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Das Leben der Unseren

Tagebuch der Wende

"...Es gibt berühmte Leute, die schreiben Tagebuch, um es später zu veröffentlichen. Zu diesen Leuten gehöre ich nicht. Bei meinen Aufzeichnungen habe ich nicht daran gedacht, sie jemals zu publizieren. Daß es einmal anders kommen sollte, hängt mit den historischen Veränderungen in unserem Land zusammen.

Seit meinem 12. Lebensjahr führe ich – mit wenigen Unterbrechungen – Tagebuch. Ich tue dies aus drei Gründen: Zunächst, um einfach festzuhalten, was an einem Tag geschehen ist. Sodann, um durch das Aufschreiben die Ereignisse noch einmal Revue passieren zu lassen und zu reflektieren, den Tag also sinnvoll abzuschließen. Schließlich, um Gefühle und Erkenntnisse festzuhalten, die beim späteren Lesen meine innere Entwicklung nachvollziehbar machen. Zuweilen wird mir nach vielen Jahren bewußt, wieviel ich schon vergessen habe, oder ich erkenne, wo eine Entwicklung ihren  Ausgangspunkt hatte.

Natürlich gibt es Lebensereignisse, die unvergeßlich sind. Dazu gehört für mich – wie für viele Menschen im heutigen Osten Deutschlands – die Zeit des Umbruchs 1989/90. Vieles steht mir so lebendig vor Augen, als hätte ich es gestern erlebt. Dennoch zeigt sich auch hier, daß ein Tagebuch als authentische Dokumentation ein nützliches Mittel ist, um Verklärung oder Legendenbildung nicht zuzulassen.

Nachträglich bin ich sehr dankbar, daß ich selbst in jenen spannenden und äußerst anstrengenden Monaten der »Wende« die Kraft hatte, meine Erlebnisse, Erfahrungen und Gefühle aufzuschreiben. Das geschah meist noch am selben Tag, im Bett, kurz vorm Einschlafen – trotz großer Müdigkeit. Ab und zu habe ich im Abstand von wenigen Tagen Ereignisse  nachtragen müssen, wenn die Müdigkeit zu stark gewesen war.

Ereignisse an sich sind objektiv, die durch sie ausgelösten Gefühle und Reflexionen natürlich subjektiv. Insofern geben die Auszüge aus den Tagebüchern meine persönliche Sicht der Wendegeschehnisse wieder. Dies bezieht sich auch auf die subjektive und mitunter situationsabhängige Einschätzung von Personen. Der Zeitzeuge wird zum Interpreten. Die politische Haltung wird durch die eigenen Erfahrungen und ein gewachsenes Verständnis bestimmt. Ich bin geprägt durch meinen christlichen Glauben und das sich für mich daraus ergebende soziale Verantwortungsgefühl. Prägend war für mich auch die neue Ostpolitik der sozial-liberalen Koalition in Bonn in den siebziger Jahren. Die Regierung unter Willy Brandt und Helmut Schmidt hat viel für die Entspannung zwischen Ost und West getan und nicht zuletzt durch Reiseerleichterungen eine bessere Kommunikation zwischen den Menschen beider deutscher Staaten ermöglicht. Das hat mich bis heute mit der deutschen Sozialdemokratie verbunden.

Schröter Dobeneck

Daß ich im Herbst 1989 als Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs (DA) in der DDR auch in die Situation kam, diese Bewegung in Jena zu organisieren, war eher zufällig. Gesucht wurde ein Initiator, eine »Kristallisationsfigur«, und ich sagte ja. Eigentlich wollte ich mich der »Initiative zur Gründung einer Sozialdemokratischen Partei in der DDR« anschließen. Lange glaubte ich, die neuen Bewegungen – zumindest die damalige SDP und der DA – würden schließlich zusammengehen. Mein Ablösungsprozeß vom DA begann, als die West-CDU dafür sorgte, daß der DA mit der DSU und der Blockpartei CDU (Ost) die »Allianz für Deutschland « bildete. Ich konnte keinen Sinn darin erkennen, für politische Veränderungen in meinem Land zu kämpfen und dies ausgerechnet zusammen mit einer bisher staatsstützenden Blockpartei zu tun. Aus Solidarität mit meinen politischen Weggefährten im Jenaer DA hielt ich meiner damaligen Partei bis zur Volkskammerwahl die Treue, trennte mich dann aber vom DA und schloß mich – zunächst als Parteiloser – der Jenaer SPD an, die ich vom Mai 1990 bis 1994 in der Jenaer Stadtverordnetenversammlung vertrat und seit 1999 erneut im Jenaer Stadtrat vertrete. Im Oktober 1990 trat ich in die SPD ein, hier habe ich meine bleibende politische Heimat gefunden..."

Dr. Albrecht Schröter, Auszug aus dem Buch "Wende in Jena"

20.02.2009
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