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Das Leben der Unseren

Vaterfreuden der Städtepartnerschaft Erlangen - Jena

Auch bei vorsommerlichen Temperaturen und strahlendem Himmel trifft sich in wechselnder Zusammensetzung eine bis zu fünfzehnköpfige Schülergruppe des Ohm-Gymnasiums lange nach dem regulären Unterricht Mittwoch für Mittwoch nachmittags in der Leseecke der Bücherei, um unter Anleitung von Hedwig Pichlmayr-Blessing und Hans-Martin Kühl an ihrem Zeitzeugenprojekt zum 20. Jahrestag des Mauerfalls zu arbeiten. Es handelt sich dabei um ein Vorhaben, für das – wofür hat schon eine so lebendige Partnerschaft?! – auch das Schott-Gymnasium in Jena gewonnen wurde. Noch in den Pfingstferien soll eine Schülergruppe von der Saale an die Regnitz kommen und im luftigen Schatten der Bergkirchweih die Arbeitsteilung besprechen. Bis zum Herbst, möglichst schon zum 3. Oktober, soll ja ein oder vielleicht sogar schon das Ergebnis der Kooperation sichtbar sein.

Heute, am 20. Mai., berichtet zum Auftakt des Zeitzeugenprojekts ein ganz besonderer Akteur der Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir von seiner Initiative, die bis weit in den Kalten Krieg zurückreicht. So lebendig und packend versteht es Claus Uhl, die Umstände zu erläutern, die ihn zum glücklichen Vater dieser deutsch-deutschen Verbindung gemacht haben, daß der vorbereitete Fragebogen in der Mappe bleiben kann.

Claus Uhl und Schüler des Ohm-Gymnasiums (Jena)

Claus Uhl ist auch politisch seinem Beruf als Architekt verbunden, als er unter dem Eindruck der neuen Ostpolitik Willy Brandts, der bei seinem Besuch in Erfurt 1969 von den Menschen gefeiert wird, seine CSU-Fraktion schon 1970 dazu bewegt, die bundesweit erste Initiative zur Aufnahme einer Partnerschaft mit einer Stadt in der DDR fast einstimmig zu befürworten. Freilich hat er sich da bei seinen politischen Freunden, die derlei illusorischen Ambitionen und Projekten wenig abgewinnen konnten, zunächst eine blutige Nase geholt, und nur der Weitsicht des damaligen Oberbürgermeisters, Heinrich Lades, ist es zu verdanken, daß die kühne Idee nicht gleich ganz verworfen wurde. Claus Uhl erhielt vielmehr den Auftrag, sich erst einmal Unterstützung seitens der großen Politik zu holen, und die zu gewinnen, setzte er einige Monate dran. Immerhin erhielt er von allen für innerdeutsche und internationale Fragen zuständigen Seiten Zuspruch, versicherte sich aber auch noch der Zustimmung der SPD-Fraktion im Erlanger Stadtrat, mit der im Rücken er seinen Antrag auch bei einer Kampfabstimmung hätte durchsetzen können. Dies aber nur als Drohung, denn ihm war klar, daß die Politiker in der DDR - wenn überhaupt - nur von einer möglichst großen Mehrheit zu überzeugen waren. In einer historischen Nachtsitzung, konfrontiert mit der visionären Streitlust des einzelkämpferischen Fraktionskollegen, rief Heinrich Lades den Parteivorsitzenden Franz-Josef Strauß an, der mehr nolens als volens schließlich mit einem „Meinetwegen“ seinen Segen zu der Sache gab.

Noch viel Staunenswertes gäbe es zu berichten, etwa wie der heute 70jährige, mittlerweile zur SPD gewechselt, 1985 bei einer Reise mit seinem Freund Karl-Heinz Hiersemann an Deck der Regierungsjacht vor Warnemünde mit dem persönlichen Mitarbeiter von Hermann Axen, einem der führenden Köpfe der SED, gegen die steife Briese und nach einigen gemeinsamen Gläsern Cognac räsonierte, wie schön es wäre, wenn die DDR die Russen und die BRD die Amis rauswerfen und sich dann wiedervereinigen könnte. Viele sprachen in der Zeit von der Wiedervereinigung, aber längst nicht alle glaubten daran. Claus Uhl gehörte zu letzteren und bewies mit seinem ebenso hartnäckigen wie zielstrebigen Handeln, daß der Glaube auch Grenzen und Mauern überwinden kann. Zu seinen schönsten Erlebnissen gehört sicher – wieder war es tief in der Nacht – als ihn mitten in Frankreich der Anruf von Karl-Heinz Hiersemann mit der Nachricht erreichte, er habe das Plazet von Erich Honecker zur Partnerschaft mit Jena, von Beginn an Wunschpartner wegen der vielen Gemeinsamkeiten von Wissenschaft bis Wirtschaft.

Doch ausgerechnet in der Periode, als die Partnerschaft offiziell besiegelt wurde, war der Sitz von Claus Uhl im Stadtrat anders besetzt. Der neue Oberbürgermeister, Dietmar Hahlweg, führte mit seinem diplomatischen Geschick den Stadtrat geschlossen in die Zusammenarbeit mit Jena.Ein wenig Wehmut ist da schon herauszuhören, wenn Claus Uhl von den Delegationen erzählt, die darauf immer munterer hin- und herreisten, ohne den geistigen Vater der Partnerschaft. Aber an seinem Vaterglück ändert das nichts. Er verfolgt weiter aufmerksam die Entwicklung der Jumelage und freut sich über jede neue Initiative. Und so nimmt er gern die Einladung an, auch bei weiteren Sitzungen und Veranstaltungen der Schüler dabeizusein und zu sehen, wie die Jugend hier wie dort die Geschichte des einst geteilten Deutschlands und der jetzt so eng verbundenen Partnerstädte erlebbar macht.

Doch nun soll dem Projekt hier nicht weiter vorgegriffen werden. Nur noch der Hinweis darauf, daß die Geschichtswerkstatt Jena im Heft 1/07 zwei ausführliche Berichte zur Städtepartnerschaft und deren „Vater“ veröffentlicht hat, - zu beziehen über www.geschichtswerkstatt-jena.de.

P.S.

20.05.2009
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