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Das Leben der Unseren

Der besondere Saft, der Partner schafft

(aus der Dokumentation „Das Leben der unseren“. Stadt Erlangen, 2007)

Man nimmt es ihm auf Anhieb ab. Enrico Heine - mit Leib und Seele Kneipier: „Mein Marktkeller ist mein Leben.“ Und das begann bei dem zupackenden Mann im Herrgottsalter aus Pößneck schon mit vier-zehn Jahren als Bedienung in einem Klub der Freien Deutschen Jugend. „Kein Tag war wie der andere, und ich liebe meine Gäste. Manchmal scheint mir, sie sind sogar die Herren meines Lokals. Jedenfalls bin ich immer für sie da. Oft bis in den frühen Morgen hinein, bis wirklich keiner mehr Durst hat.“ Die Schankwirtschaft, ehemals „Burgkeller“ genannt, gehörte ursprünglich zur Befestigung Jenas und wurde in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts als Repräsentationshaus genutzt. Es heißt, so manche Spanier haben hier in den Rundgewölben unter der Erde Ende Juni 1547 ihr unfreiwilliges Grab gefunden, als ihre Truppen, 30.000 Mann hoch, nach dem Sieg bei Mühlberg durch Jena zogen. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs ging ein Bombenhagel über Jena nieder, der auch die historische Schenke in Mitleidenschaft zog. In den 70er Jahren öffnete dort eine Eisdiele, und erst im Mai 1988 zapfte man wieder Bier. Ende 2000 heuerte Enrico im Schatten der Stadtkirche an und übernahm den nun „Marktkeller“ genannten Betrieb im Sommer 2004. Was das alles mit der Städtepartnerschaft zu tun hat?

                      Marktkeller

                      (Kitzmanns Schanwirt in Jena. Photo privat.)

Seit 1990 schenkt der Marktkeller als „Hauptbier“ das Erlanger Kitzmann aus. „Nach der Wende wurden wir ja regelrecht belagert von allen möglichen Brauereien, aber Kitzmann machte immer die fairsten Angebote. Neulich hat er mir sogar eine neue Schankanlage auf eigene Rechnung installiert. Seither bleibt auch bei der größten Hitze das Bier in der Leitung frisch. Allein heuer war Peter schon drei Mal hier. Er kümmert sich um seine Partner.“ Der Marktkeller ist wohl die am weitesten entfernt liegende Lieferadresse des fränkischen „Schornstein-Brauers“. Die Fässer kommen deshalb auch nur im Dreiwochenrhythmus. Aber es scheint sich zu lohnen, denn „seit Juni 2006 führen wir nur noch Kitzmann“. Während des Gesprächs kommt eine Gruppe von Fans des FC Carl Zeiss Jena vom Keller hoch in den kleinen Biergarten. Einer von ihnen erzählt spontan von einem Ausflug nach Erlangen, genauer nach Eltersdorf. Wie daheim habe er sich da gefühlt mit dem Kitzmann-Bier in fast jeder Kneipe… „Wir haben ja auch schon zweimal mit je 50 Mann eine Busreise nach Erlangen gemacht – für die Hard-Core-Kitzmann-Fans.“ Aber die Daheimgebliebenen müssen auch nicht verdursten. Im Schnitt werden in bester Lage am ehemaligen Platz der Kosmonauten 50 Liter Gerstensaft täglich ausgeschenkt. Es kann freilich auch viel mehr werden, vor allem, wenn sich hier der Karnevals-, der Tischtennis- oder Briefmarkenverein im urigen Nebenzimmer trifft. Die treuesten Gäste sind aber die Fußballfans von der „Gelben Treppe“ und all den anderen Klubs, wenn die Großleinwand das Stadion in die Kneipe holt. Fast 60% des Umsatzes macht jedenfalls das Erlanger Faßbier aus. Und der bisher prominenteste Gast? Altoberbürgermeister Peter Röhlinger, bekennender Fußballfan und bekanntermaßen leutselig. Nun wartet Enrico auf den Nachfolger, Albrecht Schröter. „Mit dem würde ich mich auch gern mal am Tresen bei einem Kitzmann unterhalten.“ Vielleicht könnte das ja helfen, auf dem kurzen Dienstweg eine schöne Idee zu verwirklichen.

In der Krypta der Stadtkirche proben – es ist nicht zu überhören – junge Punk- und Heavy-Metal-Bands, die auch gern mal ein Glas heben. Mit den jungen Leuten und musikalischer Unterstützung aus Er-langen könnte man doch am Kirchplatz ein Straßenfest veranstalten. Und dann gibt es da noch das neuntägige Altstadtfest im Herbst: im Jubiläumsjahr eine ideale Gelegenheit, das Bier aus der Partnerstadt unter die Leute zu bringen. „Nur eine von 130 Gaststätten hier, nämlich meine, führt Kitzmann. Klar, daß so längst nicht alle, vor allem nicht die 20.000 Studenten und vielen Neubürger, wissen, was Erlangen für uns bedeutet, und wie gut euer Bier schmeckt. Da muß mal eine richtige Sause laufen, und ich würde das gern mit euch machen.“

Der Genius loci spricht dafür: Am 12. Juni 1815 zogen Studenten vom Burgkeller vor die „Grüne Tanne“ und gründeten die Urburschenschaft, der wir auch die deutsche Trikolore zu verdanken haben. Später teilte man sich in Arminia, Teutonia und Germania auf, wobei die Arminia sich nach ihrem Sitz ab 1859 den Zusatz „auf dem Burgkeller“ verlieh. In der Zeit drang auch erstmals der Ruf des weltberühmten Erlanger Biers nach Jena, und mit der Fertigstellung der Ludwig-Süd-Nord-Eisenbahn rollten bald die ersten Waggons mit Bier auf Stangen- und Natureis aus Franken an. Peter Kitzmann also knüpft mit seinem Jena-Engagement an die Exporterfolge Erlangens im 19. Jahrhundert an, als man von der Regnitz aus vor allem nach Thüringen, Sachsen, Berlin, Brandenburg und Pommern lieferte.

Die grünen Sonnenschirme sind nicht aufgespannt, der Himmel lastet wolkenverhangen über der Stadt, hoch in den Lüften gellen die Rufe der Turmfalken. Wenig Laufkundschaft. Weningenjena feiert das 750. Jubiläum. „Wir haben alle Tage geöffnet, aber an solchen kühlen Sonnabenden ist den Leuten nicht nach einem kühlen Hellen, und wir schließen dann auch schon mal um 17.00 Uhr.“ Sagt’s und schickt die Kellnerin in den frühen Feierabend. Morgen ist auch wieder ein Tag mit Mittagstisch und einem guten Schluck. Und bestimmt kehren auch bald mal wieder Gäste aus Erlangen hier ein – auf ein Kitzmann und ein Prost der Partnerschaft.

Peter Steger

Die Texte und Bilder sind ausschließlich für nichtgewerbliche Zwecke bestimmt. Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte liegen bei der Stadt Erlangen. Zuwiderhandlungen ziehen rechtliche Konsequenzen nach sich.

29.07.2009
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