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Das Leben der Unseren

Auf dem Spielplan der Partnerschaft

(aus der Dokumentation "Das Leben der unseren", Stadt Erlangen 2007)

Es war eine recht spontane Sache damals. Kurz nach dem Mauerfall machten sich viele Menschen aus Jena mit fahrbarem Untersatz oder per Bahn in den Westen auf – bevorzugt nach Erlangen, die Partnerstadt im Frankenland. Und ostwärts über den Thüringer Wald klang es laut nach Jena hinüber: „Für Euch sind wir ganz besonders offen!“ Denn schon vor der Grenzöffnung, im April 1987, wurde diese Partnerschaft besiegelt – eine der ältesten ihrer Art.

„Mit der Wende gab es einen fliegenden Start mit unserer Städtepartnerschaft“, meint Dietmar Hahlweg, damals Oberbürgermeister. „Allein 25.000 Jenaer haben damals das sogenannte Begrüßungsgeld in Erlangen abgeholt. Es wurden erste Kontakte zwischen den Menschen beider Städte geknüpft. Mittlerweile gibt es ein breites Geflecht an unterschiedlichsten Verbindungen, ob das Vereine, Medien, Parteien, Sport oder Kultur betrifft.“

In vollem Maße gilt das zwar nicht für die Schauspielhäuser beider Städte, das „Erlanger Stadttheater“ und das „Theaterhaus Jena“, wohl aber sind einige Gastspiele Ausdruck der intensiven Freundschaft und Verbundenheit von Intendanten und Regisseuren. So kam es, daß die Jenaer Produktion des Stückes „Wir im Finale – Ein deutsches Requiem“ von Marc Becker in der Regie von Christian von Treskow und der Intendanz von Claudia Bauer nach der Uraufführung 2004 in Jena auch in Erlangen zu sehen war. Auf Einladung der Erlanger Intendantin Sabina Dhein kam der damalige OB von Jena, Peter Röhlinger, zur Premiere. Mit seinem Erlanger Amtskollegen, Siegfried Balleis, versuchte er sich beim Torwandschießen –zugegebenermaßen aber nur von mäßigem Erfolg gekrönt. Konkrete Koproduktionen beider Häuser gab es allerdings (noch) nie.

Theater Jena

Im Rahmen „Kunst und Kultur“ besonders hervorzuheben ist aber der musikalische Sektor und dabei exemplarisch die langjährige Freundschaft des Erlanger Kammerorchesters (EKO) und der Jenaer Philharmonie - die Freundschaft zwischen einem ehrenamtlichen Klangkörper unter Eigenregie und einem Profiensemble. Eine Mischung, die auch so manche Herausforderung bietet.

Viele der musikbegeisterten Freunde der Jenaer Philharmonie, die nach der Wende 1989 nach Erlangen fuhren, erkundigten sich nach Gleichgesinnten – die Sache nahm ihren Lauf. Verband einen schon die Partnerschaft der Städte, warum dann nicht auch die Musik, die gemeinsame Passion? Es entstanden Freundschaften, man besuchte sich, musizierte und bot einander selbstverständlich die Gästecouch an. So schmiedete man rasch den Plan, einen gemeinsamen Weg zu beschreiten, der den Streichern der Jenaer Philharmonie und dem EKO eine Plattform bot. Mit Blick auf Erlangens Partnerstädte Eskilstuna und Rennes und die gemeinsamen musikalischen Projekten mit beiden, wurden nun auch innerdeutsch musikalische Bande geknüpft.

Bis auf den letzten Platz füllte schon am 8. Mai 1990 das erste Freundschaftskonzert der vereinten Kammerorchester unter dem Dirigat des damaligen EKO-Chefs Adolf Pongratz, organisatorisch unterstützt durch Klaus Schilbach, seinerzeit Geschäftsführer des gVe, die Stadthalle Erlangen. Im Mittelpunkt standen neben Fabian Dirr (Klarinette) und Winfried Rager (Bassetthorn) das Erlanger Duo Vivienne und Dirk Keilhack, die laut „Erlanger Nachrichten“ ihr Spiel mit der „rechten Mischung aus Verve und Glanz, Verinnerlichung und durchgeistigter Bravour nebst gelassener Klassizität“ vortrugen, so daß man die „Pointen von Flügel zu Flügel“ fliegen sehen konnte. Trotz schwüler Hitze ein voller Erfolg!

Knapp ein Jahr später, am 22. Juni 1991, unter fast denselben Temperaturbürden, folgte die Gegeneinladung der Thüringer. 22 Erlanger Musiker samt ihrem Leiter Adolf Pongratz folgten ihr. Der angenehm windige Kollegienhof der Universität bot ein lauschiges Ambiente mit historischem Charme – und hervorragenden akustischen Voraussetzungen, allein im Wettstreit mit dem Gezeter der Turmfalken. Unter dem gemeinsamen Dirigat von Adolf Pongratz und dem Jenaer Generalmusikdirektor, Andreas S. Weiser, ließen Jenas Solisten, Gunter Siebert (Oboe) und Marius Sima (Violine) J. S. Bach in„wundervollen Oboenlinien von fabelhafter Trillerfähigkeit neben schlanken Geigentönen blühen“ (EN vom 29./30. Juni 1991). Die Franken schickten Turgay Hilmiy auf einen virtuosen Mozart-Parcours. Wie schon beim vorangegangenen Gemeinschaftskonzert bildete auch hier das gesellige Beisammensein das eigentliche Finale. Und auch danach noch gab man, was man konnte, vor allem Schlafplätze in der eigenen Wohnung.

Das Ein-Jahres-Intervall wurde zufälligerweise auch beim nächsten Treffen eingehalten, als nämlich am 3. Juni 1992 das Jenaer Kammerorchester an dem Festkonzert zum 40jährigen Jubiläum des EKO teilnahm, zusammen mit Musikern aus den anderen Partnerstädten Eskilstuna, Rennes und Wladimir.

Beim zehnjährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft Erlangen - Jena, am 20. April 1997, hatte man allen Grund, nach längerer Pause wieder gemeinsam zu musizieren. Das Konzert beider Orchester in der Heinrich-Lades-Halle dirigierten wieder GMD Andreas S. Weiser aus Jena und, zum ersten Mal bei einem gemeinsamen Auftritt, der neue musikalischen Chef des EKO, Ulrich Kobilke. Und wieder harmonierten die ambitionierten Er-langer Laienmusiker mit den Profis aus Jena, „helle Begeisterung, viel Blumen, nicht endender Beifall, alles zu recht.“ (EN, 22. April 1997).

Als am 26. März 2000 das zehnjährige Jubiläum der Orchesterpartnerschaft beider Ensembles in Erlangen gefeiert wurde, konnte man auf eine Dekade intensiv gelebter, in beiden Städten ausgetragener freundschaftlicher Zusammenarbeit zurückblicken. Trotz getrennten Vorbereitungen und nur wenigen gemeinsamen Proben unmittelbar im Vorfeld der Konzerte, gestaltete sich das Zusammenspiel auf dem Podium zwischen Ulrich Kobilke und, nach der Pause, Andreas S. Weiser bemerkenswert. Es war alles da: „rhythmisch flexibler Elan und schwelgerisch melodiöser Orchersterklang.“ (EN, 29. März 2000). Bach, Dvořák und Beethoven, dessen C-Moll Klavierkonzert, vom 17jährigen Andreas König ausgeführt, am Ende die Zuhörer jubeln ließ.

Im Oktober desselben Jahres war dann das EKO im Volkshaus zu Gast beim Kammerorchester der Jenaer Philharmonie. Zu den Feierlichkeiten anläßlich von „1000 Jahre Erlangen“ im Januar 2002 kamen neben Musikern aus Rennes und Wladimir auch Gäste von der Jenaer Philharmonie. Gemeinsam gestaltete man das gVe-Eröffnungskonzert.

Waren die Anfangsjahre noch von sehr regem und häufigem Austausch geprägt, hat der im Laufe der Jahre stark nachgelassen. Die Begeisterung über und die Neugier auf Zusammenarbeit mit „denen von drüben“ bzw. den „Wessis“, hat sich im selben Maß gewandelt, wie aus der „inter-“ eine „innerdeutsche“ Freundschaft gewachsen ist. Darüber hinaus aber sind beide Seiten gereift, viele Freundschaften haben sich vertieft, und es ist zu hoffen, daß gemäß dem aktuellen Spielzeit-Motto der Jenaer Philharmoniker „Musik weckt Freude“, die verbindende Intention, das Musizieren, auch weiterhin - und vielleicht sogar wieder intensiver - gemeinsam betrieben wird, städtepartnerschaftlich eben. Anstoß dafür sollte der Festakt zum 20jähri-gen Jubiläum der Städtepartnerschaft am 3. Oktober im Markgrafentheater (danke, liebe Frau Dhein!) zu Erlangen geben. Kommet und höret!

 

Kay Ulla Mandrik, Erlangen, FAU

 

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29.07.2009
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