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Das Leben der Unseren

Wo der Berg ruft und die Chemie stimmt

(aus der Dokumentation „Das Leben der unseren“. Stadt Erlangen, 2007)

Am 23. Januar 1990 zitieren die „Erlanger Nachrichten“ den Vizepräsidenten der Friedrich-Alexander-Universität, Kurt Geibel, mit den Worten, man verfüge an der Friedrich-Schiller-Universität über „sehr spezifische Fachkenntnisse auf Gebieten wie der Oberflächenphysik von Gläsern oder bei biokeramischen Materialien für Implantate, die uns fehlen.“ Aber er erwähnte auch seinen Besuch im Vorjahr an einem „bitterkalten Novembertag“, den er als „äußert deprimierend“ erlebt habe. Denn: „Professoren und Studenten mußten auch nachts und sonntags antreten, um Braunkohlen zu schippen, damit die Heizleitungen in den Unikliniken und den Laborgebäuden nicht einfroren.“

Doch wir greifen vor. Begonnen hat alles mit der Bergkirchweih oder besser mit einer Einladung des Erlanger „Instituts für Gesellschaft und Wissenschaft“ mit dem Forschungsschwerpunkt auf den Ländern des Warschauer Paktes an Ludwig Elm, Leiter des „Interdisziplinären Zentrums für Konservativismus-Forschung“ an der FSU Jena zu einem Vortrag. Das Symposium fiel anno 1987 - honi soit qui mal y pense - just mit der Bergkirchweih zusammen. Der angesehene Professor und Vorsitzende des „Kulturbundes“ muß hier sein Pfingsterlebnis gehabt haben, denn er sprach wohl in Zungen und mit Stadträten aller Couleur, natürlich seinen Kollegen und sogar mit Gästen aus Wladimir, die gerade ihre Partnerschaft mit Erlangen offiziell besiegelt hatten. Speziell aber saß er mit Kurt Geibel, dem „Außenminister“ der FAU, zusammen.

Ein Jahr darauf erging denn auch eine offizielle Einladung an den Erlanger Wissenschaftler, ausgesprochen vom zuständigen Ministerium der DDR. Wegen der Technischen und Naturwissenschaftlichen Fakultäten der FAU versprach man sich offenbar wissenschaftlichen Nutzen von einem Kontakt zu den Franken. Doch wie schwer sich der aufbauen ließ, kann man sich vorstellen, wenn man weiß, daß alle Gespräche offen und versteckt protokolliert wurden. So entschlüpfte dem Gast auch einmal entnervt der Satz in Richtung des Gesprächspartners: „Mir ist, als wäre eine Glaswand zwischen uns.“ Immerhin hatte die keine Wanzen. Das war ganz anders beim nächsten Treffen von zehn FAU-Professoren mit ihren Kollegen in Jena-Cospeda. Man sprach da zwar offen, war aber beileibe nicht unter sich, wie man dem Entschuldigungsschreiben vom 9. Februar 1990 des Dekans der Mathematisch-Naturwissenschaftlich-Technischen Fakultät, Ernst Uhlig, an Kurt Geibel entnehmen muß: „Mit großer Bestürzung habe ich zur Kenntnis nehmen müssen, daß in dem Gasthaus „Im grünen Baum zur Nachtigall“ in Cospeda bei Jena vom ehemaligen Staatssicherheitsdienst eine Abhöranlage eingebaut worden war. (...) Selbst wenn ich nicht annehmen möchte, daß diese Anlage während der Nachtsitzung in Betrieb war, ist es mir ein Bedürfnis, mich in aller Form für diesen Vorfall zu entschuldigen. (...) Die empörten Bürger haben das Interieur des Gasthauses zerstört.“

Dennoch stimmte die Chemie. Noch heute würdigt der Emeritus das „unkomplizierte Verhältnis“ mit den unmittelbaren Kollegen, die freilich von Ost-Berlin aus immer argwöhnisch ob ihrer eigenmächtigen Kontakte beäugt und belauscht wurden. Aber das sollte sich ja bald ändern. Schon im November 1989 kamen die Jenaer Dozenten zuhauf nach Erlangen, und am 19. November des Wendejahrs empfing Kurt Geibel die ersten 20 Studenten der FSU. Es waren angehende Chemiker, die den Anfang machten und das Eis brachen. Der Vizepräsident führte sie aufs Dach seiner Einrichtung in der Henkestraße und mußte erst einmal erklären, warum von den Schornsteinen nur Wasserdampf und nicht der von zu Hause gewohnte Braunkohlenrauch aufstieg. Die Nacht verbrachten die Gäste zum Teil in Schlafsäcken und Notbetten, vom Studentenwerk zur Verfügung gestellt, auf den Gängen eines Wohnheims.

Es folgten Hilfslieferungen an technischem Gerät. So wurden auf Bitten der Universität Erlangen-Nürnberg vom Bayerischen Kultusministerium DM 125.000 zur Aufrüstung der Institute, der Labors und Büros für die FSU in Jena bewilligt. Weitere DM 250.000 konnten von Rektor Nikolaus Fiebinger und Kanzler Thomas Schöck mit Kurt Geibel und Ministerialbeamten zur Verbesserung der Bibliothek der FSU überreicht werden. Erste Jenaer Kollegen führten, gefördert vom Deutschen Akademischen Austauschdienst, an der FAU z.B. ihre Molekülberechnungen mit dem Computer durch.

Schließlich beauftragte das Thüringer Kultusministerium den Erlanger Chemiker mit weiteren Kollegen, seinen Bereich in Jena personell neu zu strukturieren. Das bedeutete, all die belasteten Mitarbeiter nicht mehr mit universitären oder neuen Aufgaben zu betrauen. Wer Studenten und Kollegen geschuriegelt hatte, wurde ins Versuchslabor versetzt, wer leitende Funktionen nur politisch wahrgenommen hatte, mußte ins zweite Glied. Gräben taten sich auf, die sich manchmal sogar durch Familien zogen. „Da war ich auch mancher Schmähung und Bedrohung ausgesetzt. Keine leichte Aufgabe so etwas.“ Der feingliedrige Wissenschaftler ließ sich nicht einschüchtern. „Wir haben dafür gesorgt, daß nicht alle Stellen wiederbesetzt wurden, zwei wurden immer freigelassen, damit der Berufungsausschuß frisches Blut reinlassen konnte.“ Eine schlimme Entwicklung war, daß gerade die, „die wir nicht wollten“, kraft ihres damaligen Amtsmißbrauchs selbst jede Menge publiziert hatten, während oft viel fähigere aber weniger willfährige Mitarbeiter an der Veröffentlichung gehindert worden waren. Damit mußten sie nach der Wende den Beweis schuldig bleiben, gute Wissenschaftler zu sein, und kamen nicht an Fördertöpfe ran. „Diesen Mißstand behoben wir aber bald. Das hat uns nämlich furchtbar geärgert.“

Bis in die Mitte der 90er Jahre reiste Kurt Geibel mit seinen Kollegen fast alle zwei Wochen mit dem Zug nach Jena, um die Restrukturierung der Fachschaft Chemie zu vollenden. Ob er sich in der „Besser-Wessi-Rolle“ fühlte? „Nein, die Gutwilligen, und das waren die meisten, unterstützten mich voll. Sie waren froh, daß die alten Kader ausgespielt hatten. Sie waren froh, daß ihre baulich und ausstattungstechnisch maroden Institute wieder auf Vordermann gebracht wurden. Und sie waren froh, daß man den Frankenwein nicht mehr heimlich aus dem Kofferraum des Erlanger Gastes holen mußte.“

Kurt Geibel ist Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bandeebenso wie Bernhard Forssman, der Indogermanist, der seinem Fach in Jena zur Wiedergeburt verholfen hat. Ähnliches leisteten Hartmut Bobzin für die Orientalistik oder Ulrich Steltner in der Slawistik. Die Rektoren Nikolaus Fiebinger, Gotthard Jasper und Karl-Dieter Grüske begleiteten, förderten. Ihr Jenaer Kollegen Ernst Schmutzer, Georg Machnik und Klaus Dicke werden das nur bestätigen. Jede Liste dieser Art muß unvollständig bleiben. Jeder genannte ist auch stellvertretend aufgeführt für all jene, die dafür sorgten und sorgen, daß zwischen Erlangen und Jena nicht nur die Chemie stimmt, sondern Wissenschaft und Forschung mit einem menschlichen Antlitz betrieben werden.

P.S.: In diesem Jahr (2007) hat Jena den Titel „Stadt der Wissenschaft“ verliehen bekommen. Dazu auch an dieser Stelle die herzlichsten Glückwünsche aus Erlangen. Wir sind stolz auf „unser“ Jena!

Peter Steger

Die Texte und Bilder sind ausschließlich für nichtgewerbliche Zwecke bestimmt. Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte liegen bei der Stadt Erlangen. Zuwiderhandlungen ziehen rechtliche Konsequenzen nach sich.

29.07.2009
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