Sie haben Javascript deaktiviert und können somit nicht alle Funktionen dieser Website benutzen. Um Ihnen ein bestmögliches Surferlebnis zu ermöglichen, sollten Sie Javascript in Ihrem Browser aktivieren.

Das Leben der Unseren

Grenzfahrer

(aus der Dokumentation „Das Leben der unseren“. Stadt Erlangen, 2007)

Die Sonne brennt, die Oberschenkel auch. Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub hat seine Aufgabe zur maßstabsgetreuen Streckenbestimmung gründlich versemmelt. Es ist der 8. Juni 2007, 12 Uhr mittags, irgendwo zwischen Fränkischer Schweiz und Schiefergebirge. Wo zum Teufel ist Küps? Und wieso sind wir jetzt in Kirchlein wo wir doch von Burgkunstadt nach Burkersdorf wollten, um dann links nach Küps abbiegen zu können. Was will man machen? Im Zweifelsfall: bergauf.

Einige Monate vorher, nicht irgendwo, sondern in der Abteilung Christliche Publizistik an der Theologischen Fakultät Erlangen. Redaktionssitzung. Irgend jemand flüstert mir die Frage zu, ob Jena in Sachsen liege. Meine Antwort ist, sagen wir, schwammig. Ein Grund mehr, die vorher in die Runde geworfene Idee, Erlangen und Jena per Schweißtropfen und Muskelkater miteinander zu verbinden, umzusetzen, und es damit unter anderen dem Erlanger Oberbürgermeister Siegfried Balleis gleich zu tun. Learning by doing mit dem Fahrrad. Und ein bißchen symbolische Arbeit leisten.

Tag des Aufbruchs: Die Kirchenglocken bimmeln zur Fronleichnamsprozession. Bevor Balleis diese begeht, verabschiedet er uns am Schloßplatz, erklärt, in welche Richtung es losgeht und gibt uns die Anekdote auf den Weg, bei seiner Tour von Erlangen nach Rennes 200 Kilometer am Tag gefahren zu sein. Etwas beschämt wegen unserer Fünfzigkilometer-Etappe nach Bamberg ziehen wir los. Die meisten Menschen, mit denen wir uns unterhalten „sind schon mal durch Jena durchgefahren“, „soll hübsch sein“. In Bamberg tobt die Feiertags-Biergarten-Schäufele-Laune. Fränkische Gemütlichkeit.

8. Juni, 14 Uhr. Küps. Nichts ist mehr gemütlich, vor allem nicht der Fahrradsattel. Kronach, unsere zweite Station, ist immerhin fast erreicht. „Wo ist denn die Jugendherberge, für die wir gebucht haben?“ Die Antwort kommt leise knurrend: „Die liegt auf der Feste“. Und Burgen liegen bekanntlich oben.

Grenzfahrer

(Ankunft im Paradies zu Jena. Katharina Baur, Katrin Meistrin, Kay Mandrik (v.l.n.r.). Photo privat.)

Hat das Sinn, was wir hier veranstalten, interessiert es denn irgend jemanden, ob sich drei mit ihren Trekkingrädern „vom Westen in den Osten“ aufmachen, gibt es überhaupt noch Grenzen, die überwunden werden müssen? Oder sind wir – längst mit anderen Vereinigungen, wie der europäischen, beschäftigt – schon über die Arbeit hinaus, die uns Wessis den Ossis und umgekehrt näherbringen soll? Ja und nein. Ja, die Leute sind interessiert. Ob das eine Dame ist, die ihre fast quadratmetergroße Sonderausgabe des ADAC-Straßenatlas in den Vorhof schleppt, um uns - nein, nicht nach Küps! – in die nächste Etappe zu leiten, und die sich dann in Beschreibungen des damaligen Grenzverlaufs verliert. Ob uns beim Italiener vom Vorabend morgens beim Vorbeifahren ein Cappuccino zur Wegstärkung angeboten wird, oder ob wir vom erfahrenen Rennradfahrer Geleitschutz bis zur nächsten, unübersichtlichen Weggabelung erhalten: Es wird erzählt und sich gefreut, erzählen zu können. Und nein. Die Arbeit ist noch nicht beendet.

Aufbruch nach Saalfeld. „Neeee, das schafft ihr nich, so wie ihr ausseht“, quäkt der wuchtige Autohausbesitzer und breitet unsere Karte auf einer Mercedeshaube aus, um über den Rennsteig zu referieren. Schwindelig von seinen Höhenmeterbeschreibungen, nähern wir uns dem Schiefergebirge. Wir fühlen das erste Mal, daß wir „woanders“ sind, wir erleben uns nicht mehr in heimischen Gefilden. Woher kommt’s? Anders riechen tut’s ja nicht. Stiller. Stiller wird es und, ohne Theatralik in das Ganze bringen zu wollen, - lebloser. Stockheim, Sonneberg, Judenbach, die Tettau entlang, irgendwas ist anders. Wer kann in Dörfchen um Erlangen herum schon mehr als zwei leerstehende Häuser nennen? Wer kennt schon ein Örtchen in der Fränkischen, das etwas Gespenstisches an sich hätte? Begreift man die Landflucht heute nicht hauptsächlich im Kontext von Schwellen- oder Entwicklungsländern? Gabe Gottes nennt sich ein Ort auf unserem Weg und hat mit seinen verwilderten Schrebergärtchen und zerfallenden Hausdächern etwas paradox Anrührendes an sich. Durch das spärlich vorhandene Leben wummern tief gelegte Breitreifen-Opel: Klischees werden bedient.

Später Nachmittag auf dem Rennsteig. Es geht bergab! Nein. Nicht im sprichwörtlichen Sinn, es geht - Wind-um-die-Nase, Käfer-frontal-gegen-die-Sonnenbrille - echt und endlich bergab. Wir nehmen uns vor, eine Postkarte an das Kronacher Mercedes-Autohaus zu schicken.

Saalfeld. Warum nicht? In Italien, Frankreich und Spanien pilgern wir auch in jedes noch so unbedeutende Kaff und beramschen unsere Digitalspeicherkarten mit mehr oder minder wertvollen Motiven. Es ist Samstag, viel scheint hier nicht zu passieren. Im „Pappenheimer“ gibt es Thüringer Rostbrätel und Geschichten eines echten Saalfelders zur Maueröffnungsparty. Da wurde der „Pappenheimer“ nämlich dichtgemacht. Am liebsten wäre man trotzdem in Berlin gewesen. In Erlangen hat der Sohn studiert. Schon nett. Aber in Saalfeld ist man zuhause.

Wertvolle Motive sind auch Geschichten der eigenen Landsleute.

Tag des Endspurts: Idylle. Je mehr wir uns Jena nähern, desto weniger wummern die Autos, und desto mehr scheinen Westen und Osten gemeinsam zu haben. Mit fränkischer Mundart kommen wir natürlich nicht mehr weit, aber man ist als Durchschnittsstudent heute ja mindestens mehrsprachig - und flexibel sowieso. Irgendwann kommt uns ein gelbes Schild am Straßenrand entgegen: Jena. Am Ziel. Wobei an dieser Stelle altbewährte Sprichwörter aufgefahren werden müssen. Ganz genau, der Weg war auch hier das Ziel. Ihr lieben Menschen, die wir zwischen Erlangen und Jena kennengelernt haben: Danke für volle Wasserflaschen und gute Wünsche, ein paar geklaute Erdbeeren und die Einblicke in eure Vorgartenkulturen. Liebe Lesende: Geht los und lernt euer Land kennen. Und liebe Anonyme mit der unbeantworteten Frage: Jena liegt in Thüringen.

Katharina Baur, Erlangen, FAU

Die Texte und Bilder sind ausschließlich für nichtgewerbliche Zwecke bestimmt. Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte liegen bei der Stadt Erlangen. Zuwiderhandlungen ziehen rechtliche Konsequenzen nach sich.

29.07.2009
» zurück zur Übersicht