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Das Leben der Unseren

Die DDR - ein Paradies für Erwerbstätige

(aus der Dokumentation „Das Leben der unseren“. Stadt Erlangen, 2007)

DDR? Das ist ein Paradies für Erwerbstätige. Als sowjetische Bürgerin träumte ich auch davon, einmal eine Reise in die DDR zu unternehmen und selbst zu sehen, wie wunderbar unsere deutschen Brüder im sozialistischen Deutschland lebten. Es war immer ein Privileg, eine große Ehre, in die DDR zu fahren. Die anderen Länder wie Polen oder Bulgarien waren nicht so attraktiv, aber die DDR war der Traum aller sowjetischen Bürger. Dort verstanden alle Russisch, dort lernten die Kinder Russisch in der Schule, dort war es einfach klasse. Meine Schwester pflegte mehrere Jahre lang Briefkontakt mit einer Schülerin aus Ostberlin, wir alle wählten sorgfältig Geschenke für Katrin und ihre Familie und warteten voller Ungeduld auf ihre Briefe. Ich war neidisch auf meine Schwester und wollte in der Schule unbedingt auch Deutsch lernen und später Briefkontakt mit einem Mädchen aus der DDR haben.

Als ich zum ersten Mal in die damals schon ehemaligen DDR kam, war ich trotz einiger Sachen, die mit meiner DDR-Vorstellung nichtübereinstimmten, ziemlich euphorisch. Ich war doch in unserer DDR, auch wenn es sie nicht mehr gab und Deutschland lange wiedervereinigt war. (Daß, die Deutschen ein gutes Volk sind, wußte ich von Anfang an. Meine Familie ist keine Ausnahme. Der Krieg hat vielen meiner Verwandten das Leben gekostet, und trotzdem wurde mir noch als Kind gesagt, die Deutschen seien gute Menschen und trügen keine Schuld daran, was die Faschisten mit unserem Land gemacht hätten.) Sogar ich konnte gleich spüren, daß Jena nicht in Westdeutschland liegt, die Stadt sah nicht so gepflegt aus. Als wir in einem Café zu Mittag aßen, fragte ich natürlich, ob man hier noch Russisch kann und bekam vom Kellner gleich die Antwort. „Tschaj“, sagte er. Da war mein Glück schon vollständig. Als wir später einen Spaziergang durch die Stadt machten, fiel mir ein schrecklicher Geruch nach Urin auf, der in vielen Gassen ständig zu riechen war. Die Erklärung war so unangenehm wie er selbst: Die Sache sei jetzt besser geworden, früher sei es viel schlimmer gewesen, damals während der Besatzungszeit, wo die sowjetischen Soldaten die Gassen als Klo verwendeten. Ich fühlte mich gekränkt, auch wenn das in der Sowjetunion (leider) eigentlich nichts Außergewöhnliches war. Aber kann etwas Schlechtes von unseren braven Soldaten kommen? Dennoch fühlte ich mich in Jena wohl. Jena, eine Stadt der DDR, war immer noch ein bißchen auch unsere Stadt. Und das ist nicht böse gemeint, sie gehörte fast zu unserem Kulturkreis.

Erst viel später, als ich schon in Erlangen meine Ausbildung machte, erfuhr ich mehr über das „Paradies DDR“. Verschiedene Filme, Artikel und Berichte brachten mir das Thema DDR wieder nahe. Es kam aber auch ein seltsames Gefühl auf, das später zu einer großen Frage und zu Widerspruch führte, auch zu dem Wunsch, einfach nicht daran zu glauben, daß das Paradies für Erwerbstätige so eine andere Seite hatte. Diese zweite Seite der DDR ist uns fast völlig unbekannt, darüber wird im heutigen Rußland immer noch nicht gesprochen: für Jahrzehnte getrennte Familien, Fluchversuche, Republikverrat, Stasileute, Haft, Verhör und Schießbefehl an der Grenze, egal ob Männer, Frauen oder Kinder. Konnte all das in „unserer DDR“ passieren? Alles spricht dafür, daß es so war, auch wenn ich es immer noch kaum glauben kann - und auch wenn es wehtut. Wenn ich das nächste Mal nach Jena fahre, werde ich mich dort sicher nicht mehr so euphorisch fühlen, eher nachdenklich. Und nachdenken werde ich auch über die Rolle von Michail Gorbatschow, der in meiner Heimat so wenig gilt und der doch so viel für das vereinte Deutschland geleistet hat.

Nadja Iljina, Erlangen

Die Texte und Bilder sind ausschließlich für nichtgewerbliche Zwecke bestimmt. Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte liegen bei der Stadt Erlangen. Zuwiderhandlungen ziehen rechtliche Konsequenzen nach sich.

28.03.2009
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