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Das Leben der Unseren

Eine Ämterehe zwischen Ost und West

(aus der Dokumentation „Das Leben der unseren“. Stadt Erlangen, 2007)

Die Standesamtsleiter Georg Schmeißer (54) und Heike Müller-Hipper (51) arbeiteten schon vor der offiziellen Wiedervereinigung eng zusammen. 1990 waren vier Kollegen aus Jena in Erlangen zu Besuch, um sich das Amt anzusehen und die Arbeitsprozesse im Westen kennenzulernen.

Heike Müller-Hipper, Standesamtsleiterin aus Jena, berichtet: „Wir haben uns ein bissel erschreckt, als Georg Schmeißer den großen Schrank in seinem Büro öffnete und sagte: ,Das sind die Dokumente, mit denen wir hier arbeiten.’ Wir haben einige der zahlreichen vorgedruckten Formulare mitgenommen. Zu viert im vollbepackten Trabant sind wir nach Jena zurückgefahren.“

„Die Angleichung an die westdeutschen Gesetzesnormen geschah quasi über Nacht“, berichtet Schmeißer. Zum Beispiel seien ab 3. Oktober 1990 neue Register und Urkunden eingeführt worden. Das Familienbuch ersetzte von einem Tag auf den anderen die Ehe-Urkunde nach DDR-Recht. „Die ersten Trauungen unter neuem Recht haben in Jena bereits am 4. Oktober stattgefunden“, erzählt Müller-Hipper. Alles sei ganz problemlos verlaufen, ohne große Stolpersteine. Allerdings, während ganz Deutschland am 3. Oktober feierte, hätten die Jenenser Kollegen im Standesamt gesessen, um die Trauungen für den nächsten Tag vorzubereiten. „Eine hat diktiert, und die andere hat getippt“, erinnert sich Müller-Hipper. Computer hatten sie damals noch nicht. Als die ersten Westdeutschen die Schreibmaschine in ihrem Zimmer sahen kam die Frage: „Was sollen wir zahlen, um sie mitnehmen zu dürfen?“ - „Aber sie steht heute noch da“, fügt Müller-Hipper lachend hinzu.

Jena-Schwarzenbach

(Alt-OB Peter Röhlinger (l. im Bild) und Alt-Referent Rudolf Schwarzenbach - die Stifter aller "Ämterehen" und Architekten der Verwaltungsseminare und Strukturenhilfen. Photo von Hilde Stümpel.)

Bepackt mit „kiloweise neuen Anträgen, einem kompletten, verkleinerten Standesamt“ ist Georg Schmeißer im November 1990 für zwei Wochen nach Jena gefahren, um in der ersten Phase der neuen Gesetze zu helfen: „Für die Jenenser war alles neu: die Begriffe, alles.“ Dazu Müller-Hipper: „Mit ausländischen Staatsangehörigen sind wir zuvor nicht in Berührung gekommen.“ Die Auto-Verbindung nach Jena sei damals noch sehr schlecht gewesen, erinnert sich Schmeißer. Sechs Stunden habe man gebraucht. „Das Auto mußte ich dann außerhalb der Stadt stehen lassen, wegen des Braunkohle-Smogs.“

12 Stunden - von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends - arbeiteten die Beamtinnen in der Zeit nach der Wiedervereinigung, berichtet Schmeißer. „Viele Soldaten aus der Sowjetarmee wollten heiraten, um dableiben zu können.“ Außerdem sei ihm aufgefallen, daß die Scheidungsrate in Jena damals viel höher war, als in Erlangen: „Die Kinder wechselten mehrmals die Namen.“ Müller-Hipper weist auf einen anderen Unterschied zwischen Ost und West hin: „Wir haben geschmunzelt, als wir in Erlangen die Männer im Standesamt sahen. Bei uns war es ein ausgesprochener Frauenberuf. Wir haben gewitzelt: ,Zeit, daß Frauen an die Front geraten’.“ Allerdings sei nach ihm in Erlangen kein Mann mehr eingestellt worden, ergänzt Schmeißer.

Der Kontakt zwischen den beiden Standesämtern ist nie mehr abgebrochen. Bis heute tauschten sie sich über Gesetzesänderungen aus, so Georg Schmeißer. Und Heike Müller-Hipper erzählt, man sehe sich regelmäßig bei Fachtagungen und betont: „Wir haben ein allgemeines Interesse seitens der Erlanger erfahren. Auf deren Unterstützung konnten wir uns hundertprozentig verlassen.“

Dorothee Kolnsberg, Erlangen, FAU

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29.07.2009
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