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Das Leben der Unseren

Ein Auslandsstudium und die Wahrheit über Jena

(aus der Dokumentation „Das Leben der unseren“. Stadt Erlangen, 2007)

Anfang Januar 1990

Irgendwie wollte ich übers Land fahren. Allein schon wegen des Geruchs. Es riecht anders, sobald man über die Grenze fährt, das weiß ich schon seit meiner Kindheit, vor allem in der kalten Jahreszeit. Die Braunkohle verbreitet einen Duft, den ich nur von hier kenne. Also Landstraße. Nach stundenlanger Fahrt taucht vor der Autobahnbrücke bei Göschwitz plötzlich die Silhouette von Jena-Lobeda auf. 30.000 Menschen wohnen in dieser sozialistischen Plansiedlung. Arbeiterschließfächer heißen die Plattenbauten im Volksmund, wie ich bald erfahre.

Ich bin auf der Suche nach dem Eichendorffweg, wo ich meinen neuen Freund R. besuchen will. Wir haben uns vor drei Wochen in Erlangen kennengelernt. Er kam zum ersten Westbesuch aus Jena nach Erlangen, Anfang Dezember, drei Wochen nach dem Mauerfall. Weil er auch mal „nach drüben“ wollte und nicht wußte wohin, keine Westverwandtschaft. Also egal und warum dann nicht in die neue Partnerstadt? Jetzt also mein Gegenbesuch. Ich freue mich auf ihn und auf die Universitätsstadt. Seit längerem nämlich fasziniert mich der Gedanke, in der DDR zu studieren, und auf einmal scheint ja alles möglich. Am zweiten Abend versuchen wir verzweifelt, in die „Rose“ zu kommen. Die angesagteste Party-Location in Jena, aber schon die unendliche Schlange am Eingang verheißt nichts Gutes. So endet der Abend im Volkshaus, was aber der guten Stimmung keinen Abbruch tut. Mein Entschluß steht fest. Ja, hier will ich studieren. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Ende Februar 1990

Beim zweiten Besuch tauchen erste Schwierigkeiten auf. Die Friedrich-Schiller-Universität (FSU) will DM 350 Studiengebühr pro Monat. Heute vielleicht gar nichts Ungewöhnliches, zu Zeiten allgemein gebührenfreier Unis eine unvorstellbare Summe. In drei Wochen sind die ersten freien Volkskammerwahlen, es wird keine frei gewählte SED-Regierung geben, so viel ist sicher, aber noch weiß keiner, was kommt. Ich entschließe mich abzuwarten, schon allein aus finanziellen Gründen. Die Zeit arbeitet für mich.

Mitte Mai 1990

Die „Studentische Linke“, die Weiterentwicklung des „Reformhauses“ (so nannten sich die aktiven Studenten in der Anfangszeit der Wende an der FSU), ist zum ersten Besuch im Westen beim Sprecherrat der Friedrich-Alexander Universität (FAU).

FSU meets FAU – oder Ost trifft West. Über einen Freund beim Sprecherrat bin ich zufällig in der „Besuchsplanungskommision“ gelandet. Dem gutgemeinten Versuch, den ostdeutschen Kommilitonen das komplette westdeutsche System in drei Tagen Kompaktprogramm einzutrichtern, setze ich entgegen, ein Bierkellerbesuch in der Fränkischen Schweiz könne auch ein wunderbarer Ort für west-östliche Annäherungsversuche sein. Tatsächlich endet so der dritte Tag nicht mit einem weiteren Instituts- oder Unternehmensbesuch, sondern mit einem Abend im Gras bei fränkischem Bier und Brotzeit. Man kommt sich näher, und irgendwann am Abend löst sich ein Satz von den Lippen: “Wenn ich da drüber nachdenke, daß ich jetzt hier beim Klassenfeind mit einem Bier in der Hand im Gras sitze, wo ich noch vor kurzem…“, sagt jemand, der erst vor einem Jahr seinen NVA-Wehrdienst an der Mauer abgeleistet hat. Es sind Welten, die sich da begegnen.

Anfang September 1990

Es hat geklappt. Gerade habe ich sogar noch mein grünes Sozialversicherungsbuch der DDR in die Hand gedrückt bekommen und bin somit an der FSU eingeschrieben. Einer von insgesamt vier Wessis, die den Sprung gewagt haben. Vorher mußte ich mich in Erlangen unter anderem noch um mein BAFÖG kümmern. Die DDR war Ausland, und für ein Auslandsstudium mußte man besondere Förderungen beantragen. So bekam ich bis Ende Dezember 1990 Auslands-BAFÖG. Das Thema Studiengebühren hatte sich er-wartungsgemäß nach den Volkskammerwahlen erledigt; somit stand meinem Studienwunsch in der DDR nichts mehr entgegen – eigentlich. Außer – der Wiedervereinigung! Denn in drei Wochen ist es aus und vorbei mit der DDR. Nicht einmal ein Jahr nach dem Mauerfall wird es ein wiedervereinigtes Deutschland geben, und die „Sowjetzone“ verkommt zur Fußnote der deutschen Geschichte. Unglaublich das Tempo der Veränderungen damals. Ich erinnere mich an eine Zeitungskarikatur ein Jahr später beim Zerfall der Sowjetunion, wo ein aufgeregter Journalist vor lauter sich überschlagenden Titelseiten steht und in den Telefonhörer brüllt: „Ist denn wenigstens der Papst noch katholisch?“ Eine über vierzig Jahre festgefügte Weltordnung wird innerhalb kürzester Zeit pulverisiert, – und aus meinem Auslandsstudium in der DDR wird eine innerdeutsche Angelegenheit.

3. und 7. Oktober 1990

Der Tag des Beitritts. Fast überall in Jena wird gefeiert. Das Bier fließt in Strömen, am Abend gibt es ein krachendes Feuerwerk. Auf mich und meine neuen Freunde dort, allesamt große Skeptiker in punkto schneller Wiedervereinigung, wirkt die Szenerie eher gespenstisch. Auch das Meer der Deutschlandfahnen weckt an diesem 3. Oktober, ganz anders als bei der WM 2006, eher beklemmende Assoziationen. Bis heute kann ich mich mit diesem Datum schwer anfreunden und glaube nach wie vor, daß es weiser gewesen wäre, den 9. November als schicksalhaftes Datum für die Geschichte der Deutschen im 20. Jahrhundert - im Guten wie im Schlechten – zum deutschen Nationalfeiertag zu erheben.

Der viel lustigere Abend findet vier Tage später statt. In der Nachbarstadt Weimar haben einige Freaks beschlossen, den 41. Jahrestag der DDR zu feiern. Zugelassen sind nur Besucher mit blauem FDJ-Hemd, rotem Pionierschal oder der GST-Uniform, einem paramilitärischen Anzug der „Gesellschaft für Sport und Technik“. Im Gegensatz zum ersten Eindruck, man werde da auf die überzeugte Restanhängerschar des untergegangenen Regimes treffen, finden sich hier lauter ausgelassene junge Leute ein, denen es einen Heidenspaß macht, die Symbole der alten DDR durch den Kakao zu ziehen und sich mit ihren erwartungsfrohen, offenen Gesichtern auf die neuen Zeiten zu stürzen. Höhepunkt des Abends ist kurz vor Mitternacht die Parodie auf eine klassische Parteitagsrede eines SED-Funktionärs, die vom begeisterten Publikum immer wieder durch rhythmische SED – FDJ Rufe unterbrochen wird. Und alles schallt durch die offenen Fenster hinaus auf den Weimarer Marktplatz – vier Tage nach der Wiedervereinigung. Köstlich.

Mitte Januar 1991

Es sind die kleinen Unterschiede, die auffallen. An allen Türen meiner Freunde hängen kleine Papierrollen und ein Bleistift, damit man jederzeit eine Nachricht hinterlassen kann, denn Telefone gibt es praktisch nirgends. Getroffene Verabredungen haben deshalb auch eine ganz andere Verbindlichkeit – ich kann eben nicht noch mal schnell anrufen und sagen, daß es eine halbe Stunde später wird. Man muß sich aufeinander verlassen können. Die Begrüßung erfolgt fast immer mit Händedruck, eine in meinen Kreisen im Westen durchaus eher unübliche Geste, was bei spontanen Ost-West-Begegnungen zu skurrilen Momenten führt, wenn die ausgestreckte Hand des Gastgebers un-erwidert im luftleeren Raum verharrt, während sich der Westbesucher nach einem kurzen „Hi“ ab- und der Getränkeversorgung zuwendet. Trotz gemeinsamer Sprache wächst nicht einfach zusammen, was zusammengehört. Wessi- und Ossiwitze haben Hochkonjunktur. Wie soll eine friedvolle Koexistenz zwischen den verschiedenen Kulturen und Ländern dieser Erde funktionieren, wenn schon die Verständigung der gleichen Nation nach 40 getrennten Jahren so schwerfällt?

Jena-Briefkasten

(Damals wurde in Vollradisroda der briefkasten mittwochs geleert. Ob es ihn heute überhaupt noch gibt? Photo privat.)

Ende April 1991

Die „Abwicklung“ der FSU ist in vollem Gange. Was heißt das? Alle DDR-Universitäten mußten sich Untersuchungen stellen, inwieweit sich Ihre Professoren und Mitarbeiter Stasi-Verstrikkungen oder anderer Verfehlungen im Rahmen ihrer Lehrtätigkeit schuldig gemacht hatten. Ein entsprechender Nachweis hatte meist die Beendigung des Dienstverhältnisses zur Folge. Als besonders belastet galten vor allem die Geisteswissenschaften und in Jena speziell auch die Psychologie. Eine seltsame Stimmung legt sich über die Universität. Die Abwicklungsverfahren sind sehr umstritten. Zahlreiche Uni-Angehörige, Studenten wie Mitarbeiter, sehen darin einen westdeutschen Willkürakt. Es kommt vielfach zu Protesten. In meinem Hauptfach Geschichte überstehen bis zum Sommer 1991 ganze zwei Professoren die Überprüfung, in meinem Nebenfach Soziologie wird gleich das komplette Institut abgewickelt. Schlechte Aussichten zum Bleiben. Wenigstens habe ich beim Ablegen der Zwischenprüfung noch mal ein Erlebnis der besonderen Art. Der Hochhausturm, für den die halbe Altstadt Jenas weichen mußte, errichtet zu Ehren des ersten DDR-Kosmonauten im All, Siegfried Jähn, wurde ursprünglich den Zeiss-Werken zur Verfügung gestellt. Erst als er sich für deren Zwecke als gänzlich ungeeignet erwies, vermachte man ihn kurzerhand der FSU. Und so darf ich im 16. Stock im Institut für Geschichte unter einem Karl-Marx-Porträt sitzen und mit einem westdeutschen Gastprofessor als Prüfungsstoff ein sehr deutsches Thema behandeln: „Hexenverfolgung“.

Anfang August 1991

Mit einem sehr weinenden Auge verlasse ich Jena. Die Stadt und ihre Menschen sind mir ans Herz gewachsen, ich liebe die Spaziergänge in die Umgebung: Mein Lieblingsweg geht nach Vollradisroda, ein Name wie ein wildes Versprechen. Ich habe viel nachgedacht über andere und über mich selbst. Ich habe mich oft gefragt, wie meine Entwicklung in der DDR wohl verlaufen wäre, ob ich an der Mauer gedient hätte oder bei den Widerspenstigen gewesen wäre, etwa in der regimekritischen Bewegung „Schwerter zu Pflugscharen“, die in Jena ihre Ursprünge hatte. Und ich habe begriffen, daß nichts schlimmer ist, als eine Wahrheit, seine eigene Wahrheit, über alles andere zu stellen. Dafür gibt es einfach zu viele Wahrheiten. Aber Jena ist wunderschön – und das ist die Wahrheit. Schon drei Jahre später wird es mich wieder hierherziehen – in die Gerbergasse über der „Weintanne“.

Till Fichtner, Erlangen

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29.07.2009

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