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Das Leben der Unseren

Kirche soll sich einmischen

(aus der Dokumentation „Das Leben der unseren“. Stadt Erlangen, 2007)

Albrecht Schröter (52) ist seit 2006 Oberbürgermeister von Jena. Die Zeit der Wende hat er als Pfarrer am Lutherhaus in Jena erlebt. Josef Dobeneck (57) ist seit 1995 Dekan in Erlangen. Von 1980 bis 1986 war er in Erlangen als Kaplan in Herz-Jesu und St. Bonifaz und zusätzlich als Jugendseelsorger des Dekanats Erlangen tätig. Dorothee Kolnsberg sprach mit ihnen über Erinnerungen an Mauerbau und Wende und über die Rolle der Kirchen.

D. K.: Sie waren damals beide noch Kinder, als die Mauer gebaut wurde. Haben Sie überhaupt Erinnerungen daran?

Schröter: Ja, schon, obwohl ich erst sechs Jahre alt war. Mein Onkel ist drüben geblieben, deshalb kann ich mich sehr gut an den Mauerbau erinnern. Das hat die Familie beschäftigt. Nach 1978 allerdings durfte er wieder in die DDR einreisen.

Dobeneck: Ich war damals elf Jahre alt. Ich kann mich an die Bilder in der Zeitung erinnern. Das hat mich schon interessiert, aber die ganze Tragweite der Ereignisse konnte ich noch nicht erfassen. Die Angst meiner Eltern vor Krieg hat sich aber auch auf mich übertragen.

D. K.: Und welche persönlichen Erinnerungen verbinden Sie mit dem Mauerfall?

Schröter: Der Mauerfall, das war ein Donnerstag. Wir hatten ein Abendprogramm in der Friedenskirche in Jena zum Thema Reichskristallnacht mit großer Beteiligung. Ich wollte mit den Leuten, die den Abend mit vorbereitet hatten, einen kleinen Umtrunk bei mir zu Hause machen. Da kamen uns schon die ersten Leute entgegen und sagten: „Habt ihr schon gehört? Man kann in Berlin jetzt durch die Mauer!“ Das war unglaublich. Dann sind wir nach Hause gefahren und haben den Fernseher eingeschaltet und die Bilder gesehen, die an diesem Abend alle gesehen haben. Das war schon bewegend.

D. K.: Haben Sie damit gerechnet, daß die Mauer fällt?

Schröter: Nein. Ich habe Weihnachten 1988 mit einem Freund aus einer Partnergemeinde in Reutlingen spekuliert und dabei die kühne These aufgestellt, daß wir vielleicht im Jahr 2000 eine Föderation haben zwischen Ost- und Westdeutschland. Daß es so schnell dazu kommt, damit hat keiner gerechnet.

Dobeneck: Ich hatte Freunde in Bautzen, die ich Jahr für Jahr in Ostdeutschland besuchte. Da hieß es immer: „Du wirst sehen, im nächsten Jahr existiert die DDR nicht mehr.“ Seit Ende der 70er Jahren haben die mir das alle Jahre wieder gesagt. Und ich kam alle Jahre wieder und habe gesagt: „Jetzt gibt`s euch ja immer noch!“ Als ich dann `89 da war, hieß es, wir lassen den Honecker noch das Vierzigjährige feiern, und dann ist Schluß.

Schröter Dobeneck

(Politik und Religion im Dialog. Photo privat.)

D. K.: So war es dann ja auch. Welche Rolle hat in der Zwischenzeit der Glaube für Sie gespielt?

Schröter: Ich komme aus einem evangelischen Pfarrhaus, mein Vater war Pfarrer. Ich bin durchaus fromm erzogen worden, aber ohne jeden Zwang. Der Glaube hat mir auch in schweren Zeiten geholfen. Ich durfte kein Abitur machen, weil ich Pfarrerskind war. Trotzdem habe ich Theologie studiert, weil ich mir die Studienreife durch eine Sonderreifeprüfung erarbeitet habe. Danach war ich für vier Jahre Assistent an der Uni. Nebenbei war ich Vikar und habe mich in der Friedensarbeit engagiert. Da hat man mich bespitzelt und observiert. Fast wäre ich von der Uni geflogen, weil ich mich in Friedensfragen nicht ganz konform geäußert habe. Da ist es gut, wenn man weiß: „Wenn Gott für uns ist, wer kann wider uns sein?“

D. K.: Herr Schröter, Sie sind als Pfarrer Politiker geworden. Wie lassen sich diese beiden Berufe vereinbaren?

Schröter: Das kann man zunächst einmal gar nicht trennen. Ich bin in meinem Elternhaus staatskritisch erzogen worden. Wir haben auch Westsender gehört. Und über meinen Vater haben wir Informationen erhalten, der Kontakte besonders auch zur katholischen Kirche pflegte. Dann als Vikar war es für mich selbstverständlich, daß man in Jugendkreisen über zeitgeschichtliche Fragen sprach und über andere Formen von Sozialismus diskutierte. Zum Beispiel auch: Wer war Stalin wirklich? Heute bin ich trotz meines Oberbürgermeisteramtes ehrenamtlich auch noch Pfarrer und predige regelmäßig in zwei Gemeinden. Gut vereinbaren läßt sich das deshalb, weil ich denke, Kirche soll ihre Stimme erheben für Gerechtigkeit, Frieden und Verantwortung für die Schöpfung.

D. K.: Predigen Sie politisch?

Schröter: Ja, ich habe immer sehr politisch gepredigt. Aber nicht parteipolitisch, auch nicht seit ich Parteimitglied der SPD bin. Seit ich im politischen Amt bin, halte ich mich da mehr zurück. Es fällt mir überhaupt nicht schwer, das heute zu trennen. Ich denke, Christus ist die Mitte der Gesellschaft, und im Sinne von Kreisen um ihn herum sind Menschen ihm näher oder nicht so nah. Christus ist Herr dieser Welt, und das kann ich bezeugen. Es gibt Situationen, in denen mich Leute fragen: „Warum erträgst du die Anfeindungen so geduldig?“ Dann kann ich sagen, aus welcher Kraft ich lebe. Aber ansonsten trage ich meinen Glauben in der Politik nicht so nach außen.

D. K.: Herr Dobeneck, wie beurteilen Sie das Verhältnis von Staat und Kirche? Sollte sich die Kirche in staatlichen Angelegenheiten zu Wort melden?

Dobeneck: Kirche muß sich in politischen Dingen äußern. Das bedeutete für mich jedoch nicht, mich parteipolitisch zu engagieren. Grundlinien muß ich aber aus der Bibel und meinem Glauben heraus aufzeigen. Wichtig war mir der persönliche Kontakt nach Ostdeutschland. Ich wurde damals gefragt „Warum fährst du denn immer dahin? Bist du auch schon Kommunist?“ In diesen Verdacht konnte man leicht geraten. Wir müssen Feindbilder abbauen, und das geschieht durch persönliche Begegnung. Deshalb hat mich auch das Zustandekommen der Partnerschaften mit Jena und Wladimir so gefreut.

Schröter: Da möchte ich hinzufügen: Für uns im Osten war es äußerst wichtig, daß wir besucht wurden. Wir konnten ja nicht in den Westen reisen. Polen, Tschechien, Ungarn, Bulgarien, Rußland - das ging irgendwie, aber nach Holland, Frankreich oder Westdeutschland, das war nicht möglich. Deshalb hat sich meiner Meinung nach eine ganz besondere Kultur von Gastfreundschaft entwickelt, die Sie noch gespürt haben. Über jeden, der kam, haben wir uns von Herzen gefreut, denn er oder sie brachte Bereicherung und Austausch mit.

Dobeneck: Das habe ich gespürt, diese Gastfreundschaft. Ich war jeden Abend woanders eingeladen. Und ich erinnere mich an die Gespräche: Wie ist das bei uns, wie ist das bei euch? Wir haben immer wieder auch Geld hingeschickt, damit die Gemeinden überhaupt existieren konnten.

Schröter: Was man bei uns gut vermehren konnte (lacht). Es gab einen Umtauschsatz, der aus 100 Westmark mindestens 300 Ostmark machte. Das war eine Menge Geld.

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(Jena und Erlangen (Stadtrat Fred Milzarek, vierter v.l.) vereint im Kampf gegen Rechtsextremismus am 8. Sept. 2007. Photo privat.)

D. K.: Herr Dobeneck, wie sind Sie vor 20 Jahren mit der Städtepartnerschaft in Berührung gekommen?

Dobeneck: Unser deutlicher Wunsch war, Jugendliche an der Partnerschaft zu beteiligen. Da sind wir von der katholischen Jugendarbeit in Diskussion mit der Stadt getreten, wie das erreicht werden könnte. Die Behörden in Jena waren davon nicht sehr begeistert.

Sofort nach dem Fall der Mauer sind wir Pfarrer von Erlangen nach Jena gefahren und haben den dortigen Amtsbruder besucht.

D. K.: Was haben Sie bei Besuchen in der DDR erlebt?

Dobeneck: Einmal hat ein Freund gesagt, er wollte so ein Bronzekreuz haben für seinen Altar. Da habe ich mich gefragt, wie ich das denn über die Grenze bringen soll, das wird doch gefilzt! Da habe ich es einfach vorn ins Auto gelegt. Als ich danach gefragt wurde, habe ich gesagt: „Wieso, Sie sehen doch, ich bin katholischer Priester, ich habe immer ein Kreuz in meinem Auto. Das gehört dazu!“

Schröter: Meine Frau und ich durften einmal in den Westen reisen, weil ich im Allgäu eine Cousine trauen sollte. Das hat man uns erlaubt. Es war ziemlich ungewöhnlich, daß wir zusammen ausreisen durften, wir hätten ja schließlich im Westen bleiben können. Wir hatten drei Koffer, und dann haben sie auch gefilzt und sehr intensiv in meinem Tagebuch gelesen, und im dritten Koffer entdeckte die Beamtin dann meinen Talar. Da sagte sie: „Was ist das denn, sind Sie Pfarrer? Das hätten sie doch gleich sagen können!“ und hat den Koffer wieder zugeknallt. Im Klartext: Hätte ich das gleich gesagt, hätten sie gar nicht gefilzt, weil sie froh gewesen wären, wenn wir im Westen geblieben wären!

D. K.: Und welche Erinnerungen verbinden Sie mit der Städtepartnerschaft?

Schröter: Es gibt da die hübsche Geschichte, wo Jugendliche aus Erlangen sich bei einem Besuch in Jena aus dem Programm ausgeklinkt haben und überall an den Türen geklingelt und gesagt haben: „Hallo, wir sind aus der Partnerstadt Erlangen, wir wollten Sie mal begrüßen!“ Ich persönlich habe 1987, als das anfing, relativ wenig mitbekommen. Aber als sich die Wendesituation abzeichnete, geriet die Partnerstadt mehr und mehr in den Blick. Am 15. Dezember 1989 hatte ich dann über 500 Leute in meinem Gemeindehaus zu Gast, als eine Delegation aus Erlangen zu Besuch war. Wichtig daran ist, daß man sieht, es war keine Angelegenheit der Politiker untereinander, sondern eine Partnerschaft der Bürger. Das macht auch die besondere Qualität dieser Partnerschaft aus. Es war Hilfe zur Selbsthilfe. Die besondere Form, miteinander zu reden: „Wie macht ihr das?“ Das ist der Schlüssel gewesen zu der Partnerschaft, die bis heute fortbesteht.

D. K.: Was wünschen Sie sich zum 3. Oktober?

Dobeneck: Wir werden einen ökumenischen Gottesdienst feiern. Daß die Kirchen sich beteiligen, war uns ganz, ganz wichtig. Dann wünsche ich mir Begegnungen auf allen Ebenen. Und für mich persönlich, den Kontakt zur katholischen Gemeinde zu intensivieren.

Schröter: Es ist sehr bewegend und sehr schön, daß wir diesen Gottesdienst haben werden. Einmal, weil ich für die Ökumene brenne und ich denke, wir Christen können gar nicht genug zeigen, daß wir trotz unterschiedlicher Prägung in einer Verantwortung für die Welt stehen. Und zum anderen: Es ist ein Wunder. Es ist ein Wunder, daß die Wende so friedlich gekommen ist. Die Partnerschaft ist ja unlösbar mit der Wende verknüpft. Ich finde es sehr wichtig, diese Dankbarkeit im Gebet zu Gott gemeinsam zu formulieren.

Dorothee Kolnsberg, Erlangen, FAU

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29.07.2009
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