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Projekte und Kontakte

In Jene studiert sich's bene

Die Städtepartnerschaft Jena - Erlangen besteht nun seit 25 Jahren. Davon zeugen viele Kontakte zwischen Einrichtungen, Vereinen und Institutionen, deren Aktivitäten sich wie ein buntes Mosaik auf den Homepages beider Städte wiederfinden. Das Jubiläum in diesem Jahr ist daher guter Anlass und sogar Bedürfnis, auch die partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen den Studentenwerken Erlangen-Nürnberg und Thüringen mit Sitz in Jena zu würdigen.

Studentenwerke als soziale Dienstleister sind in jeder Hochschulstadt ein wichtiger Partner für die Studierenden und tragen somit auch zu einem attraktiven Lebensraum Hochschule bei. Von dieser heute ganz selbstverständlichen Tatsache hatte man vor 25 Jahren in Jena keine Vorstellung. Ich übernahm im Frühjahr 1989 an der Friedrich-Schiller-Universität die Leitung des Direktorats Wirtschafts- und Sozialeinrichtungen, das für die Mensen, Kindertagesstätten, Ferieneinrichtungen und einige Servicebereiche zuständig war. Da das Leben in einem Studentenwohnheim dem Erziehungsprozess der Studierenden, von denen mehr als 80% dort wohnten, zugeordnet war, wurden diese damals noch von den für den Studienalltag zuständigen Bereichen der Universität verwaltet. Auch die Stipendien, die beinahe alle der damals gut 4.000 Studierenden in Höhe von 200 Mark erhielten, wurden dort nach planwirtschaftlichen Vorgaben zahlbar gemacht.

Heinz-Dieter Zimmermann in Jena

Ebenso war damals nicht bekannt, dass bereits 1921 der Jenaer Studentenhilfe e.V. gegründet worden war, aus dem dann 1929 das Studentenwerk Jena hervorgegangen ist. 1948 wurde die deutschlandweite Entwicklung der studentischen Selbsthilfe durch die sowjetische Besatzungs-macht per Dekret in Ostdeutschland beendet und deren Einrichtungen in die Universitäten überführt. Bemühungen des Deutschen Studentenwerks vor 1989, über die Entwicklungen in der Bundesrepublik Deutschland zu informieren, landeten häufig in verschlossenen Schränken der Rektorate.

Auf Grund der Städtekontakte Jena - Erlangen besuchte auch der ehemalige Geschäftsführer des Studentenwerks Erlangen-Nürnberg, Heinz-Dieter Zimmermann, im Wende-Winter 1989/90 Jena und lernte hier vor Ort die Sozialeinrichtungen der Universität kennen. Er erfasste sofort, woran es ganz dringend mangelte und worauf perspektivisch Wert zu legen sei. So erkannte er auch die historische Bedeutung des Studentenhauses am Philosophenweg, 1929/30 nach Plänen von Architekten des Weimarer Bauhauses gebaut. Er unterstützte uns bspw. nachhaltig auch in Verhandlungen mit dem noch zuständigen DDR-Ministerium. Dabei gab er die Empfehlung,  die 1989 begonnenen Sanierungsarbeiten in diesem Hauses nicht nach dem Zufallsprinzip durchzuführen, sondern denkmalpflegerische Gesichtspunkten in den Mittelpunkt zu rücken. Für die Mensaeinrichtung in diesem Gebäude konnte er auch das Ingenieurbüro Schmid & Partner gewinnen, damit bei den Planungen die moderne, uns zum Teil unbekannte Küchentechnik in zeitgemäßen Küchenabläufen zum Einsatz kommen konnte. Ein eigentlich üblicher Vertrag über diese Planungsarbeiten wurde erst über ein Jahr später nach deren Fertigstellung abgeschlossen, als nach der vollzogenen deutschen Einheit auch die Finanzierung des gesamten Sanierungsvorhabens sichergestellt war. Eine Gedenktafel im Eingang des Studentenhauses am Philosophenweg erinnert noch heute an diese großartige Unterstützung vor über 20 Jahren.

 Gemeinsam vor dem Studentenhaus in Erlangen

Natürlich nutzten wir die im Rahmen der nun belebten Partnerschaft auch in der umgekehrten Richtung. In dieser Zeit, in der viele Hochschulen im Osten noch gar keine Vorstellung über die weitere Entwicklung hatten, konnten sich Mitarbeiter der Universität Jena schon mit der Organisation westdeutscher Universitäten und die Arbeit der Studentenwerke in Erlangen vertraut machen. Die Ausdehnung des Hochschulbildungsrahmengesetzes auf das zukünftige Beitrittsgebiet wurde schon im Sommer 1990 immer greifbarer. Mit der Umsetzung einer ersten Verwaltungsreform in der Jenaer Universität im Mai 1990 lösten nun einheitlich Dezernate und Referate die bis dahin verschieden strukturierten Verwaltungsbereiche ab. Dem Dezernat für Wirtschafts- und Sozialeinrichtungen wurden auch die Wohnhäuser für Studierende zugeordnet und im Organigramm in Klammern bereits der Begriff Studentenwerk vermerkt. Mit diesen Kenntnissen ausgestattet, hatte ich schließlich auch die Gelegenheit, in einer Arbeitsgruppe des „Ministeriums für Hochschulwesen“ an der Verordnung zur (Wieder-) Errichtung von Studentenwerken im Osten Deutschlands mitzuarbeiten. Diese Verordnung wurde auf der letzten Sitzung eines DDR-Ministerrates am 17.09.1990 auch verabschiedet.  

Heinz-Dieter Zimmermann in Jena

Die erste Aufgabe der zum 01.11.1990 gegründeten Studentenwerke war die Umstellung des bisherigen „Stipendiensystems für (fast) alle“ auf die mit hohem bürokratischem Aufwand verbundene Förderung der Studierenden nach dem BAföG. Im Frühjahr 1991 folgte dann die Herauslösung der dem Studentenwerk zugeordneten Bereiche wie Mensen, Wohnheime, Kitas usw. aus den Hochschulen. Damit verbunden war neben der Sicherung des laufenden Betriebs auch die Vorbereitung und Durchführung umfangreicher Sanierungsarbeiten – das Aufbauwerk „Aufschwung Ost“ machte diese möglich. Die Mitarbeiter der neuen Studentenwerke nutzen nun auch in „breiter Front“ die Möglichkeiten des Lernens und Erfahrungsaustausches bei den Kolleginnen und Kollegen in Erlangen. Dort wurden wir immer wieder ausgesprochen herzlich aufgenommen und kollegial und unkompliziert mit allen Arbeitsabläufen vertraut gemacht. Mit einigem Staunen erfuhren wir, was es heißt, Mensen nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu betreiben: verschiedene Anbieterpreise im Einkauf zu vergleichen, Essenpreise zu kalkulieren und dabei immer den Servicegedanken im Kopf zu haben. Ähnliche Erfahrungen sammelten wir bei der Bewirtschaftung der Wohnheime. Hier ging es um Mietkalkulationen, Betriebskosten für Strom, Heizung, Wasser, um Reinigungsleistungen, Hausmeisterdienste uns vieles mehr. Die vielfältigen Kontakte auf allen Arbeitsebenen halfen uns, Prozesse und Abläufe von Studentenwerken zu verstehen und in Jena zu organisieren.

Auch auf internationaler Ebene entwickelte sich eine fruchtbringende Zusammenarbeit. Während die Jenaer Universität seit vielen Jahren gute Kontakte zur Jagellonen-Universität in Krakau pflegte, bestanden zwischen Erlangen und der Krakauer AGH (Akademia Górniczo-Hutnicza) ebenfalls gute Kontakte. Gemeinsame kulturelle und sportliche Austauschprogramme mit beiden polnischen Hochschulen bildeten die Grundlage für einen vielfältigen Austausch unter den Studierenden aus Erlangen, Krakau und Jena. Die Einbeziehung in die seit vielen Jahren bereits bestehenden Kontakte zwischen dem Studentenwerk Erlangen-Nürnberg und dem CROUS Rennes öffnete Studierenden und Studentenwerkern aus Jena unkompliziert auch erste Türen in die für uns neue Welt in Westeuropa. Und schon bald waren tri-nationale Treffen die Folge, die in den europäischen Kulturhauptstädten Weimar und in Krakau 1999 bzw. 2000 mit großen Studentenfestivals wunderbare Höhepunkte fanden.        

Gäste aus Erlangen und Rennes in Jena

Inzwischen ist das Studentenwerk Jena im Verbund mit den 1991 gegründeten Studentenwerken Erfurt, Ilmenau und Weimar im Studentenwerk Thüringen aufgegangen, dessen Sitz sich in Jena befindet, dem mit nunmehr über 25.000 Studierenden größten Hochschulstandort in Thüringen. Natürlich ist es  den Kinderschuhen längst entwachsen und steht nunmehr über zwanzigjährig sehr gut auf eigenen Füßen. Die Kontakte zum Studentenwerk Erlangen-Nürnberg bestehen aber wie auch zu anderen Partnereinrichtungen weiterhin und bereichern die Arbeit immer wieder auf vielfältige Weise.

Die aufregenden und bewegenden Anfangs- und Aufbaujahre, die wir gemeinsam mit den Erlanger Kollegen bewältigt haben, bleiben so in guter Erinnerung und werden auch mit dem     fünfundzwanzigjährigen Jubiläum unserer Städtepartnerschaft gewürdigt.

Dr. Ralf Schmidt-Röh, Geschäftsführer, Studentenwerk Thüringen, Jena, 15.09.12

06.10.2012
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