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Das Leben der Unseren

Vierzehn Heilige und siebzehn Gipfeltreffen

(aus der Dokumentation „Das Leben der unseren“. Stadt Erlangen, 2007)

Am Nikolaustag 1989 verfaßte Günter Müller, Sektionsleiter für Wandern/Bergsteigen/Ski- und Ausdauerlauf der Betriebssportgemeinschaft Jenaer Glaswerke einen Brief an den „Herrn Oberbürgermeister der Stadt Erlangen“, in dem es heißt: „Auf Grund der neuen Reisemöglichkeiten sind wir interessiert, mit einem Wanderverein Ihrer Stadt oder Ihres Landes Kontakt aufzunehmen. Dabei sollte ein gegenseitiges Kennenlernen der Wanderfreunde untereinander und gemeinsame Wanderungen und Bergfahrten das Ziel sein.“

Das Schreiben nahm seinen Weg. Der Adressat leitet es weiter an Fritz Mainzer, 2. Vorsitzender der Sportgemeinschaft Siemens Erlangen, der seinerseits Klaus Schuster, den Abteilungsleiter der Bergsteigergruppe in der SGS, bat, sich des Kontaktwunsches anzunehmen. Die ersten Briefe gingen hin und her, und schon am letzten Februarwochenende 1990 besuchten sieben Bergfexe aus Erlangen die Vereinshütte „Am Helenenstein“, oberhalb des Saaletals, südlich von Jena. In der verschneiten Hütte taute das letzte Eis des Kalten Krieges ganz schnell weg. Informationen wurden ausgetauscht, man zeigte „Diapositive“, referierte über Ämter und Strukturen. Vor allem aber: Man fand zueinander.

Das gemeinsame Naturerlebnis, die Entrücktheit von den Niederungen der Politik und des Alltags, die bei allen Unterschieden vorhandene strukturelle und soziale Übereinstimmung von Betriebsorganisationen – Zeiss und Schott auf der einen, Siemens auf der anderen Seite -, das alles hat seine verbindende Rolle gespielt. Sicher auch hier wie dort die Neugierde, all die Wege und Pfade zu beschreiten und all die Gipfel zu erklimmen, die über vierzig Jahre nur auf der Landkarte der Phantasie zugänglich waren.

Stuibenfall

(Der Stuibenfall bei Umhausen, längst gemeinsames Wanderziel. Photo Gemeinde Umhausen.)

Für Mitte Mai 1990 luden die Erlanger dann zum Gegenbesuch sechzehn Bergwanderer aus Jena ein. Ein richtiges Familientreffen sollte es werden in die Nähe von Scheßlitz, auf der Jurahütte des Coburger Alpenvereins. Hier baute man auch eine Brücke zum Erlanger Alpenverein, dem das Gros der SGS-Mitglieder angehörte. Dieser hat seine eigene Wandergruppe, und die schlug einigen Gästen eine Tour über die Friesener Warte vor. Was daraus wurde, kann sich Klaus Schuster bis heute nicht so recht erklären. „Unglaublich, wie eng unsere Verbindungen wurden!“ Damals im Mai 1990 feierte die Erlanger Sektion des Deutschen Alpenvereins ihr hundertstes Gründungsjubiläum. Und das fast gesetz- und satzungsmäßig in der freien Natur. Also stand nach der Friesener Warte anderntags eine Wanderung durchs Maintal zur Basilika Vierzehnheiligen auf dem Programm. Und nun wird es wirklich programmatisch. Wer weiß, daß der kleinste Ortsteil von Jena den gleichen Namen wie das hell-verspielte Gotteshaus im Land der Franken trägt, wird nicht daran zweifeln, daß der weitere Verlauf der Kontakte unter dem besonderen Schutz der vierzehn Nothelfer steht. Der Geist, der hier waltete, lebt bis heute fort in den sogenannten „Herbsttreffen Jenaer und Erlanger Bergfreunde“. Der Anregung, sich im September 1991 auf der Vilseralm zu einem „Herbsttreffen“ einzufinden, folgten 50 Teilnehmer, 32 aus Jena, 25 aus Erlangen. Seither - und darüber wird, wie es sich für einen deutschen Verein ziemt, penibel Buch geführt - fanden siebzehn dieser Gipfeltreffen zwischen Erlangen und Jena statt, immer unter einem thematischen Schwerpunkt, wie heuer vom 1. bis 4. Oktober „Burg Feuerstein: Burgen und Höhlen in der Fränkischen Schweiz“, zu dem sich bereits jetzt, Anfang Juli fast fünfzig Teilnehmer angemeldet haben. Und wo wir schon bei Statistiken sind: Nur einmal, nämlich 1992 bei den „Wanderungen im Elbsandsteingebirge“, herrschte Gleichstand, ansonsten waren die Teilnehmer aus Jena immer in der Überzahl. Woran das wohl liegen mag? Nehmen wir lieber die Tagesteilnehmerzahl. Da kommen wir auf eine Höhe von 3.000.

Fast auf einer Höhe von 3.000 liegt auch die „Erlanger Hütte“. Als die im Vorjahr ihr 75jähriges Jubiläum beging und Erlangen mit und in Umhausen anläßlich der Unterzeichnung einer partnerschaftlichen Vereinbarung ein Straßenfest feierte, waren – wen wundert es noch? – auch Gäste aus Jena mit von der Partie. Just dort sagte der Wahl-Umhausener und ehemalige Ministerpräsident von Thüringen, Bernhard Vogel, zu, nicht nur die Schirmherrschaft über diese Verbindung zwischen Franken und Tirol zu übernehmen, sondern auch die Festrede am 3. Oktober 2007 zum 20. Jubiläum der Städtepartnerschaft mit Jena in Erlangen zu halten. Muß noch erwähnt werden, daß auch Mag. Jakob Wolf, Bürgermeister von Umhausen, zum Tag der deutschen Einheit erwartet wird? Da wächst mehr zusammen, als nur das, was ohnehin zusammengehört.

Nachzutragen bleibt, daß sich in der Partnerstadt schon am 21. März 1990 unter Leitung von Dieter Lehmann der „Jenaer Alpenverein e.V.“ gründete. In der Einladung, der u.a. Felix Wosnitzka, der heutige Vorsitzende des DAV, folgte, hieß es: „Für den Beginn unserer Arbeit sind wir sehr auf die Hilfe bereits seit langer Zeit bestehender Sektionen angewiesen. Die Städtepartnerschaft Erlangen – Jena ist in den letzten Monaten sehr lebendig und konkret geworden. Wir staunen immer wieder, wie offen, freundschaftlich und hilfsbereit wir von den Bürgern des anderen Deutschland angesprochen werden.“ Nach der Wiedervereinigung beschloß die Mitgliederversammlung am 7. Dezember 1990 (einen Tag und ein Jahr nach dem Brief von Günter Müller!) den Beitritt zum Deutschen Alpenverein, die Bergfreunde der Betriebssportgruppe Jenaer Glaswerke hatten schon am 26. Oktober 1990 mit Erlanger Unterstützung den „Touristikverein Die Naturfreunde“ gegründet.

Und noch ein anekdotischer Nachtrag: Felix Wosnitzka hatte bereits 1988 Gelegenheit, ein Delegationsmitglied aus Jena zu fragen, ob es in der Partnerstadt eine Klettergruppe gebe. „So etwas haben wir nicht“, kam die kategorische Antwort. Später, auf der Toilette, steckte ihm ein anderer Gast, der mitgehört hatte: „Glauben Sie dem Herrn bloß nicht alles!“

Ob Evelin Korn, die zu DDR-Zeiten davon träumte, einmal die Alpen zu sehen und dann zu sterben, bei diesem oder jenem Verein Mitglied wurde, bleibt zu recherchieren. So oder so: Es liegt ein Segen auf den Wanderern und Bergsteigern. St. Nikolaus und die vierzehn Nothelfer stehen dafür. Berg Heil!

Peter Steger

Die Texte und Bilder sind ausschließlich für nichtgewerbliche Zwecke bestimmt. Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte liegen bei der Stadt Erlangen. Zuwiderhandlungen ziehen rechtliche Konsequenzen nach sich. 

17.04.2009
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