der unseren", Stadt Erlangen 2007)

Als die bis an die Zähne bewaffneten Grenzpolizisten mit ihren Spürhunden den Bus betreten, wird es mucksmäuschenstill. Das eben noch aufgeregte Geplapper der Jugendlichen erstirbt. Die Hunde schnüffeln aufgeregt jeden Insassen ab, die Polizisten mustern jeden Ausweis kritisch.

Die Grenzanlage war schon von weitem zu sehen. Hohe Mauern und Wachtürme, Flutlichtmasten und Stacheldraht. Auf der anderen Seite der Absperrung sprechen die Menschen dieselbe Sprache. Trotzdem betreten die Zehntkläßler des Erlanger Marie-Therese-Gymnasiums (MTG) ein anderes Land, eine andere Welt – sie verlassen für ein paar Tage das „kapitalistische“ Westdeutschland und betreten das „sozialistische“ Ostdeutschland, umgeben von Mauer und Stacheldraht. Spätestens jetzt wird vielen der jungen Businsassen klar, daß sie mit der Einreise in die DDR Neuland betreten würden.

Organisiert hat diesen ersten Schüleraustausch 1989, kurz vor der Wende, Rudolf Schloßbauer. Schüler des MTG besuchten Gleichaltrige des Anger Gymnasiums in Jena. Die Vorbereitung bedurfte großer Überzeugungsarbeit auf beiden Seiten – in Jena und Erlangen.

Schloßbauer

(Frank Schenker und Rudolf Schloßbauer (v.l.n.r.) wie eh und je tatkräftig für die Schulen und die Jugend vereint. Photo privat.)

Von der Grenzanlage stehen heute nur noch vereinzelt Wachtürme zur geschichtlichen Dokumentierung. Die Mauern sind eingerissen, der Stacheldraht entfernt. Es gibt sie höchstens noch im Kopf einzelner Menschen, die nicht mehr an das Zusammenwachsen von West- und Ostdeutschland glauben.

„Jugendliche sind viel spontaner und offener als Erwachsene. Das reservierte Verhalten bei Funktionärstreffen der Partnerstädte war nicht zu vergleichen mit dem herzlichen Empfang in Jena, als die Jugendlichen aufeinandertrafen“, meinte Schloßbauer mit einem Lächeln im Gesicht.

Die Motivation, den ersten Schüleraustausch 1990 zu organisieren, sah der damalige Stadtschulrat darin, die innerdeutsche Städtepartnerschaft zu vertiefen – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn die bis dahin sehr förmlich abgehaltenen Treffen zwischen den Verantwortlichen aus den Rathäusern, ließen wenig Raum für Freundschaften. Die Partnerschaft diente zu Beginn vor allem politischen Zwecken. „Einen Beitrag zur Friedenssicherung, Abrüstung und zur Entspannung“, wie in der Vereinbarung zwischen Jena und Erlangen 1987 zu lesen ist. Doch der passionierte Pädagoge wollte der Städtepartnerschaft durch den Schüleraustausch einen emotionalen Zug verleihen. „Die Unterbringung der Erlanger Schüler in Jenaer Familien war eine Abkehr von der bisherigen Kasernierung der Gäste und ließ viel mehr Gefühl zu.“ Das war auch der Grund, warum Schloßbauer damals vor allem in Jena so viel Überzeugungsarbeit leisten mußte. Die Systemtreue steckte noch in vielen Köpfen. „Und wenn da nicht mein Freund und Kollege, Frank Schenker, auf der anderen Seite die gleichen Ziele verfolgt hätte, wäre nichts aus den schönen Plänen geworden.“

Die Mühe hat sich gelohnt: „Mit dem Schüleraustausch haben Frank und ich den Mut gezeigt, ein Zeichen zu setzen. Wir wollten die Schüler motivieren, das nur aus den Geschichtsbüchern bekannte Deutschland für sich zu entdecken. Heute fahren die Gruppen von damals zueinander, und es haben sich feste Freundschaften gebildet.“

Deshalb sieht der Träger der Bürgermedaille der Stadt Erlangen in den Jugendlichen die Zukunft der Städtepartnerschaft zwischen Jena und Erlangen: „Partnerschaften sind dann gelungen, wenn sie zu mitmenschlichen Selbstläufern werden. Unsere Partnerschaft ist an diesem Punkt angekommen. Es zeigen sich erste Früchte, der Prozeß ist aber noch lange nicht abgeschlossen.“

Katrin Meistring, Erlangen, FAU

Die Texte und Bilder sind ausschließlich für nichtgewerbliche Zwecke bestimmt. Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte liegen bei der Stadt Erlangen. Zuwiderhandlungen ziehen rechtliche Konsequenzen nach sich.

29.07.2009
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