Sie haben Javascript deaktiviert und können somit nicht alle Funktionen dieser Website benutzen. Um Ihnen ein bestmögliches Surferlebnis zu ermöglichen, sollten Sie Javascript in Ihrem Browser aktivieren.

Projekte und Kontakte

Wir haben große Hoffnung auf Sie!

Will man den Geist der Erlanger Partnerschaften verstehen, sollte man Siegfried Haas zuhören – und sich dafür viel Zeit nehmen. Man wird nämlich kaum jemanden finden, der auf einen Erfahrungsschatz, auf eine Zitatensammlung und einen Bekanntenkreis zurückblicken kann wie der Fraktionsführer der CSU von 1966 bis 1972. Kaum einen wird man finden, der so vertraut ist mit der Geschichte der Kontakte mit Eskilstuna, Rennes, Wladimir, Stoke-on-Trent und ganz besonders mit Jena. Kaum einen, der über eine so lange Zeit all die vielen Verbindungen lebendig hält und pflegt – wieder besonders mit Jena. Und kaum einen, der sich so luzide und lebhaft an Gespräche und Begegnungen erinnert.

Jena – Erlangen ist für den ehemaligen Siemens-Mann eine Gleichung des Herzens. Auch wenn er, zugegeben, damals 1969 / 1970 den Vorstellungen des Heißsporns Claus Uhl nicht uneingeschränkt folgen mochte. Die Fraktion war damals durchaus uneins in der Frage, ob man tatsächlich den kühnen Vorstoß mit einem Antrag auf die Städtepartnerschaft mit Jena oder einer anderen Stadt in Thüringen mittragen sollte. Aber als dann Oberbürgermeister Heinrich Lades im nächtlichen Ferngespräch vom Parteivorsitzenden Franz Josef Strauß das Einverständnis erhielt, gab es kein Zaudern mehr. Das Votum war einstimmig. Für Siegfried Haas bis heute eine richtige Entscheidung, denn selbst wenn damals nicht absehbar war, was einmal die Geschichte alles würde möglich machen, leuchtete doch schon seinerzeit  die enge geistesgeschichtliche Verbindung zwischen Erlangen und Jena ein: Hier die einzige protestantische Gründung einer Universität in Bayern, dort ein Zentrum der Reformation in Mitteldeutschland, um nur einen Aspekt herauszugreifen.

Jena - Haas 6

Vielleicht ist das Geheimnis der Anerkennung, die der noch immer ehrenamtlich für die Caritas aktive Rentner in Erlangen wie in Jena bis heute genießt an einem Satz festzumachen, den er eher beiläufig fallen läßt: „Wir waren immer ehrlich zueinander.“ Und der gebürtige Erlanger hatte auch immer Verständnis für die Position der anderen, auch wenn er diese alles andere als teilte. Nur so ist zu verstehen, daß der Gast aus Erlangen dem Oberbürgermeister Hans Span in Jena auf den Kopf zu sagen konnte, er habe es wohl mit der Erlanger Presse ein für alle Mal vergeigt. Warum? Udo B. Greiner, der Chefredakteur der Erlanger Nachrichten, saß nach der Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde nicht an der Festtafel mit der Politprominenz, sondern fand sich im Nebenzimmer mit den Chauffeuren wieder. In der Denkweise der SED-Kader logisch, denn beide Berufskategorien gehörten zu denen, die nur laut Anweisung von oben handeln durften und als untergebene Dienstleister galten.  Auch hinsichtlich der Rolle der Ehefrauen gab es unterschiedliche Standpunkte. Auf die Frage, was denn seine Gattin über die Annäherung von Erlangen und Jena denke, gab Hans Span knapp zurück: „Was hat meine Frau denn mit meinem Beruf zu tun?“ Ernster ging es dann schon bei dem Komplex Friedenspolitik zu. Doch selbst da gelang es Siegfried Haas offenbar, eine Bresche in die Brüstung zu schlagen, als er seinen Gesprächspartnern das Eingeständnis abrang, es sei doch erquicklicher, über das Bockbierfest in Jena zu sprechen als über die Mittelstreckenraketen von NATO und Warschauer Pakt.

Dabei war es just die Friedenspolitik, die beinahe zum Bruch geführt, das Partnerschaftsabkommen zum Scheitern gebracht hätte. Bis zuletzt rang man am 8. April 1987 um jede Formulierung, besonders um die Rolle der Friedenspolitik. Jena wollte diese ohne jeden Abstrich im Vertrag fixiert wissen, doch mit der CSU war das nicht zu machen. Aus gutem Grund, wie Siegfried Haas erinnert: „Die Stadt Jena war ein Regierungsorgan, das auszuführen hatte, was Ost-Berlin vorgab. Erlangen konnte demgegenüber als Selbstverwaltungsorgan nicht plötzlich eine eigene Politik gegenüber der DDR proklamieren. Jedenfalls nichts festlegen, wofür es vom Wähler keinen Auftrag gab.“ Deshalb bat er denn auch die Gastgeber darum, nichts zu verlangen, was man nicht geben könne. Und Dietmar Hahlweg, seinem Oberbürgermeister, schlug der Verhandlungsführer der CSU schließlich die Formulierung vor, die Partnerstädte werden sich „im Rahmen ihrer Kompetenzen und Möglichkeiten“ für den Frieden stark machen. Darin fanden sich beide Seiten wieder, und niemand hätte später den Vertragstext vor Gericht anfechten können – wegen etwaiger Kompetenzüberschreitung der Erlanger Delegation.

              Jena - Haas 12

Bei der späteren Pressekonferenz war dann eigentlich vereinbart worden, keine Fragen zu stellen. Völlig unerwartet kam dann doch von Hans Span die rhetorisch Aufforderung: „Möchte noch jemand zu Wort kommen?“ Die Gelegenheit ergriff Siegfried Haas mit der Gegenfrage: „Meinen Sie das ernst?“ Um dann gleich darauf, einige lobende Worte über die Gastfreundschaft, den Aufschwung bei Zeiss und den erkennbaren Willen zu Frieden und Verständigung zu sprechen. Doch die Ergebnisse der Gespräche müsse man zunächst zu Hause in den eigenen Gremien diskutieren. Dies wiederum bewegte Dietmar Hahlweg, den Stadtrat sanft zu tadeln und darauf hinzuweisen, ein jeder in der Delegation vertrete eben seine Meinung. Nun geschah das gänzlich Unerwartete: Vizebürgermeister Meier ergriff das Wort und machte Siegfried Haas das schönste Kompliment, das sich ein CSU-Mann damals nur wünschen konnte: „Kollege Haas ist wie sein Partei-Vorsitzender: Wenn er ja sagt, meint er ja, wenn er nein sagt, meint er nein!“ Im „Neuen Deutschland“ vom 10.04.87 war davon in dürren Worten zu lesen: „Auf einer abschließenden Pressekonferenz erklärte Siegfried Haas, Mitglied der CSU-Fraktion des Erlanger Stadtrates, daß er ehrlichen Respekt vor der Ernsthaftigkeit und Engagiertheit empfinde, mit der die Jenaer Kommunalpolitiker für die Friedenssicherung eintreten. Davon werde er auch in seiner Heimatstadt berichten.“

Zwischen den Zeilen aber und im Vertrauen, so Siegfried Haas in der Rückschau, konnte man flachsen, sogar mit einer überzeugten Parteisoldatin wie Roswitha Schmidt, die meinte, wenn Jesus heute auf die Welt käme, täte er das als Kommunist. Worauf sich der Erlanger zu erwidern erlaubte, das Christentum sehe aber keine Zwangsmaßnahmen vor und lasse jedem seine Überzeugung und Gewissensentscheidung. Oder wenn die Gastgeber die großartigen Möglichkeiten lobten, mit Hilfe von Betrieb und Staat Urlaub zu machen, und dann jemand hinter vorgehaltener Hand wissen ließ, was dieser Luxus tatsächlich koste, wie viel der Betrieb drauflegen müsse. Da konnte Siegfried Haas dann oft nicht an sich halten und meinte, man brauche in Erlangen weder Stasi noch sonstige Aufpasser. Dafür habe man die Bürgerversammlungen, wo jeder das Recht habe, seine Meinung zu sagen. Genug Stoff für Hans Span, Siegfried Haas einmal einen „Piraten“ zu nennen. Der freilich blieb nichts schuldig und ließ sein Gegenüber wissen: „Sie stehen mir da in nichts nach!“ Unwidersprochen.

Jena - Haas 11

Ein Schlüsselerlebnis hatte der Erlanger Kommunalpolitiker schließlich auf dem Platz der Kosmonauten (heute wieder Eichplatz), als zwei ältere Damen auf die offizielle Delegation zukamen und ungeachtet der Anwesenheit von Hans Span sagten: „Sie sind doch aus Erlangen? Bleiben Sie fest! Wir haben große Hoffnung auf Sie!“ Spätestens von da an gab es für Siegfried Haas keinen Zweifel mehr: Man war auf dem richtigen Weg!

Wie schnell der Weg dann in die Wiedervereinigung führte, hätte sich damals freilich niemand vorstellen können. Als es aber dann soweit war, blieb auch da Siegfried Haas nicht abseits. Er sorgte für das notwendige Material beim ersten Wahlkampf der CDU in Jena 1990, half inhaltlich beim schweren Start mit all den unerwarteten personellen Wechselfällen, sammelte Spenden, die alle umgesetzt wurden in Computer, Drucker, Kopierer, Plakate… Und vor allem knüpfte er Kontakte zwischen Erlangen und Jena, die bis heute leben, auch über die Parteigrenzen hinweg. Als 1996 nach 30 Jahren der ehrenamtlichen Arbeit im Stadtrat Siegfried Haas sein Mandat niederlegte, bedeutete das für den Träger der Bürgermedaille und des Bundesverdienstkreuzes mitnichten, auch die Partnerschaft mit Jena ad acta zu legen. Sie wirkt in ihm weiter – auch als Verpflichtung und Vermächtnis für die jüngeren Generationen, denen die Geschichte das Geschenk eines geeinten Vaterlandes gemacht hat, eine Geschichte, in der Siegfried Haas ein eigenes Kapitel mitgeschrieben hat.

Peter Steger, 26.04.12

 

08.09.2012
» zurück zur Übersicht

Weiterführende Informationen