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Das Leben der Unseren

Zwischen Akten und Aquarien

(aus der Dokumentation "Das Leben der unseren", Stadt Erlangen 2007)

Von den ehemaligen DDR-Bürgern, die vor dem Mauerbau 1961 die Heimat verlassen mußten, wurden die Partnerschaftskonzepte überwiegend skeptisch gesehen. Aus den meisten ist auch nichts Rechtes geworden. Erlangen - Jena aber ist etwas Besonderes.

Die Jumelage Marburg - Eisenach war die Ausnahme. Egal, wer „im Westen“ offiziell als Initiator auftrat – in der Regel kamen Städtepartnerschaften in der Ost-West-Zuordnung zustande, die von der „Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“ für ihre „Westarbeit“ festgelegt worden war. Der Bezirk Gera war für Erlangen und Nürnberg zuständig. Das wußten wir schon in den 60er Jahren. Das ist auch historisch richtig. Ich sage das, weil ich heute „aus der Akte“ weiß, daß beispielsweise in der Nacht zum 17. Juni 1970 ein Emissär aus dem Bezirk Gera ausführlich mit einem Erlanger Befürworter der Partnerschaft gesprochen hat.

Kritiker der SED befürchteten deshalb niederschwellige Zugänge für das DDR-Regime unterhalb der offiziellen staatlichen Nichtanerkennung. Wenn schon, so ihre Forderung, dann sollten auch die Bürger der DDR einbezogen werden. Diese Forderung vertrat man in Erlangen – der Stadt eines bis 1990 voll funktionstüchtigen „Kuratoriums Unteilbares Deutschland“ – besonders nachdrücklich in vielen öffentlichen Diskussionen, Leserbriefen usw.

Ab 1986 prägten den Ostblock und damit Ostberlin zunehmend Michail Gorbatschows Reformparolen „Perestroika“ (Umbau) und „Glasnost“ (Transparenz). Als nun Erlangens Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg (SPD) in Verhandlungen mit den Verantwortlichen in Jena eintrat, bestand er darauf, nicht nur gemeinsame Resolutionen für den Weltfrieden zu verabschieden, sondern vor allem Kontakte von Personen und Vereinigungen vorzusehen, um die Partnerschaft mit bürgerschaftlichem Leben zu erfüllen.

Die SED unternahm viele Ausflüchte. Die Universitäten waren keinesfalls selbstverständlich einbezogen, wie es sich die Er-langer wünschten. Sogar im engsten Kern der Partnerschaft versuchte die Einheitspartei die Ausgrenzung der anderen. So fiel der mit den DDR-Verhältnissen bestens vertrauten CSU-Stadträtin Ursula Grille auf, daß zur ersten Begegnung in Erlangen nur SED-Funktionäre kommen sollten. Mit ihren Einwendungen sorgte sie dafür, daß man – widerwillig zwar - die Stadtverordneten der ungeliebten „Blockparteien“ doch mitreisen ließ.

Dies erst machte es möglich, daß Erlangens Staatssekretär Wilhelm Vorndran (CSU) im „Kosbacher Stadl“ neben einem Vertreter der 1948 in Ostberlin gegründeten „Nationaldemokratischen Partei Deutschlands“ zu sitzen kam und mit ihm nicht nur tafeln, sondern auch sprechen konnte.

Mit seiner in Erlangen voll akzeptierten Forderung nach „bürgerschaftlichen Kontakten“ hatte Dietmar Hahlweg jede Menge Morgenluft ins Saaletal wehen lassen. Und die Jenenser Bürger ergriffen auch Eigeninitiative.

Wolfram Buhler, Aquarienfreund und Vorsitzender der Jenaer „Wasserrose e.V.“, erinnert sich bei einem Besuch in Erlangen im Juli 2007 an so eine Eigeninitiative:

„Als im Sommer des Jahres 1987 die beiden Städte Jena und Erlangen die erste deutsch-deutsche Städtepartnerschaft ins Leben riefen, kam bei uns im Verein der Gedanke auf, dies auch auf kultureller Ebene zu initiieren und Verbindung mit dem Erlanger Aquarienverein „Toxtes“ aufzunehmen. Weil meine Tante 80 Jahre wurde, durfte ich für zehn Tage in die BRD einreisen. Ein Münchner erkannte mich an der Sprache und sagte scherzhaft: ‚Wieder einer mit zehn Tagen Hafturlaub’. In München reifte mein Entschluß, für die Heimfahrt einen Dreitages-Aufenthalt in Erlangen einzulegen, obwohl ich damit gegen die DDR-Vorschriften verstoßen mußte. Herr Botho Janeck holte mich am Bahnhof in Erlangen ab. Ich zeigte mich bei den Toxotes, brachte mein Anliegen vor. „Partnerschaft“? Das kannte man hier nicht so: „Der Buhler kommt aus der DDR – wen haben die uns da geschickt?“ Aber die Vorbehalte waren schnell verflogen. Noch am gleichen Wochenende wurde Verbindung zum damaligen Erlanger Oberbürgermeister aufgenommen. Die Euphorie war groß. Aber die Ernüchterung kam sofort, als ich wieder in meiner sozialistischen Heimat war. Dort bin ich beim Oberbürgermeister Hans Span im Vorzimmer abserviert worden: „Herr Buhler, Sie bewegen sich auf einem glatten Parkett.“ Aber wir ließen nicht locker. Und so besuchten uns vier Vereinsmitglieder der Erlanger Toxotes im Sommer 1988 in Jena. Man zahlte schön brav seine 25 DM pro Tag. Die wurden 1:1 umgetauscht. Am Wochenende fand dann bei mir das erste deutsch-deutsche Gartenfest mit ca. 40 Aquariern, mit Kitzmann-Bier – das hatten die Erlanger Freunde mitgebracht – und mit Thüringer Bratwürsten statt. Im Jahr 1989 überschlugen sich die Ereignisse. Keine Mauer stand mehr im Weg. Zwischen Jena und Erlangen entstand ein reger Austausch auf aquaristischem Gebiet. Herzliche Freundschaft zwischen Familien, und viele Freunde aus dem Verein, die keine Verwandtschaft in der BRD hatten, erhielten nun einen Anlaufpunkt. Da sind besonders Familie Rolf Holdt und Familie Botho Janeck hervorzuheben, die durch ihr Engagement sehr viel dazu beigetragen haben, daß diese Partnerschaft noch heute lebt.“ Ein beredtes Zeugnis von vielen dafür, daß diese Partnerschaft ein Erfolg ist.

Dietrich Grille (Student in Jena von 1954 bis 1958, von 1969 bis 1990 Präsident des Ortskuratoriums „Unteilbares Deutschland“ in Erlangen)

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29.07.2009
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