Sie haben Javascript deaktiviert und können somit nicht alle Funktionen dieser Website benutzen. Um Ihnen ein bestmögliches Surferlebnis zu ermöglichen, sollten Sie Javascript in Ihrem Browser aktivieren.

Rennes Aktuelles

Chapeau, du schönes Rennes!

Eindrücke eines Reisenden en passant

Henri IV soll einmal gesagt haben, wenn er nicht König von Frankreich wäre, würde er nach Vitré ziehen, weil es da so schön sei. Den Gast aus Erlangen bringt Rennes in die nämliche Bredouille: Wäre er nicht schon Bürger der Hugenottenstadt, müßte er eigentlich stante pede in die Kapitale der Bretagne ziehen.

Rennes Vitré Burg

Rennes ist eine Stadt wie fürs Leben gemacht, für ein Leben, wie man es sich in Frankreich vorstellt. Weltoffen, gastfreundlich, großzügig und voll guten Geschmacks in allen Dingen. Eine Stadt, wo sich Besucher – auch unangemeldete – ebenso wohl fühlen wie Einheimische.

Rennes crêperie

Man muß kein Soziologe sein, um zu begreifen, warum das so ist. Geneviève Letourneux, im fünfzehnköpfigen Referentenkollegium zuständig für Kulturvermittlung, erklärt, was das besondere Flair von Rennes ausmacht: als Politiker immer nah am Bürger dran bleiben.

Rennes Tasche

Das hört sich so einfach an – und zeigt sich doch in so vielen Dingen, die getan werden wollen, um eine lebens- und liebenswerte Atmosphäre zu schaffen. Dinge, die eben – genau wie das Savoir vivre – nur die Franzosen mit der ihnen eigenen Leichtigkeit, Eleganz und Nonchalance schaffen, wo wir Deutschen bierernst im Schweiße unseres Angesichts und – geben wir es zu – manchmal recht kleingeistig zu Werke gehen.

Rennes Geneviève Letourneux

Referent in Rennes zu sein, bedeutet, im Turnus immer für eine ganze Woche im Bürgeramt Dienst zu tun und sogar nachts in Rufbereitschaft zu sein, gleich um welche Fragen es geht. So verliert man nie den Kontakt zu den Wählern, zum richtigen Leben, zu den eigenen Ansprüchen und Versprechungen, zu den verschiedenen Aufgaben einer Stadtverwaltung. Geneviève Letourneux nimmt diesen Dienst am Bürger – und natürlich auch am Überraschungsbesucher aus Erlangen – ernst und berichtet gerne von ihren Erfahrungen. Übrigens in einem charmanten Deutsch, das sie sich aus der Schulzeit bewahrt hat und das sie gerne einmal in Erlangen auffrischen würde, zumal sie noch nie in der Partnerstadt war.

Rennes transat

Man stelle sich in Erlangen einmal vor: Auf dem Rathausplatz stehen Liegestühle, in denen Beamte und Angestellte nebst Stadträten und Referenten gemeinsam mit Passanten und Gästen der Stadt eine kleine Siesta halten. Hieße es da nicht gleich, die aus dem Rathaus täten ohnehin nichts, und würden ihre Untätigkeit auch noch offen zur Schau stellen? Über soviel Miesepetrigkeit kann man in Rennes nur charmant lächeln. Hier sieht man das Angebot zur Entspannung als Ausgleich für die Daheimgebliebenen und Gäste, als Referenz an jene, die in der Ferienzeit nicht das Weite suchen können oder wollen. Und tatsächlich. Wie entspannt es hier zugeht, wie rücksichtsvoll gegenüber einander – bevor man wieder ins Rathaus an seinen Arbeitsplatz geht oder seine Entdeckungstour durch eine herrliche Stadt fortsetzt.

Rennes jardin pavillion 2

Gäbe es einen Schönheitswettbewerb unter Erlangens Partnerstädten, der Grand Prix würde Rennes gebühren.

Rennes jardin pavillion

Ja, es ist ungerecht, so zu urteilen, weil jede andere Partnerstadt ihre ganz eigenen Reize zu zeigen weiß. Aber nirgendwo findet man diese legere Grandeur wie hier, nirgendwo diesen exquisiten Haut Gout, nirgendwo diese tolerante Façon, jeden nach seiner Art glücklich zu werden.

Rennes Jardin Garcon

Das Glück in Rennes ist menschengemacht. Und durchdacht. Man wolle keine Vorstädte oder gar Ghettos, abgekoppelt vom Zentrum. Daher die führerlose U-Bahn (von der Siemens AG), für jeden und überall in der Stadt rasch erreichbar.

Rennes police municipale

Daher die Polizisten auf Fahrrädern, die auch vor dem Rathaus als freundliche Helfer in Erscheinung treten.

Rennes Fahrradstation

Daher überall in der Stadt Tankstellen und Abstellplätze für E-Bikes.

Rennes Fachwerk

Daher vor allem die vielen Blumen und Rabatten, die den Besucher im Gedanken an Erlangen und die herrschende floristische Sparpolitik bitterlich weinen lassen. Es genügt eben nicht, wie Geneviève Letourneux bemerkt, zu den Städten mit der niedrigsten Arbeitslosenquote Frankreichs zu gehören, man muß die Menschen auch die Schönheit erleben lassen. Denn der Mensch lebt nicht von Arbeit und Brot allein.

Rennes triangle

Dazu gehört auch Kultur an allen Ecken im Stadtzentrum, besonders im August. Ein bunter Konzertreigen, zumeist unter freiem Himmel – und kostenlos. Ebenso wie im sogenannten Triangle, wo am Abend schon mal das Staatliche Jugendsymphonieorchester ein Gratiskonzert gibt. Vor 1.700 aufmerksamen Zuhörern, darunter viele Kinder und Jugendliche. Und das bei einem durchaus anspruchsvollen Repertoire, zu dem auch ein Werk des zeitgenössischen deutschen Komponisten, Steffen Schleiermacher, gehört, frisch geprobt, erst wenige Tage zuvor uraufgeführt und bravourös interpretiert.

Rennes Tee-Fahrrad

Welcher Witzbold sich wohl den Namen Vilaine für den Fluß ausdachte, an dem das wunderschöne Rennes liegt? Bedeutet er doch so viel wie „unansehnlich, widerspenstig, bösartig“ und vieles mehr, was man dem so friedlichen Wasserlauf gar nicht zutraut. Vor allem nicht wo doch die Vilaine seit Mitte des 19. Jahrhunderts ins Korsett eines Kanals gezwängt ist. Aber vielleicht sollte da ja auch nur ein Kontrast geschaffen werden, der den Blick für die feinen Nuancen schärft, genauer hinsehen läßt. Und das lohnt sich wirklich in Rennes.

Rennes Fachwerkhäuser

Eine famose Altstadt mit jungem und gepflegtem Gesicht, die ein ähnliches Schicksal erlitt wie ihr Erlanger Pendant – abgebrannt und wiedererstanden aus Ruinen; weitläufige Parks mit Skulpturen, Bauten und immer wieder dieser Blumenpracht, daß einem die Augen übergehen – und Menschen von einer aufgeräumten Freundlichkeit, von der man gar nicht genug bekommen kann.

      Rennes travailleur

Eine barocke Planstadt mit all den ebenso strengen wie lichten Prospekten und doch auch mit diesen inspirierten Ecken und Winkeln, wo jeder angeregte Plausch in einem der ungezählten Straßenrestaurants mühelos in eine Causerie voller Esprit übergeht.

Rennes Rathausschild Bretonisch

Die imposanten Fachwerkhäuser der Patrizier heißen hier Hôtels, das Rathaus, dessen prunkender Festsaal eine Besichtigung wert ist, nennt sich Hôtel de Ville – auf Bretonisch Ti-Kêr -, und am Ende einer noch so kurzen Tour weiß man gar nicht mehr recht, wie viele Palais man nun gesehen hat. Nur eines ist klar: Rennes ist mehr als eine Reise wert – und vor allem mehr als eine Tagesreise!

Rennes schöne Straße

Das vor allem, wenn man auch noch Abstecher macht in das bereits eingangs erwähnte Vitré, das den Vergleich mit Rothenburg o.d.T. nicht zu scheuen braucht, seine Reize aber viel schüchterner zeigt und noch fast unentdeckt wirkt.

Rennes Merlin Grab

Oder nach Saint Malo, diese Perle an der Smaragdküste mit ihren wuchtigen Bauten aus Zeiten der Korsaren und den gepflegten Sandstränden.

Rennes Saint Malo

Rennes Smaragdküste

Oder zu des Zauberers Merlin Grab im Zauberwald mit einer urwüchsigen Vegetation, wie man sie andernorts in der Bretagne kaum mehr antrifft.

Rennes Mont Saint Michel

Oder zum krönenden Abschluß zum Mont Saint Michel, wo die erfreulicherweise gar nicht so zahlreichen Besucher im August von 19.00 bis 23.00 Uhr ein überwältigendes Spiel aus Licht und Schatten erwartet, mit dezenter Musik untermalt, gespielt von jungen Interpreten in verschiedenen Räumen des architektonischen Gesamtkunstwerks.

Rennes Mont Saint Michel lune

      Rennes Mont Saint Michel Lichtspiele

Erlangen darf stolz sein, mit der Hauptstadt der Bretagne eine Jumelage zu pflegen. Die Verbindung bietet alles für den Austausch, von den Universitäten bis hin zur Wirtschaft. Vor allem aber bietet Rennes Flair und widerspricht mit seinem bloßen Sein dem Schein des Dichters Stendhal. Der meinte einmal, die Menschen empfänden wegen ihres individuellen Lustgefühls die Schönheit je anders, oft sogar konträr. „Daher erklärt es sich“, so der Autor, „daß einer etwas für schön hält, was dem anderen häßlich vorkommt.“

Rennes Parlement

Daraus darf man den Schluß ziehen, daß Stendhal nie in Rennes war und nicht einmal mit einem Besucher von Rennes gesprochen haben dürfte. Andernfalls hätte er erkennen und anmerken müssen, daß es da eine Stadt gibt, das sein Bonmot ad absurdum führt. Es ist nämlich schlechtweg undenkbar, Rennes anders als schön, als wunderschön zu erleben.

Rennes-Karte

Peter Steger, 29.07.2011

05.10.2021
» zurück zur Übersicht

Weiterführende Informationen