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Das Leben der Unseren

Auch für das Rote Kreuz schließt sich der Kreis

(aus der Dokumentation „Das Leben der unseren“. Stadt Erlangen, 2007)

„Genau weiß ich es nicht mehr, aber gegen 7 Uhr am Samstag nach dem Mauerfall muß es gewesen sein, daß mich Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg zu Hause anrief und meinte, ich wüßte ja, was in der Nacht geschehen sei. Wir müßten uns auf Besuch aus Jena einstellen. Aber was dann passierte, konnte sich keiner vorher ausmalen“, erinnert sich Jürgen Üblacker, Direktor des Bayerischen Roten Kreuzes, Kreisverband Erlangen - Höchstadt. „Um 8.30 Uhr saß ich im Rathaus bei der Lagebesprechung, doch schon während der Sitzung füllte sich das Foyer. Hahlweg ging die Treppe hinunter und hielt seine erste Begrüßungsrede, und dann mußten wir innerhalb kürzester Zeit eine Infrastruktur aufbauen.“ Noch am gleichen Tag rückte die Feldküche des BRK mit Ehrenamtlichen an, um Getränke, Eintopf und Brot auszugeben. Ingrid Böhme, heute ehrenamtlich zuständig für die Blutspendetermine, war von Beginn an „von morgens bis nachmittags täglich“ im Einsatz. „Die Leute hatten ja nichts dabei. Viele kamen mit der Bahn. Am Bahnhof kostete die Tasse Kaffee DM 1,60, bei Tchibo 60 Pfennige und bei uns gab es sie gratis. Das haben die Gäste gar nicht verstanden, aber herumgesprochen hat es sich schnell.“ Es gab wohl aber auch richtige Mißverständnisse, so wenn binnen weniger Stunden fast alle tausend Sahnedöschen und abgepackten Zuckerwürfel als Andenken in den Taschen der Besucher verschwanden. Da mußte man rasch auf Sahnekännchen und Zuckerdose umstellen. Auch fehlte noch das Verständnis für den Wert von Brot, das zwar gerne genommen, jedoch nicht immer gegessen wurde. „Aber das haben wir auch offen erklärt, und die Menschen waren ja so voller Freude und Herzlichkeit. Es gab überhaupt keine Probleme!“

Die Probleme blieben im Hintergrund und für die Gäste nicht erkennbar. Schon übers Wochenende hatte das BRK ein System installiert, das die Essensausgabe und den Dauereinsatz von Ehrenamtlichen möglich machte. Hinzu kam dann mehr und mehr die Betreuung zum Beispiel von Kindern oder die Unterstützung Behinderter. „Einmal führte ich einen Blinden“, erinnert sich Ingrid Böhme, über den Weihnachtsmarkt. „Er folgte nur seinem Geruchssinn und ließ sich von mir immer erklären, woher denn all diese unbekannten und lockenden Düfte kämen. So etwas vergißt man nicht. Ein ander Mal fiel mir eine alte Dame mit zwei schweren Koffern auf. Angesprochen auf das Gewicht, erzählte sie mir, da sei Hundefutter von Aldi drin. Ihr Hund sollte doch auch was Gutes aus dem Westen bekommen.“ Ob das Tier sich so schnell auf West-Futter hat umstellen lassen?

Schon an diesem ersten Samstag war auch ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes aus Jena zur Kontaktaufnahme dabei. Beim Gegenbesuch wenige Tage später mußten die Erlanger feststellen, wie groß die Unterschiede waren. Das Rote Kreuz in der DDR hatte sich auf der Basis von Betriebsgruppen organisiert, und man konnte sich jenseits dieser Struktur gar kein ehrenamtliches Engagement vorstellen. So meinte man denn auch in Jena nach dem Zerfall der Betriebsgruppen, es gehe nicht mehr weiter. Doch da waren die Erlanger davor. Im Wochentakt gab es Informationsaustausch hinüber und herüber, auf Schloß Schney bot das BRK für alle Rot-Kreuz-Geschäftsführer Thüringens ein zweitägiges Seminar zu den unterschiedlichsten Tätigkeitsfeldern an, man warb gemeinsam Ehrenamtliche und neue Mitglieder, Rettungsfahrzeuge, Verbrauchsmaterial und Schulungsunterlagen fanden den Weg nach Jena. Und schließlich wurde Jena sogar zur Drehscheibe für weitere Kontakte des BRK in die neuen Bundesländer. „Besonders schön ist für mich, daß die Verbindung über all die Jahre ungeachtet der vielen Personalwechsel Bestand hat. Mit meinem derzeitigen Kollegen Peter Schreiber halte ich einen guten Kontakt“, freut sich Jürgen Üblacker.

Viele Kreise schließen sich in diesem Jubiläumsjahr. So wird die Feldküche des BRK Erlangen-Höchstadt am 3. Oktober zum Tag der deutschen Einheit noch einmal herzhaft zum Jubiläum aufkochen. Nicht nur die Liebe geht durch den Magen. Und ein herzlicher Dank an all die Ehrenamtlichen von damals und heute!

Peter Steger

Die Texte und Bilder sind ausschließlich für nichtgewerbliche Zwecke bestimmt. Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte liegen bei der Stadt Erlangen. Zuwiderhandlungen ziehen rechtliche Konsequenzen nach sich.

28.03.2009
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